ZEITmagazin: Nach der Wende haben Sie DDR-Produkte getestet, mit ermutigenden Ergebnissen. Da gab es die "Erica Elektronik Schreibmaschine", die gut abschnitt, oder einen "Drucker Präsident", der ebenso wie "Club Cola" zufriedenstellend war. Warum haben sich diese Marken nicht gehalten?

Brackemann: Warum sie sich nicht gehalten haben, weiß ich nicht, manche wurden auch von Westfirmen übernommen. Den Rotkäppchen-Sekt gibt es noch, den haben wir auch öfter mit ganz guten Ergebnissen getestet.

ZEITmagazin: Wie ist es mit Produkten, die von Prominenten beworben werden? Das Jamie-Oliver-Pesto bekam diesen Sommer bei einem Test nur ein Mangelhaft. "Basilikum aromaarm, riecht deutlich nach Knoblauch-Pulver", so die Begründung. Kann man von einem Koch nicht erwarten, dass er für ein besseres Produkt bürgt?

Brackemann: Wenn ich nach unseren Testurteilen gehe, muss ich sagen: Nur der gute Name reicht nicht. Wir haben in der Vergangenheit auch Hautcremes von Erika Berger und Uschi Glas kein gutes Zeugnis ausstellen können. Wir hatten auch mal einen Fön, also einen Haartrockner, von Udo Walz, der bestand keinen Falltest, ohne kaputtzugehen.

ZEITmagazin: Wieso haben Sie jetzt Haartrockner statt Fön gesagt?

Brackemann: Fön ist eine eingetragene Marke, von der AEG. Die richtige Produktbezeichnung ist Haartrockner.

ZEITmagazin: Sind Produkte besser, die von Unternehmen kommen, die sich auf wenige Produkte konzentrieren?

Brackemann: Da fällt mir jetzt spontan Samsung ein, das Unternehmen stellt viele unterschiedliche Produkte her, versus Apple, das auf wenige Produktgruppen spezialisiert ist. Beide erzielen bei uns regelmäßig gute Ergebnisse.

ZEITmagazin: Der große Erfolg von Apple ist also nicht nur dem Design und der Benutzerfreundlichkeit zu verdanken?

Brackemann: Nein. Apple sticht zwar tatsächlich bei der Handhabung hervor, aber sie machen auch insgesamt gute Produkte.

ZEITmagazin: Haben Sie jemals versucht, Design zu bewerten?

Brackemann: Ja, wir haben sogar mal einen Designer eingestellt, aber es ist uns letztlich nicht geglückt, gutes Design so zu definieren, dass es auch nach juristischen Kriterien zu prüfen ist.

ZEITmagazin: Frustriert es Sie manchmal, dass Sie testen und testen, und am Ende nehmen die Menschen doch, was ihnen am meisten gefällt?

Brackemann: Das ist zum Glück nicht immer so. Je modischer ein Produkt ist, desto weniger wird auf ein Testergebnis Wert gelegt. Aber es gibt doch viele Produkte, bei denen die äußere Erscheinung keine so große Rolle spielt: von der Waschmaschine über die Matratze bis zur Versicherung.

ZEITmagazin: Wenn Sie selbst einkaufen: Orientieren Sie sich an Testberichten?

Brackemann: Bei allen größeren Anschaffungen eindeutig ja. Bei uns zu Hause sind vom Fernseher über die Waschmaschine bis hin zum Salatessig ziemlich viele Produkte nach Test gekauft. Auch weil ich so nachvollziehen kann, was jeder Verbraucher mit den von uns getesteten Produkten erlebt.

ZEITmagazin: Gab es, neben den Computern, bei einer Produktgruppe in den letzten Jahrzehnten Quantensprünge?

Brackemann: Bei der Lebensmittelsicherheit. Wenn ich an meine Jugend denke, da war es nicht ungewöhnlich, dass der Genuss von Eiscreme zu Durchfällen führte, weil wir in bestimmten Bereichen keine funktionierenden Kühlketten hatten. Verdorbene Lebensmittel, Salmonellen, Schimmelpilze, Listerien – diese Risiken gibt es auch heute noch, aber ihr Auftreten ist seltener geworden.

ZEITmagazin: Heute haben die meisten Menschen mehr Angst vor chemischen Schadstoffen in Lebensmitteln.

Brackemann: Man vertraut der Natur automatisch, und sobald es chemisch wird, vielleicht noch eine gefährliche Bezeichnung hat, bekommt man Angst. Und man spürt keine unmittelbaren Folgen. Viele kritische Chemikalien wirken sich erst langfristig aus. Wer weiß schon, ob es der eine bestimmte Schadstoff war, der 20 Jahre später bei mir zu Krebs führt?

