Es regnet in Strömen, ausgerechnet heute, da sich die Südafrikaner von ihrer verstorbenen Vaterfigur Nelson Mandela verabschieden. Eine meteorologische Unannehmlichkeit. Doch wenn es um Mandela geht, wächst selbst dem Regen eine tiefere Bedeutung zu. Er wird zu einer "Naturgewalt, von der sich die Menschen nicht abhalten lassen sollen, in großer Zahl ins Stadion zu kommen". So drückt es die Moderatorin eines lokalen Radios aus und schickt noch eine flehende Bitte hinterher. Die Johannesburger Metrorail solle doch, bitte, bitte, zusehen, dass Tausende von Trauergästen auch pünktlich im Stadion ankommen. "Bitte, heute keine afrikanischen Zeiten! Die Welt schaut auf uns!" Die Metrorail aber ist unberechenbar wie das Wetter. Viele Züge bleiben auf dem Weg stecken, aus unerfindlichen Gründen. Via SMS und Twitter macht sich der Zorn der Leute Luft. Die Radiomoderatorin ruft ihnen einen moralisch aufgeladenen Satz zu: "Mandela hat uns Würde gelehrt. Ich bitte euch, nehmt euch an ihm ein Beispiel. Nehmt die Verspätungen mit Würde hin!" Die Normalität ist offenbar schwer zu ertragen, wenn eine Lichtgestalt wie Mandela Vater der Nation ist.

Im Stadion wird diese Lichtgestalt nach Kräften gefeiert. Fast 100 Staats- und Regierungschefs sind angereist, um dem Mann ihre Reverenz zu erweisen. Sie trudeln nach und nach ein, und der Stadionsprecher sagt alle paar Minuten: "Und wir begrüßen die Präsidenten Brasiliens, den Premierminister von Bangladesch, den Premier von Norwegen, den ehemaligen Präsidenten der USA, Bill Clinton ..." und so weiter. Die wichtigen Männer und Frauen kommen aus allen Ecken der Welt. Keiner bleibt unerwähnt, nicht die Delegation aus Mauritius und nicht einmal die aus Österreich. Jeder Name ein Beweis für Mandelas weltweite Strahlkraft.

Vier Stadien wollte die Regierung füllen. Drei davon bleiben fast leer

Doch das Stadion wird nicht voll an diesem Tag, was in einem seltsamen Widerspruch zu dem riesigen Aufgebot an Prominenten steht. Sie sitzen dicht gedrängt auf zwei großen Podien im Stadiongrund, beschützt von einem Regendach, während die unteren Ränge des Stadions fast leer sind und nass vom Regen besonders öde wirken.

Die Behörden haben für die Trauerfeier zusätzlich drei weitere Stadien geöffnet. Außerdem wird die Trauerfeier in mehreren Städten auf öffentliche Großbildschirme übertragen. Die Regierung veröffentlichte detaillierte Anweisungen, wie man am besten anreisen solle, um einen Stau zu vermeiden. Es war, als würde sich Johannesburg noch einmal auf das Finale der Fußballweltmeisterschaft vorbereiten.

Doch die drei zusätzlichen Stadien bleiben ziemlich leer. Und in Pretoria, so jedenfalls berichtet es ein lokaler Radiosender, sollen nur Beamte der Regierung vor den Bildschirmen auf der Straße hocken, sonst sei so gut wie niemand gekommen. Zwischen der Trauerbereitschaft der Behörden und der Volksvertreter weltweit und der Anteilnahme des Volkes erstreckt sich offenbar eine weite Kluft. Die Prominenz ist geschlossen angereist, während sich das Volk zurückhält.

Auch das ist ein Zeichen von Normalität. Nelson Mandela ist 1998 von seinem Amt als Staatspräsident zurückgetreten. Er wird nach wie vor geliebt und verehrt. Sein Vorbildcharakter bleibt ungebrochen, doch 15 Jahre sind eine lange Zeit – und es waren für die Südafrikaner schwierige Zeiten. Die großen Erwartungen, die mit dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 verbunden wurden, haben sich kaum erfüllt. Südafrika wird geplagt von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Korruption. Mandela hat das Land befreit und versöhnt. Das war seine Mission. Das befreite Südafrika zu regieren und zu verwalten, Grundlagen für Wirtschaftswachstum und soziale Gleichheit zu schaffen, das war vor allem die Aufgabe seiner Nachfolger Thabo Mbeki und Jacob Zuma.

Wie es um die Verdienste dieser beiden steht, das lassen die Reaktionen des Publikums im Stadion ahnen. Wenn Zuma auf dem Stadionbildschirm erscheint, hebt ein lautes Buhen an. Als er das Wort ergreift, geben die Leute keine Ruhe mehr, bis eine geschickte Stadionregie einen Song über Mandela einspielt und so alle zum Schweigen bringt. Dann redet Zuma, und keiner unterbricht ihn mehr. Mandelas über die Lautsprecher eingesetzte Autorität verbietet das.