Der Asphalt, erst vor einigen Wochen von den Chinesen verlegt, hörte schon nach der zweiten Kurve auf. Auf den Kilometern, die nun kamen, standen Dampfwalzen und Lastwagen am Wegesrand, chinesische Zeichen auf riesigen Schildern verwiesen auf die Erbauer der Straße. Die Baumaschinen hatten die festgefahrene Kruste aufplatzen lassen. Weicher Sand kam darunter hervor, und mühsam ächzte unser Wagen voran. Drei Stunden, so hatte man uns gesagt. Drei Stunden bis zum Garten der Weihrauchbäume.

Ich war auf der Suche nach einer Kostbarkeit, die die Religion Äthiopiens geformt hat und bis heute prägt. Nirgends sonst in Afrika ist das Christentum so mystisch und bunt, so voller Traditionen und Geheimnisse. Im koptischen Glauben vereinen sich die Rituale der Spätantike mit der Exotik des Orients. Psychedelische Liturgie, prachtvoll gewandete Geistliche, in Felsen geschlagene Kirchen, manche andere schwindelerregend auf Gipfeln thronend. Wege führen dorthin, für die man Kraft und Vertrauen braucht. Und über allem, jedem Gottesdienst, jedem Gebet, in jeder klammen Felsenkrypta, schweben der süßlich-herbe Geruch und der weiße, flüchtige Nebel des Weihrauchs. Was immer die 40 Millionen Mitglieder der koptischen Kirche in Äthiopien von ihrem Gott erflehen, sie vertrauen darauf, dass es in Weihrauchschwaden zum Himmel getragen wird.

Nicht nur im Christentum, in fast allen Religionen der antiken Welt brannte Weihrauch in den Tempeln, galt das Harz als kostbare Opfergabe. Zehntausende von Karawanen wurden über Jahrhunderte beladen mit der wertvollen Fracht. Bis ins alte Rom gelangte sie, dort wurde das Harz in Gold aufgewogen, und der Staatsmann Plinius der Jüngere jammerte einst über die zehn Millionen Sesterzen, die die Sucht nach dem wohlriechenden Stoff kostete. Tränen der Götter, so war sein Name im arabischen Raum, und fast bis zum Ende der Handelszeit gelang es, das Geheimnis seiner Herkunft zu verbergen. Nur Eingeweihte wussten, dass die Klumpen von Boswellia sacra, dem Weihrauchbaum, stammen. Dass man dessen Rinde vorsichtig mit einem Schabmesser anschneidet und sich die milchige Wundflüssigkeit innerhalb von zwei Wochen zu einem duftenden Harz verfestigt.

Der Weihrauchbaum sterbe aus, hatte ich vor der Reise gelesen, 350.000 Exemplare gebe es noch im Jemen, etliche Tausend in Oman. Über die Menge der noch existierenden Bäume in Äthiopien fand ich keine Zahlen, doch Alarmrufe. Es werde nicht mehr lange dauern, hieß es, bis der Geruch des Weihrauchs dort nur noch eine schwache Ahnung sei.

Meine Suche nach der Spur des Weihrauchs hatte in Wukro auf dem Markt begonnen. Wukro ist eine Kleinstadt in Tigray, jener Provinz, die man als äthiopische Heimat der Weihrauchbäume bezeichnet. Auf Wukros Markt hatten nur wenige Weihrauchhändler ihre Ware ausgelegt. Minderwertiges Harz, braun wie Bernstein und krümelig in der Konsistenz, gerade mal geeignet für die Kaffeezeremonie. Denn kein Rösten, Mahlen, Aufbrühen der Bohnen ohne ein Feuer – und vor diesem Feuer stets eine Schale mit duftendem Weihrauch. So verlangt es die Tradition, seit Jahrhunderten bewahrt und bis heute kaum verändert. Nur die Blumen, die um die Weihrauchschale herum liegen, sind meist nicht mehr frisch, sondern aus Plastik.

85 Birr verlangten die Händler pro Tütchen, so viel, wie auch ein Huhn kostet, und sagten, die Ware sei aus dem Westen von Tigray. Ich zog eine Karte aus der Tasche, um mir zeigen zu lassen, wo die Bäume wüchsen, doch die Händler konnten die Karte nicht lesen. Von Mekele, der Provinzhauptstadt, müsse ich einfach der neuen chinesischen Straße folgen, immer geradeaus, dann käme ich in das Gebiet, das die Äthiopier die Gärten des Weihrauchs nennen. Gerade sei Erntezeit, und wenn ich Glück hätte, könnte ich die Weihrauchbauern sehen. Wie vor 2000 Jahren ernteten sie auch heute noch. Sie ritzten die Rinde an, dann warteten sie, und schließlich schickten sie die Kinder, das Harz von den Wunden der Rinde zu schaben.

Ich hatte von vielen Ursachen für das Sterben der Bäume gelesen: Vernachlässigung, Erosion, Überalterung und Überforderung. Zehn bis dreißig Einkerbungen verträgt ein Baum, doch seit vor zehn Jahren die Kosmetikindustrie die Wirkstoffe des Harzes für sich entdeckte, hat es mancher Bauer wohl übertrieben mit den Kerben. Zudem ist der Baum ein Sensibelchen und nur mit großer Sorgfalt aufzuziehen. Einmal sollen die alten Ägypter, auf der Suche nach dem Ursprung des Harzes, die Bäume ausgegraben und mitgenommen haben, doch sie wieder anzupflanzen gelang nicht. Die Hauptursache für das Aussterben der Bäume aber sei Feuer, las ich. Von Menschen gelegt oder als Flächenbrände in Dürrezeiten, wenn das Gras nur noch trockenes Heu ist.

Auf dem Markt zog ich bald eine Traube Neugieriger hinter mir her und auch zwei verwegen aussehende Kerle, die eine Kalaschnikow über der Schulter und einige Narben im Gesicht hatten. Sie bewachten den Markt vor Dieben, sagten sie, und eskortierten mich dann leutselig von Händler zu Händler. Ich fragte nach Karbe, dem weißen, reinen Harz. Nur sein Rauch trägt die Gebete in den Himmel. Als man noch glaubte, die Zuneigung der Götter sei umso größer, je größer das Opfer, war Karbe ein Weg, diese Zuneigung zu erlangen. "Karbe?", bellten meine bewaffneten Begleiter drohend, doch es half nichts: Die Händler zuckten bedauernd mit den Schultern. Zu selten. Zu teuer.