Mag sein, dass es 2013 wegweisendere Musik gegeben hat als jene, die Jonathan Wilson auf seinem dritten Album wie einen kostbaren Perserteppich ausrollt. Dafür ist Fanfare so retrospektiv, dass es schon gespenstisch ist. Es beschwört in jeder Note und jedem Moment der Stille den Geist von Laurel Canyon, dem legendären Epizentrum der Hippiekultur. Neu ist das alles nicht. Na und?

Heute stehen an den steilen bewaldeten Hängen des Laurel Canyon exklusive Villen auf Stelzen. Topografie und Vegetation des Bergrückens zwischen Los Angeles und dem San Fernando Valley erinnern an die Toskana und zogen früh Künstler an, die die Abgeschiedenheit schätzten. In den Sechzigern wurde die Gegend zum Refugium für jene Freaks, von denen bald die Gegenkultur ausgehen sollte. Damals lebten und arbeiteten sie alle hier, von Frank Zappa bis Joni Mitchell. Die Canyon-Szene wäre ein Fall für die Geschichtsbücher, hätte Jonathan Wilson dem Sound einer versunkenen Ära nicht im Alleingang – nein, eben kein Denkmal gesetzt, sondern neues Leben eingehaucht.

Wilson, 38, wirkt mit Bart und fettigem Langhaar nicht nur wie ein spätes Blumenkind, er lebt auch so. Sein Geld verdiente er bisher mit dem Nachbau historischer Gitarren, er hatte einen Laden im Laurel Canyon und konnte für Fanfare ein paar Nachbarn und Überlebende jener Ära gewinnen. Jackson Browne spielt bei ein paar Liedern mit, er stellte Wilson auch sein antikes Aufnahmegerät von 1977 zur Verfügung. Für den warmen Klang bürgen die analoge Aufnahmetechnik und, im Mittelpunkt fast aller Kompositionen, ein echter Konzertflügel. In Gastrollen glänzen Glockenspiel, Flügelhorn, Jazzflöte, Hammondorgel und Tubular Bells – organischer Folkrock als entspanntes Ausstattungskino in Samt und Sepia. Mit verblüffenden Wendungen gerade dann, wenn man einen Song schon für auserzählt, eine Melodie bereits für durchdekliniert hält. Gleiches gilt für schwelgerische E-Gitarren-Soli, die Wilson wie endlose Perlenketten immer weiter durch die Finger gleiten lässt. Einmal erinnert der männliche Harmoniegesang ein wenig zu sehr an David Crosby und Graham Nash – was daran liegt, dass hier tatsächlich Crosby und Nash ihre beste gemeinsame Vorstellung seit Jahrzehnten geben. Das ist Reenactment mit Zeitzeugen und hat Methode. Und wenn es so etwas wie ein Leitmotiv gibt auf Fanfare, dann sind es die überall wie Ostereier versteckten Reverenzen auf Pink Floyd in ihrer ästhetischen Blüte.

Fanfare funktioniert wie ein magischer Bahnhof, von dem aus Züge nach Oz, Eldorado, Shangri-La oder eben Laurel Canyon fahren. Einsteigen auf die vielen Anspielungen muss man nicht. Es genügt, durch die weiten Hallen zu wandeln und sich von ihrer klassischen Architektur bezaubern zu lassen.

Jonathan Wilson: Fanfare (PIAS/Bella Union/ Rough Trade)