ZEITmagazin: Auch bei den Banken haben die Tests offenbar keine Wirkung. 2001 haben Sie einmal Bankberatung getestet, mit extrem schlechten Ergebnissen. 2010 waren die Ergebnisse noch schlechter. Ist Kundenzufriedenheit für Banken kein Faktor?

Brackemann: Doch, aber zufrieden bin ich als Kunde eben auch, wenn der Berater nett zu mir war. Dann weiß ich aber noch nicht, ob das Produkt, das ich gekauft habe, gut ist und zu mir passt. Das ist das Problem: Die Strukturen sind einfach so, dass bestimmte Finanzprodukte erheblich höhere Provisionen bringen und dass ein Bankberater letztlich keinen Anreiz hat, dem Kunden ein Produkt, das ihm wenig bringt, zu empfehlen. Man sollte immer daran denken, dass einem da kein Berater, sondern ein Verkäufer gegenübersitzt.

ZEITmagazin: Aber das ist doch auch beim Media Markt nicht anders – und trotzdem wird den Kunden nichts angedreht, was nichts mit ihren Bedürfnissen zu tun hat.

Brackemann: Auch im Elektronikmarkt kann es passieren, dass ein Verkäufer einen Fernseher, von dem er vielleicht weiß, dass er schlechter als ein anderer ist, empfiehlt, weil die Gewinnspanne für den Handel höher ist. Das passiert aber seltener als bei der Bankberatung, weil die Provisionen sich da viel deutlicher unterscheiden. Gerade bei lang laufenden Versicherungsverträgen sind die Provisionen erheblich höher als beispielsweise bei einem Tagesgeldkonto, das Sie jederzeit auflösen können. Aber es gibt ja jetzt Banken, die es anders machen wollen, Stichwort Honorarberatung.

ZEITmagazin: Glauben Sie, dass Verbraucher tatsächlich die Macht haben, den Markt zu verändern?

Brackemann: Natürlich! Jedenfalls hören wir immer wieder von Anbietern: Von den Produkten, die die Stiftung mit "gut" bewertet hat, verkaufen sie auch deutlich mehr.

ZEITmagazin: Und umgekehrt? Gibt es Unternehmen, die durch ein schlechtes Testergebnis pleitegegangen sind?

Brackemann: Mir ist kein Fall bekannt, aber die Umsatzeinbrüche nach schlechten Tests sollen teilweise dramatisch sein. Als wir im letzten Jahr Adventskalender getestet haben und herausgefunden haben, dass alle Mineralöle enthielten, teilweise sogar krebserregende, hat die Schokoladenindustrie von 50 Millionen Euro Umsatzverlust gesprochen.

ZEITmagazin: Gibt es Branchen, die die Stiftung Warentest durch ihre Tests revolutioniert hat?

Brackemann: Auto-Kindersitze sehen heute komplett anders aus als vor 15 Jahren, weil wir damals einen Seitenaufpralltest eingeführt haben. Völlig verschwunden sind auch die sogenannten Lauflernhilfen für Kleinkinder, weil wir da festgestellt haben, dass Kinder damit leicht die Treppe herunterfallen können. Aufgrund unserer Tests gibt es auch den effektiven Jahreszins bei Krediten. Da hat vorher jeder irgendwas berechnet. Und auch die Berufsunfähigkeitsversicherungen sind durch uns viel besser geworden.

ZEITmagazin: In der Vergangenheit hat die Stiftung "Geruchsminderung durch Raumsprays" untersucht, sie hat Skipisten getestet und in St. Moritz "zu kleine Richtungshinweise" bemängelt. Sie hat die Post kritisiert, weil nur drei von vier Inlandsbriefen ihren Empfänger am nächsten Tag erreichten. Über das Problem der Handhabung beim Shampoo haben wir ja schon gesprochen. Gehen Sie manchmal von der Arbeit nach Hause und denken: Gott, geht es uns gut?

Brackemann: Ja, aber man darf auch nicht vergessen, dass unsere Testarbeit mit dazu beigetragen hat, dass wir heute in Deutschland im Schnitt eine gute Produktqualität haben. Ich habe oft internationale Gäste, ich erinnere mich zum Beispiel an eine palästinensische Delegation, die uns besuchte. Die erzählte von verdorbenen Lebensmitteln und von sehr billigen Elektrogeräten, die elektrisch nicht sicher und mit Schadstoffen belastet waren. Da merkt man dann schon, dass Verbraucher in anderen Teilen der Welt viel schwerwiegendere Probleme haben.