ZEITmagazin: Bei der Finanzkrise haben auch die Rating-Agenturen versagt, die die Kreditwürdigkeit von Banken und Ländern viel zu gut bewertet haben. Kann man den Bewertungen der Stiftung mehr vertrauen?

Brackemann: Ich würde bei der Beurteilung von Tests immer fragen: Wer bezahlt sie? Schwierig wird es immer dann, wenn derjenige, der das Produkt anbietet, auch das Prüfinstitut bezahlt. Wir hören immer wieder, dass Hersteller, wenn sie bei einem Institut ihr Qualitätssiegel nicht bekommen, eben zum nächsten gehen, schließlich bezahlen sie den Test auch. Das schafft natürlich Anreize, laxer zu testen.

ZEITmagazin: Viele Menschen haben den Eindruck, dass Produkte heute oft direkt mit dem Ende der Garantie kaputtgehen. Erkennen Sie da eine Absicht der Hersteller?

Brackemann: Was Sie meinen, ist die geplante Obsoleszenz. Jeder hat es schon erlebt, dass ein Produkt kurz nach Ablauf der Garantiefrist kaputtgegangen ist. Aber man kann nicht von einem Haufen Einzelbeispiele auf die Gesamtheit schließen. Wir haben mal eine Umfrage gemacht, warum die Leute ihr Handy ausgewechselt haben, und da steht als häufigster Grund nicht "Akku am Ende" oder "Gerät defekt", sondern dass sie nach zwei Jahren ein neues wollen. Das Handy ist ja auch etwas, das ich, wie früher eine Armbanduhr, unauffällig vorzeigen kann.

ZEITmagazin: Wollen wir vielleicht gar nicht, dass Produkte langlebig sind? Sollen sie nur so aussehen, als begleiteten sie uns schon unser ganzes Leben? Die Jeans kommen im Used Look, die Möbel im Shabby Chic, alte Modelabels werden wiederbelebt, und der Klingelton des Handys wirkt, als käme er aus den siebziger Jahren ...

Brackemann: Ich glaube tatsächlich, dass die Menschen sich nach Produkten sehnen, die eine Geschichte haben, mit denen sie mehr verbindet. Vielleicht gerade weil wir im Konsum schnelllebiger geworden sind.

ZEITmagazin: Jenseits des geplanten Exitus – sinkt die Lebensdauer von Produkten?

Brackemann: Wir haben das mal bei Waschmaschinen und Staubsaugern über zehn Jahre verglichen und keinen Trend erkennen können. In meiner Kindheit – das ist jetzt natürlich rein subjektiv – hieß es regelmäßig: Zieht eure Hosen länger an, die Waschmaschine ist kaputt. Wenn Sie meinen Sohn fragen, wird er diese Erfahrung nicht kennen. Unsere Waschmaschine war noch nie kaputt.

ZEITmagazin: Haben Elektrogeräte, ähnlich wie Haustiere, eine berechenbare durchschnittliche Lebenserwartung?

Brackemann: Ja, es gibt Zahlen von Marktforschungsinstituten, aus denen man das ablesen kann: Ein Staubsauger wird nach sieben bis acht Jahren, eine Waschmaschine wie gesagt nach zwölf Jahren ausgetauscht. Ich glaube, Gefrierschränke leben am längsten, die sind vielleicht 18 Jahre im Haushalt.

ZEITmagazin: Der Gefrierschrank ist der Papagei unter den Elektrogeräten ...

Brackemann: Ja, neben dem Heizkessel. Der lebt am längsten, was aber auch daran liegt, dass ihn keiner sieht. Wir sagen immer, wenn der Heizkessel im Garten stünde, würden endlich auch einmal die 20 Jahre alten Energiefresser ausgetauscht.

ZEITmagazin: Im Vorwort des ersten "test"-Heftes ist zu lesen: "Ratlos stehen die Käufer vor vollen Schaufenstern. Das Warenangebot wächst von Tag zu Tag. Es gibt heute rund 150 Nähmaschinenmarken, 80 Staubsauger, 70 Heizkissen." Das war 1966. Haben Sie manchmal das Gefühl, von einer Produktlawine überrollt zu werden und mit dem Testen gar nicht mehr nachzukommen?

Brackemann: Ja, das ist ein Problem. Wir sind nur noch in wenigen Bereichen in der Lage, wirklich alle angebotenen Produkte zu testen. Und viele Produktgruppen haben sich aufgespaltet. Früher gab es Kaffeemaschinen, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionierten. Heute gibt es zusätzlich Espressovollautomaten sowie Kapsel-, Pad- und Siebträgermaschinen. Unser Produktfinder im Internet listet 1300 Kompakt-, Universal- und Systemkameras auf.

