Manchmal geht es ganz schnell. Plötzlich tauchen diese Fragen auf, die quälenden Zweifel: Werde ich verfolgt? Was wollen mir die Stimmen sagen? Bin ich schwanger? Was passiert mit mir? Dann kommt Angst auf, Panik, auch Weltuntergangsstimmung, die schnell abgelöst wird durch geradezu ekstatische Emotionen, durch Hochstimmung und Glücksgefühle.

Von einem Moment auf den anderen ist dann aus einem unauffälligen Menschen einer mit einer Psychose geworden. "Das ist ein sehr dramatisches Ereignis für die Betroffenen", sagt Frank Pillmann, Leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Halle. Und auch das soziale Umfeld, Familie, Freunde oder Kollegen sind meist verstört – vor allem, wenn bis zu diesem Zeitpunkt nichts darauf hingedeutet hat, dass mit dem Betroffenen etwas nicht stimmt.

Doch nicht immer ist eine klassische Schizophrenie verantwortlich für solche Wahnvorstellungen und Stimmungsschwankungen. Gerade wenn diese sehr plötzlich das Leben verändert, steckt oft eine sogenannte akute vorübergehende psychotische Störung dahinter. Die ist relativ selten – Schätzungen gehen davon aus, dass von dem einen Prozent der Menschen in Deutschland, bei denen irgendwann in ihrem Leben Schizophrenie diagnostiziert wird, etwa acht Prozent nur eine vorübergehende Psychose haben.

Sie ähnelt dem Jerusalem-Syndrom insofern, als die Wahnvorstellungen meist genauso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind – oftmals innerhalb von ein paar Tagen. Doch es gibt klare Unterschiede: Die Prognose einer akuten vorübergehenden Psychose ist besser als die des Jerusalem-Syndroms, dem ja oftmals eine dauerhafte Schizophrenie oder Depression zugrunde liegt. "Etwa die Hälfte der Betroffenen bleibt entweder ohne weitere Krankheitsepisoden oder erleidet lediglich kurzzeitige Rückfälle", sagt Pillmann. Und ein Drittel könne später sogar ganz ohne medikamentöse Behandlung und ärztliche Begleitung weiterleben. Nur aus etwa zehn bis zwanzig Prozent entwickelt sich doch noch eine chronische psychotische Erkrankung.

Die Faustregel lautet dabei: Je akuter, je abrupter der Beginn, desto besser ist die Prognose. Und schnell heißt manchmal innerhalb von nur 24 Stunden. Zum Vergleich: Eine Schizophrenie, die meist eine deutlich schlechtere Verlaufsaussicht hat, kündigt sich normalerweise Monate oder Jahre vorher an.

Doch auch wenn die akute vorübergehende Psychose meist schnell abklingt und harmlos ist, muss sie mit Antipsychotika behandelt werden. Und oft zusätzlich noch mit Medikamenten, die den Betroffenen die große Angst nehmen. Pillmann warnt davor, die Störung zu unterschätzen: "Die vorübergehende Psychose ist kein Schnupfen."

Auslöser sind oftmals emotional bewegende Ereignisse im Leben. Die einen müssen ihren Job wechseln oder den Wohnort, andere wurden von ihrem Partner verlassen oder haben, im Gegenteil, gerade geheiratet. Zu Patienten werden eher Frauen als Männer. Während die Schizophrenie vor allem junge Erwachsene zwischen 20 und 30 trifft, ist die akute vorübergehende Psychose eine Erkrankung des mittleren Alters.

In einem aber ähneln sich beide Leiden, sagt Pillmann: "Unsere Gesellschaft hat keine große Toleranz gegenüber Menschen mit psychischen Problemen, auch wenn sie nur vorübergehend sind. Viele Betroffene verlieren dann schnell ihre Arbeit."