ZEITmagazin: Gibt es Waren, die die Deutschen am besten können?

Brackemann: Bei der ganzen Weißen Ware, also Waschmaschinen, Wäschetrocknern und Geschirrspülern, kommen die besten Produkte immer noch von deutschen Unternehmen.

ZEITmagazin: Warum testen Sie nie Autos? Trauen Sie sich nicht, sich mit der Autoindustrie anzulegen?

Brackemann: Nein, wir haben Autotests bis in die neunziger Jahre durchgeführt. Die waren aufwendig und vor allem teuer, wir kaufen unsere Testprodukte ja im Handel ein. Die Ergebnisse sind bei unseren Lesern aber nicht auf ein sehr hohes Interesse gestoßen. Man sucht diese Tests offenbar eher in Autozeitschriften.

ZEITmagazin: Wenn man sich die Tests der ersten Jahre anschaut, findet man auch immer wieder Heizkissen. Wird den Deutschen inzwischen von innen heraus warm?

Brackemann: Stimmt – die Verkaufszahlen von Heizkissen sind inzwischen sehr überschaubar, vermutlich weil es heute weniger Wohnungen mit Kohleheizung gibt. Deshalb testen wir das auch schon lange nicht mehr.

ZEITmagazin: Eine hohe Glaubwürdigkeit haben für viele Menschen Produkte aus dem Manufactum-Katalog. Das Fahrradschloss "Tigr Lock", das bei Manufactum für 180 Euro verkauft wurde, hat eine Stiftung-Warentest-Praktikantin in wenigen Sekunden mit einem Bolzenschneider geknackt. Ein Ausreißer?

Brackemann: Wir hatten bessere und schlechtere Manufactum-Produkte in unseren Tests, aber häufig eben auch Ausfälle. Zum Beispiel dieser Balsam-Essig ...

ZEITmagazin: ... "Giuseppe Giusti, dal 1650 Banda Rossa", zu 196 Euro den Liter. Was war das Problem? Warum wurde der bei Ihrem Test 2011 schlechter bewertet als "Netto Markendiscount Mamma Gina" zu 1,70 den Liter?

Brackemann: Giuseppe Giusti war geschmacklich sogar sehr gut, aber es gibt klare Regelungen, dass ein Aceto Balsamico di Modena nur aus Trauben hergestellt sein darf. Und wir hatten mit einer neuen Untersuchungsmethode herausgefunden, dass ein Teil des Zuckers bei diesem Balsamico nicht aus der Traube, sondern aus der Zuckerrübe kam.

ZEITmagazin: Also vergab die Stiftung an das Familienunternehmen, dessen Gründer vor 400 Jahren den Aceto Balsamico erfunden haben soll, ein Mangelhaft. Was passierte dann?

Brackemann: Der italienische Botschafter schrieb uns einen Brief, in dem er argumentierte, die von uns verwendete Methode sei nicht geeignet. Von der Firma selbst hörten wir noch, der Balsamico sei schon so alt, dass zum Zeitpunkt der Herstellung die Richtlinien noch gar nicht gültig gewesen seien. Mit diesen Argumenten ging der Hersteller auch vor Gericht. Wir konnten aber zeigen, dass unsere Methode geeignet und der Balsamico auch nicht so alt war, und haben den Prozess gewonnen.

ZEITmagazin: Kann ich bei teuren Produkten wenigstens auf faire Produktionsbedingungen hoffen?

Brackemann: Nicht unbedingt. Bei Markenjeans zum Beispiel geht der Großteil des Preises für Marketing drauf, die Näherin bekommt vielleicht ein Prozent und weniger vom Ladenpreis. Und ob die Firma sich um die Arbeitsbedingungen vor Ort in Bangladesch oder der Türkei kümmert, können Sie am Preis nicht ablesen. Es gibt auch hier generell bestimmte Schwellen nach unten hin, wo man sagen muss: Billiger kann man ein Produkt unter akzeptablen Arbeitsbedingungen nicht herstellen.

Heute wollen die Kunden nicht nur wissen, ob ein Kleidungsstück lange hält, sondern wie es hergestellt wurde © Stiftung-Warentest-Archiv

ZEITmagazin: Bei Jeans haben Sie vor zwei Jahren die Produktionsbedingungen geprüft. Da haben Zehn-Euro-Jeans von Kik, das wegen Kinderarbeit extrem in Verruf geraten ist, oder 40-Euro-Jeans von H&M ganz gut abgeschnitten.

Brackemann: Na ja, die Besten waren hier "befriedigend", das waren H&M und Zara. Und Kik war lediglich "ausreichend", aber sie zeigen immerhin ansatzweise Verantwortungsbewusstsein. Kik ist auch durch den öffentlichen Druck in Bewegung geraten.

