DIE ZEIT: Herr Obermann, sollte Deutschland dem Whistleblower Edward Snowden Asyl gewähren?

René Obermann: Mein Herz sagt Ja. Aber mein Verstand sagt, dass die Dinge kompliziert sind und ich zum Beispiel nicht weiß, welche juristischen und politischen Konsequenzen eine solche Entscheidung hätte.

ZEIT: Warum sagen Sie vom Herzen her Ja?

Obermann: Ich glaube, dass Edward Snowden aus einer schweren Gewissenskrise heraus gehandelt hat. Weder wollte er seinem Heimatland schaden, noch ging es ihm um persönliche Anerkennung. Er war überzeugt davon, einer fundamentalen Fehlentwicklung entgegentreten zu müssen. Und er wusste, dass er nach der Veröffentlichung der Spähaffäre unter extrem schwierigen Bedingungen leben würde.

ZEIT: Können Sie sich eine Situation vorstellen, in der Sie ähnlich verfahren würden wie Herr Snowden?

Obermann: Wenn ich Zeuge massiven Unrechts würde, wäre das sicher eine schwere Prüfung. Ich weiß nur ehrlich gesagt nicht, ob ich am Ende denselben Mut hätte wie Herr Snowden.

ZEIT: Erst war den Deutschen das Internet fremd, dann war es ein Freiheitsversprechen. Nun ist es bei George Orwell angelangt. Was versprechen Sie sich für die Deutschen vom Internet, ist das ein Medium, das uns neue Freiheiten bringt, uns neue Zwänge auferlegt, oder macht es uns gar doof?

Obermann: Ich bin kein Maschinenstürmer. Im Gegenteil. Ich glaube daran, dass Technologien und Innovationen das Leben von Menschen verbessern. Das Internet ist unterm Strich ein großer Segen. Es hat die Kraft, die Welt positiv zu verändern. Weil es zum Beispiel einen unglaublichen Spielraum für Kreativität bietet. Oder weil es für mehr Chancengerechtigkeit sorgt. Das Wissen der Welt ist heute per Klick frei verfügbar, langfristig für fast jeden Menschen auf der Welt und unabhängig von der sozialen Herkunft. Gerade deshalb darf das Netz kein rechtsfreier Raum sein, in dem die Privatsphäre und Bürgerrechte mit Füßen getreten werden oder Kriminelle ihren Machenschaften nachgehen können.

ZEIT: Das Internet hat unsere Kommunikation revolutioniert. Warnen Sie zum Beispiel Ihre Töchter davor, persönliche Fotos zu posten?

Obermann: Wenn ich bei unseren Teenagerkindern sehe, wie sie lernen, wie selbstverständlich sie Informationsquellen im Netz nutzen, finde ich das ein Riesengeschenk. Ich spreche mit ihnen über die Bedeutung der veröffentlichten Privatsphäre und über Gefahren im Netz. Aber ich maße mir nicht an, ihnen in puncto Soziale Netzwerke etwas zu verbieten.

ZEIT: Wie schützen Sie sich selbst im Netz?

Obermann: Ich richte mein Kommunikationsverhalten nach der jeweiligen Bedeutung aus. Bin ich darin perfekt? Ich fürchte, nicht. Nach Expertenmeinung kann man sich vor gezielter Spionage von Geheimdiensten ohnehin nicht vollständig schützen. Dennoch verschlüssele ich wichtige Kommunikation. Und mit der neuen Generation von Kryptohandys wird sich auch ganz passabel arbeiten lassen.

ZEIT: Hatten Sie schon mal den Verdacht, dass Sie ausgespäht werden?

Obermann: Man kann darüber lange spekulieren. Am Ende tut man als Verantwortungsträger generell gut daran, sein Kommunikationsverhalten angemessen vorsichtig zu gestalten. Aber für eine Gesellschaft insgesamt ist es natürlich eine schiere Katastrophe, wenn sie in Sorge vor ständiger Überwachung lebt. Die Menschen haben dann das Gefühl, sie müssten sich benehmen, wie es sozial oder politisch erwünscht ist. Die Datenschutzaktivistin Anke Domscheit-Berg sagte dazu einmal, dass es der "feuchte Traum der Stasi" gewesen sei, solche Möglichkeiten zu haben.

ZEIT: Immer muss man überlegen, mit wem und worüber man kommuniziert und wie sicher das ist. Immer hat man diesen Filter im Kopf.

Obermann: Selbst viele Verantwortungsträger sagen mir, damit müsse man sich abfinden, das sei halt so. Wir sind bei Big Brother angekommen, und die Menschen zucken mit den Achseln, als wäre es das Normalste der Welt? Wir sollten das nicht einfach hinnehmen!

ZEIT: Die Empörung nach den ersten Enthüllungen von Edward Snowden war nicht sehr groß. Erst als herauskam, dass auch Angela Merkels Handy abgehört wurde, wurde sie etwas größer. Hat die Politik auf die Spähaffäre zu langsam und zu lasch reagiert?

Obermann: Ich übe hier keine generelle Politikkritik. Aber ich kann Ihnen sagen, wie ich reagieren würde, wenn ich in der EU-Kommission säße. Ich würde zum Beispiel die Debatte über "Safe Harbor" führen und mich dafür einsetzen, das existierende Abkommen zur Datenweitergabe neu zu verhandeln, klare und scharfe Regeln einzuführen – und einen Sanktionskatalog, wenn dagegen verstoßen wird. Ich würde mich mit der Industrie beraten, wie wir mehr Technologiesouveränität bekommen, um unsere Informationen und unsere Bürgerrechte zu schützen. Ich würde also etwas unternehmen. Aber wie ich den Medien entnommen habe, wird die Neuverhandlung des Abkommens von der Tagesordnung genommen. Ich weiß nicht, warum das so ist. Haben Sie eine Antwort darauf?