Steffi Kühnert muss lachen. Es passiert ihr immer an derselben Stelle. Nämlich dann, wenn der Schauspielschüler, der vor ihr auf der Probebühne steht, anfängt zu weinen. Etwa zehn Mal spielt er die Szene: Einen Mann, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde, Liebeskummer und Selbstmitleid brechen über ihn herein. Und jedes Mal lacht Steffi Kühnert.

Sie sitzt in einem kleinen Raum in der Ernst-Busch-Schauspielschule in Prenzlauer Berg in Berlin. Die Rollläden sind zu, ein Scheinwerfer brennt, nichts soll die Arbeit stören. Hier bringt sie den Studenten bei, was sie selbst im Kino und auf der Bühne immer wieder zeigt: dass tragische Momente oft ziemlich komisch sind.

Steffi Kühnert ist 50 Jahre alt, sie hat mit Andreas Dresen, Leander Haußmann und Michael Haneke Filme gedreht. Trotzdem kennen viele Zuschauer ihren Namen nicht. Vielleicht, weil sie hinter den Rollen auf merkwürdige Weise verschwindet: Über die Allerweltsfrauen, die sie spielt, vergisst man die Ausnahmeschauspielerin, die sie ist.

Sie berlinert, mindestens so stark wie in den Filmen. "Weeste, was ick meene?", sagt sie zu ihrem Studenten, "Wa?" und, zum Abschied, "Juti". So kennt man sie aus den meisten Rollen, unkompliziert, bodenständig. Im echten Leben sieht Steffi Kühnert mehr wie eine Lady aus: schicker schwarzer Strickpulli, Stiefel, roter Nagellack. Zierlicher als in den Filmen wirkt sie. Das Gesicht aber ist dasselbe: die hohen, kräftigen Augenbrauen, das mädchenhafte Lächeln – schön und doch unauffällig.

Steffi Kühnert ist Spezialistin für normale Menschen. Sie spielt Straßenbahnfahrerinnen, Schneiderinnen, Parfumverkäuferinnen, Versicherungsvertreterinnen, Tankstellenangestellte, Arbeitslose. Bei anderen Schauspielern wirken solche Rollen schnell peinlich. Bei Steffi Kühnert aber hat jede Figur ihre Würde, egal, wie tief sie in der Scheiße steckt.

In ihrem neuen Film, Marc Rensings Die Frau, die sich traut, spielt sie die 50-jährige Beate, die in einer Wäscherei und für ihre Familie rund um die Uhr als Köchin und Kinderbetreuerin arbeitet. Eigene Wünsche hat sie nicht mehr, ihre beste Freundin nennt sie Ömchen, und ihre Tochter schaut auf sie herab – sie ist der Lastesel der Familie. Als Beate Krebs bekommt, beschließt sie, ihr Leben zu ändern: Sie, die in ihrer Jugend Leistungsschwimmerin war, will durch den Ärmelkanal schwimmen.

Einmal kommt Beate nach Hause, bepackt mit Einkaufstüten, und der erwachsene Sohn sagt ihr für den Abend ab; sie wollten zusammen ins Kino. Eine Weile sagt sie nichts. Dann spült sie die Tupperdose und fragt, ob das Gulasch geschmeckt habe.

Woher ihre Empathie mit den Schwachen kommt, weiß Steffi Kühnert selbst nicht so genau. Sie suche sich diese Rollen nicht absichtlich aus, sagt sie. Aber: "Ich habe keine Berührungsängste, Menschen darzustellen, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen." Und dann, zögernd: "Vielleicht weil ich selbst so unglaublich umsorgt aufgewachsen bin."