Und dann geht es nur noch bergauf, 87 Kilometer lang, von null bis auf 3275 Meter über dem Meer. Vor mir liegen Hunderte enge Kurven, Dutzende schlecht beleuchtete Tunnel, in den Stein gehauene Wege – und wer weiß, vielleicht stürzen noch Felsbrocken vom Hang herab auf die Fahrbahn. Dafür werde ich belohnt mit Blicken in eine mehrere Hundert Meter tiefe Schlucht, mit Felswänden aus Marmor, mit Hängebrücken über dem Abgrund, rot bemalten buddhistischen Schreinen am Straßenrand und Wasserfällen in jeder Kurve. Und zuletzt, wenn nicht Wolken oder Nebel es vereiteln, mit der Aussicht auf einige von Taiwans Dreitausendern. Eine Wahnsinnsstraße, dieser Central Cross-Island Highway, der sich auf Abschnitt 8 von der Stadt Hualien an der Ostküste der Insel durch die berühmte Taroko-Schlucht bis zum Gipfel Hehuanshan hochschlängelt.

Es wäre die perfekte Fahrradstrecke, wäre sie nicht so verdammt anstrengend. Ausgerechnet die letzten acht Kilometer vor dem Gipfel sind die brutalsten: 17 Prozent steigt die Straße dort im Schnitt an, 27 Prozent sind es an der steilsten Stelle. Zudem ist die Luft dort oben, auf über 3.000 Metern, bereits etwas dünner. Und überhaupt, wer will schon 90 Kilometer nur bergauf radeln?

An einem Samstag im November wollen das erstaunlich viele: 450 Verrückte haben sich angemeldet zur zweiten "Taiwan King of the Mountain Challenge", einem an Folter grenzenden Bergrennen über 105 Kilometer hinauf zum Hehuanshan. Die meisten sind taiwanische Fahrradfreaks, monatelang haben sie sich auf dieses Rennen vorbereitet. Auch ein paar internationale Profis wurden eingeladen. Das Rennen ist der Auftakt und zugleich ein Höhepunkt des diesjährigen Fahrradfestivals, mit dem die Regierung während einer Woche voller Bike-Events die taiwanische Radkultur feiert.

Und irgendwie bin auch ich hier gelandet, mit null Training und einem viel zu kleinen Leihfahrrad samt Gepäckträger (in dieser Ecke Asiens sind L-Größen Mangelware). Von den Fahrern mit Hightechrädern ernte ich ein paar mitleidige Lacher. Der Startschuss knallt im Morgengrauen. Sehr schnell falle ich weit hinter das Fahrerfeld zurück. Aber egal, eine Euphorie erfasst mich, als ich entlang der Felswände auf meinem kleinen Rad vor mich hin strample. Ich lache mich den Berg hinauf.

Die Taroko-Schlucht ist an einigen Stellen so eng, dass man kaum noch den Himmel sieht. Nach rund 20 Kilometern weitet sich das Tal wieder, und der Blick öffnet sich auf einen immergrünen subtropischen Dschungel, der in höheren Lagen Pinienwäldern Platz macht, bis zuletzt, auf den alpinen Kämmen Taiwans, Weiden voller Zwergbambus warten. Während die besten Fahrer den Gipfel bereits nach dreieinhalb Stunden erreichen, schaffe ich es in der gleichen Zeit gerade mal bis Kilometer 50 – und bis auf 700 Höhenmeter. Dann ist die Puste aus. Auf die restlichen 2.500 Höhenmeter muss ich verzichten. Mir steht noch ein ganze Woche im Sattel bevor. Die möchte ich nicht komplett zerstört beginnen.

Auf einer Tour entlang der Ostküste will ich zusammen mit einer Gruppe von Europäern Taiwans Fahrradboom hautnah miterleben. Dass ich dafür gleich an einem Bergrennen teilnehme, bei dem sich einige Fahrer angeblich kurz vor dem Ziel aus Erschöpfung vom Rad auf die Straße erbrechen, war ursprünglich nicht geplant. Aber unsere beiden taiwanischen Reiseleiterinnen Violet und Lily wollten den fahrradverwöhnten Europäern wohl etwas Außergewöhnliches bieten – und setzten uns kurzerhand auf die Startliste. Es war ein deutlicher Wink: Auch bei uns in Taiwan gibt es krasse Rennstrecken!

Taiwanische Hersteller wie Giant oder Merida sind zwar längst international erfolgreich. Doch im Land selbst stand Fahrradfahren noch vor zehn Jahren in schlechtem Ruf. Es fuhren höchstens jene, die nicht anders konnten: Schüler, Arbeiter, arme Bauern auf dem Land. Wer etwas auf sich hielt, investierte ins Auto oder wenigstens in den Motorroller. Doch die Haltung gegenüber dem Fahrrad hat sich innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert: Radeln ist heute cool. Anstatt mit einem Wochenende auf dem Golfplatz protzen gut betuchte Sportsfreunde nun mit den neuesten Karbon-Rennrädern.

Einen Tag vor dem Rennen machen wir als Aufwärmübung eine Tour auf dem gemütlichen Old-Caoling-Radweg im äußersten Nordosten Taiwans. 20 Kilometer lang ist der vor zwei Jahren eröffnete Rundkurs und bei einheimischen Wochenendausflüglern äußerst beliebt. Als wir im Städtchen Fulong an der Küste starten, stürzen sich gerade fünf Busladungen von Schülern schreiend und kichernd auf ihre Mieträder. Gemeinsam fahren wir durch einen stillgelegten, zwei Kilometer langen Eisenbahntunnel, der 2008 für Fahrradfahrer umgebaut wurde. Begleitet von Dampflokomotivgeräuschen aus Lautsprechern, rauschen wir über Schienen, die auf den Boden gemalt sind und müssen aufpassen, dass wir im Schummerlicht nicht mit anderen Freizeitradlern kollidieren, die grüppchenweise mitten auf dem Weg halten, um den Tunnel zu fotografieren.

Am anderen Ende landen wir im alten Fischerdörfchen Shicheng, schauen auf schroffe Klippen und hinüber zur unbewohnten, schildkrötenförmigen Insel Guishan. Ein alter Mann sitzt auf einem Plastikschemel an der Dorfstraße und flickt Hüte. An einem improvisierten Getränkestand trinken wir Limonade aus Seegras mit lustigen Glibberbällchen aus Tapioka. Die 67-jährige Xiu Feng Chen schenkt sie den durstigen Radlern aus, zusammen mit ihrem 80-jährigen Mann. Frau Chen grillt auch Würste und trägt deshalb eine bunte Atemmaske. Früher, erzählt sie, habe sie entlang der Küste in den Fischerdörfern Algen verkaufen müssen, um ihre sieben Kinder durchzubringen. Seit der Fahrradweg offen ist und Scharen von Touristen wegen des Blicks auf die Schildkröteninsel direkt neben ihrem Haus halten, verkauft sie Snacks. Ein besseres Geschäft: "Unser Leben ist heute sehr viel einfacher."