ZEITmagazin: Haben Sie eine Idee, wann im "test"-Hefte zum ersten Mal das Wort Bio auftaucht?

Brackemann: Ich tippe mal auf die frühen achtziger Jahre.

ZEITmagazin: 1971. Damals stand im "test"-Heft: "Bio, dieses Schlagwort will nach dem Waschmaschinen-Markt nun auch den der Geschirrspüler erobern." Es gab Bio-Calgonit, die AEG-Waschmaschine hatte ein Bio-Programm.

Brackemann: Zeitlich passt das. Die Umweltdiskussion begann ja Ende der sechziger Jahre, als es plötzlich diese Schaumberge auf den Flüssen gab – es wundert mich nicht, dass die Anbieter damals darauf reagiert haben und dann auch wir. Wir spiegeln immer das wider, was auf dem Markt stattfindet.

ZEITmagazin: In den Lebensmitteltests der letzten Jahre findet man in Sachen Schadstoffbelastung bei den Bioprodukten keine besonders überzeugenden Ergebnisse. Zum Beispiel beim Salattest von 2008: Da war ausgerechnet der Biosalat am stärksten mit Nitrat belastet.

Brackemann: Nitrat kann sowohl aus natürlichem Dünger wie Gülle als auch aus Kunstdünger stammen. Deshalb ist es durchaus möglich, dass Bioprodukte hohe Nitratwerte aufweisen. Wichtiger ist die Salatsorte und ob er drinnen oder draußen angebaut wird: Eisbergsalat enthielt deutlich mehr Nitrat als Feldsalat.

ZEITmagazin: Bei Hähnchenschenkeln wurde dieses Jahr die mikrobiologische Qualität getestet. Fünf konventionelle Produkte waren "gut" – darunter "Friki Geflügellaune" für 3,20 Euro das Kilo –, während der "Maître Coq le Volailler"-Bio-Mais-Hähnchenschenkel" mit einem Kilopreis von 13,90 ein Mangelhaft erzielte, wie auch drei andere Biohähnchen. Nur eines war "befriedigend".

Brackemann: Ja, in diesem Fall hatten die Bioanbieter ihre Herstellungskette offensichtlich nicht so gut im Griff. Aber immerhin, antibiotikaresistente Keime fanden wir bei Bioprodukten seltener. Bio bedeutet ja nicht automatisch, dass es mit dem Lebensmittel nicht auch gesundheitliche Probleme geben kann. Die Bio-Anforderungen betreffen im Wesentlichen Anbau oder Aufzucht. Und da trägt Bioanbau sehr dazu bei, dass die Umwelt weniger belastet wird und Tiere artgerechter behandelt werden. Ich würde es so zusammenfassen: Es gibt nur einige wenige Parameter, bei denen bio durchgängig deutlich besser abschneidet als konventionell, und dazu gehört der Pestizidgehalt.

ZEITmagazin: Aber ist die Pestizidbelastung noch ein Problem?

Brackemann: Die allermeisten Fachleute sagen heute, dass auch bei konventionell angebauten Lebensmitteln die Pestizidrisiken gering sind – wenn man mal von massiven Überschreitungen in Einzelfällen absieht.

ZEITmagazin: Kaufen Sie privat Biolebensmittel?

Brackemann: Wir wollen in der Familie nicht so viel Fleisch essen und investieren deshalb lieber das Geld, das wir insgesamt für Fleisch ausgeben wollen, in weniger Biofleisch. Auch weil es den Tieren etwas besser geht. Bei Hähnchen hat die Stiftung Warentest vor drei Jahren die Aufzuchtbedingungen angeschaut, und da war es schon so, dass Bio besser wegkam: Die Tiere haben mehr Platz, bestimmte schnell wachsende Rassen werden nicht gezüchtet.

ZEITmagazin: Ist die Botschaft der Stiftung Warentest, dass auch preiswerte Lebensmittel eine gute Qualität haben können, nicht sehr tröstlich in einer Zeit, in der man oft den Eindruck hat, nur wohlhabende Menschen könnten sich gesund ernähren?

Brackemann: Das freut uns auch und ist ein schönes Nebenergebnis unserer Arbeit.

ZEITmagazin: Die Stiftung Warentest wurde von der Bundesrepublik gegründet und wird zu einem kleinen Teil aus Steuermitteln finanziert. Hat man schon mal versucht, auf Ihre Ergebnisse politisch Einfluss zu nehmen?

Brackemann: Bisher haben Verbraucherschutzminister, egal welcher Partei sie angehörten, nicht versucht, auf unsere Arbeit Einfluss zu nehmen. Entgegen anderslautenden Gerüchten sind wir auch selbst – und nicht etwa die rot-grüne Regierung – darauf gekommen, die soziale Verantwortung der Unternehmen zu testen, was wir seit zehn Jahren tun.