Nach jedem Selbstmordanschlag in Kabul beginnt das Zählen der Toten: Anfangs sind es ein oder zwei, dann steigen die Zahlen – meistens recht schnell. Auf Twitter: "Update of Kabul Suicide attack, 9 Afg 2 ISAF troop, 4 ISAF civilian contractors killed & 36 injured, women & children among dead." Jedes Mal versuche ich, mir vorstellen, was diese Zahlen wirklich bedeuten. Aber ich schaffe es nicht.

Ein paar Tage später weiß ich dann schon nicht mehr, wie viele Leute diesmal gestorben sind: Waren es zehn oder zwölf? 27 oder 24?

Das letzte große Attentat in Kabul passierte Mitte November. Ein paar Tage bevor 2500 Stammesvertreter, Mullahs und andere Mächtige für eine Woche zur Loja Dschirga zusammenkamen, um über das Sicherheitsabkommen zwischen Afghanistan und den USA abzustimmen, sprengte ein Mann sich in einem Lastwagen in die Luft. Sechs Menschen starben sofort, 23 wurden verletzt. Die Bombe explodierte nur ein paar Hundert Meter entfernt von dem Ort, an dem die Loja Dschirga stattfinden sollte.

Bei jedem Anschlag gibt es Journalisten und Anwohner, die Fotos ins Netz stellen: verkohlte Autos, verletzte Menschen, Leichen. Diesmal twitterte einer das Bild einer Taube, die von der Druckwelle getötet worden war.

Am nächsten Tag verstärkte die Polizei ihre Checkpoints in der ganzen Stadt, um einen Anschlag während der Loja Dschirga zu verhindern; ein komplettes Viertel wurde für Autos gesperrt. Der Straßenverkehr, der in Kabul ohnehin lähmend ist, wurde unerträglich: Für einen Weg, für den ich normalerweise eine halbe Stunde benötige, brauchte ich nun zwei Stunden. Nach zwei Tagen Stop-and-go rief die Regierung Feiertage aus: Eine Woche lang blieben Ministerien und Botschaften geschlossen, die Leute gingen nicht zur Arbeit, und der Verkehr war wieder nur "verrückt".

Zur gleichen Zeit saß ein neunjähriger Junge aus Helmand in einem Lehmhaus in einem Flüchtlingscamp nahe dem Tagungsort der Loja Dschirga und weinte um seinen verstorbenen Klassenkameraden. Die Bombe in dem Lastwagen hatte den Freund in die Luft gesprengt, als er gerade nach Leuten Ausschau hielt, denen er für ein paar Afghani ihre staubigen Schuhe putzen könnte.

"Wie hast du deinen Freund in Erinnerung?", fragte ich den Jungen. "Beim Versteckenspielen hat er sich nie an die Regeln gehalten", antwortete er. "Er hat immer durch die Finger gelinst beim Zählen."

"Ist es das erste Mal, dass du einen Freund verlierst?" – "Nein", sagte der Junge. "Vor zwei Monaten ist ein Mädchen aus meiner Klasse bei einem Anschlag gestorben."

Damals dachte ich: Vielleicht sollten wir weniger Zahlen sammeln und öfter an diejenigen denken, die wir nie zu Gesicht bekommen, die Familien und Freunde der Toten. Diejenigen, die niemals vergessen können, wer gestorben ist.

Diese Woche lud mich ein Bekannter in ein kleines Haus im Viertel Karte Cha ein. Eine Gruppe Jugendlicher veranstaltete dort eine Andacht. 30 Frauen und Männer sitzen auf dem Teppichboden im Kreis, zünden Kerzen an und gedenken der Menschen, die vor einem Monat gestorben sind; auch der Neunjährige aus dem Flüchtlingscamp ist gekommen mit ein paar Schulkameraden.