ZEITmagazin: Wenn man die Welt an ihren Produkten messen würde: Wird alles immer besser oder immer schlechter?

Brackemann: Die Waren sind auf jeden Fall sicherer geworden: An Toastern konnte man sich früher verbrennen, bei Dampfbügeleisen gab es Probleme mit der elektrischen Sicherheit, bei Häckslern konnte man nach dem Öffnen ins laufende Messer greifen – alles kein Problem mehr. Auch Waschmittel sind viel umweltverträglicher geworden.

ZEITmagazin: Und was die Dienstleistungen betrifft?

Brackemann: Wird alles immer unübersichtlicher. Das hängt auch mit der Deregulierung der Märkte zusammen. Früher durften Sie zum Beispiel nur ganz bestimmte Versicherungspolicen anbieten. Vor 20 Jahren gab es einige Hundert verschiedene Unfallversicherungen, heute gibt es Tausende. Nicht weil es notwendig wäre, sondern da liegt die Vermutung nahe, dass die Unternehmen die Märkte auch unübersichtlicher machen wollen.

ZEITmagazin: In der Theorie müsste mehr Konkurrenz doch zu einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis führen.

Brackemann: Beim Telekommunikationsmarkt hat das auch funktioniert. Ich glaube, niemand würde bestreiten, dass Telefonieren heute billiger und komfortabler geworden ist. Früher konnte man ja sogar nur Telefone kaufen, die von der Bundespost zugelassen waren. Bei den Strommärkten haben wir andere Rahmenbedingungen, da funktioniert der Markt seit der Liberalisierung noch nicht vernünftig, unter anderem weil die Stromerzeugung in der Hand von vier Oligopolisten ist. Auf der anderen Seite sind die staatlichen Abgaben auf den Strompreis so hoch, dass das bisschen, was für den Wettbewerb bleibt, keine sehr großen Preisunterschiede entstehen lässt, die dem Verbraucher zugutekämen. Auch die Eigenschaften von Strom unterscheiden sich nicht, abgesehen natürlich von Ökostrom.

ZEITmagazin: Und bei der Bahn? Ist die durch die Privatisierungsbemühungen effizienter geworden?

Brackemann: Bei der Pünktlichkeit haben wir zuletzt 2011 festgestellt, dass jeder dritte Fernzug Verspätung hatte, im Vergleich zu früheren Untersuchungen gab es da wenig Veränderungen. Die Ursache für die Verspätungen liegt in erster Linie darin, dass in das Streckennetz und die Züge nicht in ausreichendem Umfang investiert wurde.

ZEITmagazin: Also führt mehr Markt nicht immer zu mehr Effizienz?

Brackemann: Das Problem bei der Deutschen Bahn ist doch, dass der Wettbewerb nicht sehr ausgeprägt ist. Bessere Produkte gibt es erst, wenn mehrere Anbieter am Markt aktiv sind, Qualitätsunterschiede zwischen den Produkten vorhanden sind und diese dem Verbraucher auch transparent gemacht werden, durch Erfahrungen oder eben Tests.

ZEITmagazin: Eine weitere große Veränderung war die Schaffung des Europäischen Binnenmarktes. Vor einiger Zeit beklagte die Stiftung, dass durch eine neue EU-Regulierung die Grenzwerte für Schadstoffe im Spielzeug erhöht worden sind. Sind EU-Verordnungen allgemein laxer?

Brackemann: Die EU hat uns im Verbraucherschutz ganz überwiegend vorangebracht: Kreditangebote sind übersichtlicher geworden, der Stromverbrauch von Elektrogeräten ist gesunken. Aber es gibt auch Ausnahmen. So hat Deutschland beim Spielzeug durchgesetzt, die strengeren nationalen Bestimmungen beizubehalten. Wobei die Anforderungen an Spielzeug sowohl national als auch europäisch insgesamt kein Ruhmesblatt sind. Wir haben jetzt zu Weihnachten gerade wieder einen Spielzeugtest gemacht: Über die Hälfte der Spielzeuge war mit gesundheitsgefährdenden Stoffen belastet, teilweise wurden Grenzwerte nicht eingehalten. Oder es gibt Grenzwerte, bei denen klar ist, dass sie zum Schutz der Kinder nicht ausreichen.

ZEITmagazin: Warum ist das ausgerechnet beim Spielzeug so?

Brackemann: Das ist eine Branche, die mittelständisch geprägt ist und etliche unterschiedliche Produkte anbietet. So hat vor einigen Jahren auch der zuständige Verband argumentiert. Die haben gesagt, wir bieten so viele Spielzeuge an, wir können uns das nicht leisten, jedes vernünftig zu untersuchen. In meinen Augen ein Offenbarungseid.