Der weiche Ledersessel lässt mich beinahe vergessen, dass ich gerade in einem Dinosaurier Platz nehme: im Beiwagen einer Ural, jenes legendären Motorrads der Roten Armee, entwickelt nach Plänen der BMW-Wehrmachtsmaschine R 71, gebaut in Irbit am Ural. Noch immer verlassen jährlich ein paar Hundert Exemplare die Irbitski Motozikletny Sawod, heute allerdings mit westlichen Bauteilen. Keine Space-Shuttle-Technik, aber gut zum Serpentinen-Cruisen. Schon lange hatte mein Freund Jörg mit glänzenden Augen davon erzählt. Er lebt in Girona, am Rande der Pyrenäen. Doch anders als die vielen Radrennfahrer, die hier durch die Landschaft strampeln, bevorzugt Jörg Bikes mit Motoren. Sein Freund Guenter schraubt mit Leidenschaft an ihnen herum, er hat sich auf Ural spezialisiert.

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Ich selbst würde mich nicht in den Sattel setzen, aber im Beiwagen, windgeschützt und gut gepolstert, lässt es sich aushalten. Das Gespann erreicht ohnehin nur eine moderate Geschwindigkeit. Vor uns liegt die Zona Volcànica de la Garrotxa im Pyrenäenvorland. Dutzende Vulkankrater. Der letzte Ausbruch liegt aber schon 10.000 Jahre zurück. Guenter am Lenker der Ural. Jörg auf seiner Kawasaki. Im Beiwagen: ich, behelmt und eingepackt wie ein Krautwickel. Wir nehmen vorzugsweise Straßen, die auf der Karte dünn und weiß eingezeichnet sind und sich wie Bindfäden um die Berge winden. Schmal, kurvenreich, grober Asphalt, Geröll am Fahrbahnrand. Die beiden haben eine Vorzeigestrecke für mich ausgesucht. So viele wunderbare alte Brücken, Kirchen und katalanische Restaurants! 160 genüssliche Kilometer, die mich kurz daran denken lassen, etwas über Zen und Motorradfahren zu fabulieren, aber dann kommt es zu einer ungeplanten Begegnung: Zwischen Olot und Beget stehen in einer Kurve plötzlich drei Kühe, ein Ochse und ein Esel auf der Straße.

Wie im Weihnachtsmärchen. Anscheinend wissen sie nicht so recht, was sie von dem Geknatter halten sollen. Wir stoppen. Sie kommen auf uns zu, beschnuppern uns mit dampfenden Nasen. Völlig unbefangen. Dann stapfen sie auch schon wieder zurück auf ihre Wiese. Wie gut, dass man mit einer Ural eher gemächlich rollt.

Guenter legt den Gang ein und lässt die Kupplung kommen. Ist ja ein Motorrad und kein Weihnachtsschlitten. Schnell weiter. Das war jetzt einfach zu kitschig, um wahr zu sein.

Technische Daten

2-Zylinder-Benzinmotor
Leistung: 30 kW (41 PS)
Verbrauch: 7,5 l
CO₂-Emission: 178 g/km
Höchstgeschwindigkeit: 100 km/h
Beschleunigung: keine Angabe
Basispreis: 12.800 Euro

Margit Stoffels ist Mitarbeiterin des ZEITmagazins