1. Hat die Opposition noch eine Chance?

Zwei Szenarien sind denkbar. Erstens: Die Gewalt eskaliert. Nachdem die Spezialeinheit Berkut das Regierungsviertel am Montag geräumt und die Zentrale der Partei von Julia Timoschenko gestürmt hat, spitzte sich die Situation bei Redaktionsschluss Dienstagnacht zu. Gegen ein Uhr nachts umzingelten Spezialeinheiten den Majdan, offenbar wollten sie den Platz räumen. Einige Abgeordnete sollen dabei verletzt worden sein.

Damit dürfte das zweite Szenario unwahrscheinlicher werden: dass Opposition und Regierungsvertreter bald doch noch miteinander reden. Ein Runder Tisch, an dem die Opposition, Präsident Wiktor Janukowitsch und drei ehemalige Präsidenten der Ukraine sitzen, dürfte nun erst recht diskreditiert sein. Wie mit Janukowitsch reden, wenn er zeitgleich durchgreift? Vitali Klitschko hatte zuvor Gespräche mit dem Präsidenten nicht mehr ausgeschlossen – wenn einige der Forderungen erfüllt würden, von denen die Opposition schwerlich abweichen kann. Dazu gehört der Rücktritt der Regierung.

Doch bislang war nicht einmal der Innenminister bereit, die Verantwortung für die Gewalt der Einsatzkräfte zu übernehmen, durch die in der Nacht zum 30. November etliche Demonstranten sowie mehr als 40 Journalisten verletzt wurden. Dass die Übergriffe der Sicherheitskräfte Konsequenzen haben und die seitdem inhaftierten Aktivisten freigelassen werden müssen, ist eine Mindestforderung der Opposition vor jedem Gespräch. Klitschko und seine Mitstreiter könnten den Demonstrierenden draußen nicht vermitteln, warum die Regierung doch nicht zur Verantwortung gezogen wird. Würden beide Seiten aufeinander zugehen, könnte Janukowitsch sich bis zu den Wahlen 2015 im Amt halten. Sollte es bei der Konfrontation Dienstagnacht jedoch viele Opfer unter den Demonstranten geben, erscheinen Zugeständnisse eher unrealistisch.

2. Ist die Ukraine gespalten?

Ganze Buskolonnen mit Gegnern des Präsidenten sind aus dem Westen des Landes in Kiew eingetroffen; nur 20 Prozent der Demonstrierenden auf dem Maidan kommen laut Umfragen aus dem Osten oder Süden. Dennoch folgt daraus nicht, dass die Proteste eine Spaltung der Ukraine widerspiegeln. Sicher, West- und Ostukraine sind unterschiedlich: Im Westen wird überwiegend Ukrainisch gesprochen, im Osten eher Russisch. Im Westen ist die große Mehrheit für eine Annäherung an die EU, im industriell geprägten Osten, der seinen Absatzmarkt überwiegend in Russland hat, ist die Zustimmung geringer. Aber bei diesen Protesten geht es nicht mehr nur um die Frage, wie nahe man an Europa rücken soll. Zwei Drittel der Menschen sind auf der Straße, weil die Poli-zei vor knapp zehn Tagen friedliche Demonstranten niedergeprügelt und etliche verletzt hat. Erst an zweiter Stelle steht der Wunsch, das Abkommen mit der EU zu unterschreiben.

Auf dem Majdan mischen sich Erwartungen mit Enttäuschungen – und enttäuscht sind viele von Präsident Wiktor Janukowitsch. Lange bevor die Proteste begannen, schwanden seine Beliebtheitswerte landesweit. Selbst viele Wähler seiner Partei der Regionen sind frustriert, weil sie unter der hohen Inflation und der schlechten wirtschaftlichen Situation leiden. Janukowitschs Kernwählerschaft ist im Osten zu Hause, dort, wo die Minen, die Stahl- und Kohlebergwerke für viele Arbeitsplätze sorgen. Doch die sind fast alle im Besitz der Janukowitsch-Familie und ihrer Vertrauten, die sich bereichern. Alexander Janukowitsch, der älteste Sohn des Präsidenten, ist Zahnarzt, soll aber dank Staatsaufträgen in wenigen Jahren zu einem der reichsten Männer des Landes geworden sein. Das sorgt für Wut weit über den Westen hinaus. So werden auch im Osten des Landes – obgleich deutlich kleinere – Proteste organisiert. Eine Gewerkschaft der Minenarbeiter im Donbas, der politischen Heimat von Janukowitsch, fordert den Rücktritt des Präsidenten. Nicht die Teilung zwischen Ost und West ist entscheidend, sondern die zwischen Volk und Machtelite.

3. Was kann die EU tun?

Die Europäische Union fällt als Vermittler in der Ukraine wohl eher aus, dafür ist sie selbst zu sehr Partei. Schließlich hat sie mit der Aussicht auf eine engere politische und wirtschaftliche Anbindung des Landes jene Hoffnungen geweckt, die viele Ukrainer auf die Straße treiben. Und die EU hat ihre Begeisterung für den Protest unverhohlen gezeigt. "Die jungen Menschen auf den Straßen der Ukraine schreiben bei eisigen Temperaturen ein neues Narrativ für Europa", sagte Kommissionspräsident Manuel Barroso. Noch bevor der neuerliche Einsatz auf dem Majdan begann, ließ sich die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton am Dienstag von der Opposition bejubeln. Sie hat sowohl mit ihren Repräsentanten als auch mit dem amtierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch mehrere Stunden lang gesprochen. "Vermitteln" wollte sie ausdrücklich nicht.

Die EU befindet sich in einer Zwickmühle. Sie darf die Hoffnungen der Demonstranten nicht enttäuschen, aber alle Angebote, die sie macht, müssen sich erst einmal an Janukowitsch als den amtierenden Präsidenten richten. Der hatte das fertig ausgehandelte Abkommen mit der EU nicht unterschrieben und seinen Schritt damit begründet, dass er russische Repressalien und einen Bankrott seines Landes befürchtete. Die EU habe es sich zu leicht gemacht und es versäumt, die Ukraine kurzfristig zu unterstützen, lautet deshalb die Kritik einiger. Das holt die EU nun nach. Wenn sich Janukowitsch bewege, heißt es aus Brüssel, könne man ihm etwas dafür bieten. Die Europäische Investitionsbank stünde mit Krediten bereit. Doch das würde nicht reichen, um den Finanzbedarf der Ukraine zu decken. Der wird auf 10 bis 15 Milliarden US-Dollar geschätzt. Bestenfalls könnte der Internationale Währungsfonds einspringen. Nicht zufällig reiste am Dienstag auch die US-Diplomatin Victoria Nuland nach Kiew. Doch viele befürchten, dass Janukowitsch mit seinem Lavieren zwischen Brüssel und Moskau bloß den Preis hochtreiben will.