Sie schütteln ihm die Hand, sie lächeln ihn freundlich an, aber was die Menschen nun von ihm halten, ob sie ihn jetzt noch wählen würden, das weiß Michael Adam nicht. Er steht an diesem Dezembermorgen in der Kantine des Landratsamts in Regen, Niederbayern, auf der Weihnachtsfeier der örtlichen Tagesmütter. Adam hält ein kurzes Grußwort, er sagt, er sei heute ja nur "dekoratives Beiwerk", er habe auch gar nicht viel Zeit. Nach zwanzig Minuten verabschiedet er sich, er müsse noch die nächste Ausschusssitzung vorbereiten. Michael Adam hält sich an seiner Tagesordnung fest. Die Arbeit des Landrats geht ja weiter, trotz allem, was passiert ist oben in seinem Dienstzimmer, im Stockwerk über der Kantine.

Sex im Amt – Es sollen auch Drogen im Spiel gewesen sein: Mit dieser Titelzeile erschütterte die Bild am Sonntag am 17. November das Leben von Michael Adam, der in der bayerischen Politik bis zu diesem Tag eine Art Popstar gewesen war. Jüngster Bürgermeister Deutschlands mit 23, seit 2011 Landrat von Regen, und das als evangelisch getaufter, mit einem Mann verheirateter Sozialdemokrat im schwarzen Bayern. Adam war ein nahbarer, irgendwie erfrischender Politiker, dem nicht nur Leute aus der eigenen Partei eine große Karriere zutrauten. Dann kamen die Schlagzeilen, und Adam, heute 28, schrumpfte zum "Sex-Landrat".

Zehn Tage später entschuldigte er sich auf einer Pressekonferenz und gab alles zu: Sex mit drei verschiedenen Männern in seinem Dienstzimmer in Regen und mit drei weiteren in seinem früheren Bürgermeisterbüro in Bodenmais, dazu den Konsum des in der Schwulenszene bekannten Aphrodisiakums Poppers. Seitdem hat Adam alle Interviewanfragen abgeblockt, bis jetzt.

Die Gaststätte Rialto in Regen, Mittagstisch inklusive 0,4-Liter-Getränk zu sechs Euro. Michael Adam sitzt vor einem Teller Gnocchi und ringt um die Deutung seiner Geschichte, um seinen Ruf. "Verbockt hat man’s ja grundsätzlich mal selber", sagt er. "Aber Sie werden nicht einen Kommunalpolitiker finden, der keinen Dreck am Stecken hat." In sein Schuldbewusstsein mischt sich allmählich auch Trotz. "Meine Frage ist: Welche Mechanismen haben gewirkt, dass die Geschichte so groß aufgezogen wurde? Das war ja eine Hexenjagd! Da fehlten als Reizwörter bloß noch Kindesmissbrauch und HIV."

Die Mechanismen, die aus dem Intimleben eines Kommunalpolitikers eine bundesweite Debatte machten, folgten den Regeln des Boulevards, der es selten versäumt, Verfehlungen auszuschlachten. Die Enthüllung warf viele Fragen auf, an Stammtischen, in Internetforen: Wie viel Sex verträgt die Politik? Ist ein Volksvertreter, der es in seinem Büro treibt, weiterhin tragbar oder nicht? Was wäre gewesen, wenn Adam mit jungen Frauen fremdgegangen wäre und nicht mit jungen Männern – genauso schlimm? Weniger schlimm? Gar nicht schlimm?

Aber das ist nur ein Teil dieser Geschichte. Der andere Teil hat nichts mit Sex zu tun und wurzelt in Michael Adam selbst, in seiner Persönlichkeit und seiner Art, Politik zu machen. Er tat das, was viele einfordern, denen die Politik zunehmend als Schauspiel aus Floskeln erscheint. Adam veranstaltete das Gegenteil: Er betrieb Politik ohne Filter.

"Es ist halt immer der Druck da: Der ist so jung, der muss jetzt richtig Gas geben. Ich war praktisch immer im Dienst", sagt Adam. "Die Differenzierung zwischen Berufs- und Privatleben hat es so nicht gegeben."