Fünf Minuten sind es vom Stuttgarter Hauptbahnhof bis zu den Erfindern der neuen Schulpolitik in Baden-Württemberg. Nur ein paar Schritte, um von der einen Großbaustelle zur nächsten zu gelangen. Thouretstraße 6, ein grauer Steinkoloss beherbergt das Kultusministerium. Hinter dicken Mauern fallen hier die Entscheidungen, die das Land zurzeit am meisten umtreibt, die die einen in Aufruhr, die anderen in Euphorie versetzen. Ähnlich wie das Großprojekt Stuttgart 21 steht auch der Umbau der baden-württembergischen Schulen unter permanenter Beobachtung.

Zweieinhalb Jahre nach der Regierungsübernahme durch Grün-Rot herrscht im einstigen Bildungsvorzeigeland nervöse Verunsicherung. Nur noch Durchschnitt! Zu diesem Schluss kam vor einigen Wochen der Ländervergleich des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. 50 Prozent der baden-württembergischen Schüler, die kein Gymnasium besuchten, schaffen in Mathematik und den Naturwissenschaften nicht mehr die geforderten Mindeststandards. Verdrängt aus der früheren Spitzengruppe, liegt Baden-Württemberg damit weit hinter Bayern und sämtlichen ostdeutschen Ländern.

Was ist passiert? Wer hat diesen beachtlichen Abstieg zu verantworten? Und kennt die grün-rote Schulpolitik die richtigen Antworten, um die Schüler zurück an die Spitze zu bringen? Zeit für eine Reise durch ein gespaltenes und in seinem Selbstbewusstsein angeknackstes Bundesland. Zu alten und neuen Schulformen, kämpfenden Hauptschullehrern, einem Wissenschaftler, der kaum gehört wird, und optimistischen Politikern.

Der SPD-Politiker Norbert Zeller hat es lange wohl selbst nicht für möglich gehalten, dass er seine Besucher eines Tages im Kultusministerium empfängt. Für den ehemaligen Sonderschulpädagogen muss es ein Triumph gewesen sein, endlich all die Konzepte aus den Schubladen ziehen zu können, von denen jahrzehntelang niemand etwas wissen wollte. "Stabsstelle Gemeinschaftsschule" steht an seiner Tür. Zeller ist damit zum Zentrum des bildungspolitischen Aufbruchs der neuen Regierung geworden, zum Gesicht ihres wichtigsten Prestigeprojektes.

Schwäbische Freundlichkeit, eine Tasse grüner Tee und ein bunter Flyer dazu. Den würden ihm die Leute zurzeit aus der Hand reißen, sagt Zeller. "Vielfalt macht schlauer. Die Gemeinschaftsschule" steht darauf. Darüber ein Bild mit glücklichen Kindern in Siegerpose. Was denn die größte Hoffnung sei, die man mit der Gemeinschaftsschule verbinde? Ein kurzer Moment des Schweigens. "Gute Frage", sagt Zeller dann gedehnt. "Die hat mir noch keiner gestellt." Es gehe um ein neues Verständnis vom Lernen, ohne Druck, ohne Noten, "individuell und kooperativ", auf jedes Kind zugeschnitten, es gehe darum, Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft optimal zu fördern. Man wolle "eine Evolution, keine Revolution". Das politische Ziel sei mehr Bildungsgerechtigkeit, das "Ende des ständestaatlichen Denkens". Vorsichtig, als bewege er sich auf einem gefährlichen Minenfeld, tastet sich Zeller durch seine Sätze. Jede Kritik an der Gemeinschaftsschule ist schließlich immer auch eine Kritik an ihm.

Zum SPD-Kultusminister fährt der Fahrstuhl fast bis unters Dach. Andreas Stoch hat 45 Minuten Zeit. Zu wenig für den Berg an Problemen, auf dem er gerade sitzt. Ganz oben: der demografische Wandel. Die Schülerzahlen sinken, bis 2020 um 20 Prozent. Das heißt: Die kleinen Kommunen auf dem Land fürchten um ihre Schulen und die Lehrer um ihre Arbeitsplätze. 11 600 Lehrer weniger soll es in den nächsten sechs Jahren geben. Stoch muss demnächst entscheiden, welche Schulen überleben dürfen, welche nicht. Dann das Jammern über die verkürzte Abiturzeit, die ständig nörgelnden Eltern, die immer mehr Gymnasien verlangen, die in neun statt in acht Jahren zum Abitur führen. Die Baustellen Ganztagsschule und Bildungsgerechtigkeit – in beidem ist Baden-Württemberg einsames Schlusslicht im Ranking der Bundesländer. Alles Themen, an denen sich vor Stoch niemand die Finger verbrennen wollte.

Seine CDU-Vorgänger verbissen sich lieber in die letzten Gefechte um das dreigliedrige Schulsystem, auch wenn sich fast alle anderen Bundesländer nach und nach davon verabschiedeten. Und als dann endlich die SPD die Fäden in der Hand hielt, schickte man Gabriele Warminski-Leitheußer ins Amt, die, wie Beobachter sagen, mit einer "Laienspielgruppe aus Freunden und Bekannten" ins Ministerium eingezogen sei, es sich in kürzester Zeit mit Eltern und Lehrern verscherzt und Expertenmeinungen mit Aussagen wie "Denken kann ich alleine" zurückgewiesen habe. Dafür bewilligte sie im Eiltempo Gemeinschaftsschulen und erlaubte jedem Bürgermeister, der seine Hauptschule retten wollte, an die schwächste aller Schulformen ein neues Schild zu kleben. Den Eltern versprach sie, dass ihre Kinder dort sogar bis zum Abitur gelangen könnten, mit einem Jahr mehr Zeit als am Gymnasium. Etikettenschwindel, riefen da viele. Pädagogischer Irrsinn! Hirngespinste! Reine Ideologie!

Der Pragmatiker Stoch versucht seit elf Monaten, das Chaos zu beenden. Er hat einen neuen Amtschef ins Ministerium berufen und mit mäßiger Enttäuschung auf den Rückzug des Schweizer Reformpädagogen Peter Fratton reagiert. Ihn hatte die SPD in den letzten Jahren zum Kronzeugen der neuen Lernkultur gemacht. Der Gründer und Berater mehrerer privater Lernhäuser und Schulen war nicht nur durch seine umstrittenen "pädagogischen Urbitten" (Bringe mir nichts bei, erkläre mir nichts, erziehe mich nicht, motiviere mich nicht) in die Kritik geraten. Es schien, als baue die SPD aus Mangel an eigenen Konzepten die Schulen eines ganzen Bundeslandes allein nach Frattons Lehren um. Und obwohl man seinen Einfluss auf die Arbeit im Kultusministerium inzwischen geflissentlich herunterspielt, sind viele Lehrer längst durch die von Fratton erarbeiteten Fortbildungen gegangen, und die von ihm geprägten Begrifflichkeiten vom Lernbegleiter, Lernpartner, der Lernfamilie oder dem Lernatelier haben längst Einzug in die neuen Gemeinschaftsschulen gehalten. Sein Name fällt ständig. "Fratton muss man einmal gehört und erlebt haben", wird später einer der neuen Lernbegleiter sagen. "Der reißt die alten Denkgebäude ein. Danach glaubt man, alles sei möglich."