Von einem solchen Ergebnis kann die SPD heute nur träumen: 39,3 Prozent. Damals ist es eine Niederlage. Am 22. September 1965, drei Tage nach der Bundestagswahl, tritt der Spitzenkandidat der SPD, der Westberliner Bürgermeister Willy Brandt, in Bonn vor die Presse und erklärt, er übernehme die Verantwortung. Bei den nächsten Wahlen, 1969, sei er kein Anwärter für mehr für das Amt des Bundeskanzlers.

Dann kommt er zur eigentlichen Sache: Es habe nicht nur "eine offizielle Wahlkampagne gegeben, die man mehr oder weniger fair nennen kann", sondern auch "eine darunter liegende Wahlkampagne", in der man ihn wegen seiner Herkunft und seiner Lebensgeschichte diffamiert habe. Er sei 1947 "mit sauberen Händen nach Deutschland zurückgekommen", ruft Brandt den Journalisten zu. "Ich bekenne mich zu meinem Lebensweg. Ich bekenne mich zu dem Stück freiheitlicher Tradition dieses Landes, in der ich stehe. Auch die Bitterkeit über die Dreckkampagne, die auf der Ebene unterhalb des offiziellen Wahlkampfes gegen mich bis in die letzten Tage geführt worden ist, hindert mich nicht daran, [...] alles, was in meiner Kraft steht, zur Aussöhnung dieses Volkes zu tun."

Für die Konservativen ist er ein "vaterlandsloser Geselle"

1933 war Brandt, Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei, zunächst in den Untergrund gegangen und dann nach Norwegen geflohen. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1947 sah er sich immer wieder mit Anfeindungen übelster Art konfrontiert. Je nach Bedarf wurde er als "kommunistischer Agent", als "Geheimagent für die Amerikaner" oder auch als "Gestapospitzel" denunziert. Gewiss: Als Berliner Bürgermeister in den Jahren 1957 bis 1966 war er auch als "deutscher Kennedy" gefeiert worden. Vielen Westdeutschen aber blieb Brandt suspekt. Der Mann, auf den sich heute, im Jahr seines 100. Geburtstags, alle einigen können, spaltete seinerzeit die Nation. Und nicht nur in Westdeutschland hatte er Feinde: Auch im SED-Staat plante man, ihn zu Fall zu bringen.

Brandts Kontrahenten konnten sich dabei sicher sein, dass Verleumdungen wegen seiner Emigration nach Skandinavien auf große Resonanz stießen, da sie fest verwurzelte Vorurteile gegen das Exil bedienten und vielen Deutschen halfen, die eigene Mitläufer- oder Täterbiografie zu beschönigen. Indem man Brandt als "Vaterlandsverräter" denunzierte, knüpfte man zudem an die historisch tradierte Verunglimpfung der SPD als Partei der "vaterlandslosen Gesellen" an und stellte ihre Regierungsfähigkeit grundsätzlich infrage.

In Westdeutschland erreichten die Diffamierungen während des Wahlkampfes 1961 ihren Höhepunkt. Erstmals fürchtete die CDU um ihre Macht. Adenauer wirkte greisenhaft und gestrig neben dem medienwirksamen, weltgewandten Brandt. Die Chancen für den Amtsinhaber sanken, wie Allensbach-Umfragen belegten: Brandt würde bei einer Direktwahl des Kanzlers erheblich mehr Stimmen als Adenauer oder Erhard bekommen. Schnell ergriff der CDU-Bundesvorstand deshalb Gegenmaßnahmen.

Die Ziele der geplanten Anti-Brandt-Kampagne lauteten "Enttarnung" und "Darstellung der Unglaubwürdigkeit und Unzuverlässigkeit" – so steht es im Protokoll des Wahlgremiums der CDU vom 5. Januar 1961. Entsprechende Themen fanden sich schnell: Brandts Emigrationszeit, sein Namenswechsel (Brandts Geburtsname lautete Herbert Ernst Karl Frahm), sein Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg (vermeintlich als "Kommunist"), seine uneheliche Geburt und sein "unmoralischer Lebenswandel" (seine diversen erotischen Affären und sein Alkoholkonsum).

In Hunderttausender-Auflage erschienen Bücher und Broschüren mit Titeln wie Wer ist Willy Brandt?. CSU-Chef Franz Josef Strauß geißelte in diversen Reden die "Verfehlungen" des Kanzlerkandidaten während des Exils. 1961 tönte er: "Eines wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben." Und auch Bundeskanzler Konrad Adenauer griff Brandt direkt an. Für seinen Ausspruch "Herr Brandt alias Frahm", den er einen Tag nach dem Mauerbau in einer Wahlkampfrede in Regensburg fallen ließ und der die bekannten Vorwürfe gleichsam in Kurzform enthielt, erntete er zwar auch Kritik, doch die blieb letztlich folgenlos. Die unzähligen Schmähbriefe, die Brandt bekam, belegen, wie mächtig die Unionskampagne wirkte.