ZEITmagazin: Während Firmen wie Boss, Lee oder Diesel, deren Jeans teilweise über 200 Euro kosten, den Testern nicht mal ihre Hersteller nennen wollten.

Brackemann: Das hat uns auch erstaunt. Ich glaube, es wäre ein Fehler, zu sagen, dass alle, die billiger anbieten, automatisch weniger verantwortungsvoll sind. Auch da ist der Preis eindeutig keine Leitlinie.

ZEITmagazin: Trotzdem wollen viele Menschen beim Kauf von teuren Markenprodukten immer noch glauben, dass diese gut und langlebig sind, ihnen Ansehen und Zugehörigkeit verschaffen und weder Mensch noch Umwelt schädigen. Ist es übertrieben, zu sagen, dass jeder Konsumakt eine Art Gebet ist, dessen Wirkung zwar unbewiesen ist, aber menschlichen Heilserwartungen Ausdruck verleiht?

Brackemann: Bei bestimmten Produkten haben Sie Erfahrungswerte. Wenn Sie ein Waschmittel verwenden, das Ihre Ansprüche immer erfüllt hat, dann hoffen Sie nicht mehr, dann wissen Sie ja schon. Beim Kühlschrank, den ich alle 15 Jahre kaufe, oder bei der Riester-Versicherung, die ich einmal im Leben abschließe, habe ich solche Erfahrungswerte nicht. Ich will mich jetzt nicht zu sehr in die theologische Ecke begeben, aber ich würde sagen, da bleibt vielfach nur die Hoffnung. Und weil das so ist, klammert sich der Verbraucher an Merkmale wie Pixelzahlen bei Kameras oder Energieeffizienzklassen. Warum? Weil es wieder so eine vermeintlich einfache Orientierung ist. Deswegen sind Staubsauger jahrelang über die Wattzahl verkauft worden, dabei hat jeder Ingenieur gewusst: Ich muss die Energie, die ich in den Motor reinstecke, an der Düse wieder vernichten, weil ich sie gar nicht brauche.

ZEITmagazin: Und mit den Energieeffizienzklassen gibt es auch ein Problem?

Brackemann: Wir zweifeln tatsächlich bei manchen Produktgruppen an deren Sinnhaftigkeit. Bei den Waschmaschinen beispielsweise werden die Einstufungen durch Messungen in den Energiesparprogrammen vorgenommen, die viele Verbraucher aber nicht benutzen, weil sie sehr lange laufen.

ZEITmagazin: Macht es einen Unterschied, ob ein Produkt aus einem Familienunternehmen oder einem Konzern kommt?

Brackemann: Es gibt diesen Trend, Produkte von kleinen Manufakturen mit Geschichte zu kaufen, auch weil man glaubt, die Qualität sei dann höher. Das ist für mich eher ein Trugschluss. Um Qualität herzustellen, brauche ich fähige Mitarbeiter, gute Rohstoffe, eine sorgfältige Produktion, eine Qualitätssicherung, geeignete Prüflabors und natürlich ein gutes Management. Solche Maßnahmen sind am Ende viel wichtiger als die Frage, ob das ein familiengeführtes Unternehmen oder eine Aktiengesellschaft ist. Einen großen Unterschied sehen wir allerdings in der Art, mit der auf Testergebnisse reagiert wird. Die Emotionen sind bei einem inhabergeführten Unternehmen deutlich größer.

ZEITmagazin: Deshalb haben Sie auch Sicherheitstüren in der Lobby Ihrer Berliner Zentrale?

Brackemann: Das ist eher wegen ganz gewöhnlicher Bürodiebstähle. Und wir sind natürlich sensibel, was unveröffentlichte Informationen angeht. Aber diese Türen sollen uns nicht vor körperlichen Angriffen schützen.

ZEITmagazin: Es gab noch keinen Patriarchen, der hier mit seiner Schrotflinte aufgetaucht ist?

Brackemann: Nein. Aber gelegentlich kommen mittelständische Unternehmer, die wir schlecht getestet haben, bei uns vorbei.

ZEITmagazin: So wie Herr Ritter, dessen Ritter-Sport-Nussschokolade die Stiftung gerade mit "mangelhaft" bewertet hat, weil das Produkt angeblich nicht nur natürliche Aromen enthielt wie auf der Packung angegeben?

Brackemann: Der hat in der Tat am Abend der Veröffentlichung angerufen. Er schien entsetzt über das Urteil. Ich habe Herrn Ritter aber versichert, dass wir es nicht leichtfertig vergeben haben. Wir haben unser Analyseergebnis sorgfältig verifiziert.