Wer ein Geschenk macht, erwartet eine Gegenleistung: Er wünscht sich selbst eine Aufmerksamkeit vom Empfänger oder möchte sich dessen Gunst sichern. Seine eigenen strategischen Vorteile berücksichtigt der Mensch beim Geben immer, so hat es der französische Soziologe Pierre Bourdieu einmal gesagt, der dem Thema viele Forscherjahre gewidmet hat.

Wenn normale Menschen schon beim Geben auf den eigenen Vorteil schielen, tun Funktionsträger das erst recht. Politiker etwa.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich will den Deutschen Geld schenken. Jeder Haushalt soll bis zu einem Euro im Monat bekommen, so möchte er die seit Anfang 2013 höheren Einnahmen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten verwendet sehen. Ob es Zufall ist, dass die CDU und er sich im kommenden Jahr Europa-, Landtags- und Kommunalwahlen stellen müssen? Wohl kaum. Was er sich von den Beschenkten wünscht, ist offensichtlich: ihre Stimme. Auch dass ARD-Oberintendant Lutz Marmor den Vorschlag freudig begrüßte, hat Gründe: Der wegen der rumpeligen Einführung des neuen Rundfunkbeitrags viel Gescholtene würde sich über ein wenig mehr Wohlwollen der Deutschen wirklich freuen.

1,15 Milliarden Euro mehr werden die Sender zwischen 2013 und 2016 einnehmen; das sind rund 290 Millionen Euro zusätzlich jedes Jahr, so hat es die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) im Entwurf ihres 19. Berichtes soeben ausgerechnet; sie muss prüfen, wie viel Geld die Anstalten brauchen, und dafür zu sorgen, dass sie mehr nicht bekommen. Die KEF hält es für machbar, den Monatsbeitrag um 73 Cent zu senken.

Allerdings könnte stattdessen auch etwas viel Sinnvolleres mit dem Geld geschehen. Etwas, das das Überleben der Sender langfristig sichert.

Aber vorher noch eine Frage: Warum denken viele Funktionsträger bloß darüber nach, wie ihnen die überschüssigen Rundfunkbeiträge nützen könnten – statt zu überlegen, was das Beste für die öffentlich-rechtlichen Sender wäre? 73 Cent pro Haushalt und Monat, davon kann eine Durchschnittsfamilie noch nicht einmal gemeinsam ins Schwimmbad gehen. Und einmal verteilt, wären die paar Euro schnell wieder vergessen.

Gleichzeitig stecken aber ARD und ZDF in einer Krise. Das war schon öfter so, stimmt, aber diesmal geht es um ihre Existenzberechtigung. Niemand ist mehr auf die Sender angewiesen. Wer Laptop und Internetanschluss besitzt, hat Zugang zu mehr Filmen, Serien und Nachrichtensendungen als er je ansehen kann, in allen Sprachen und Geschmacksrichtungen.

Und dann hat auch noch der Ruf der Anstalten schlimm gelitten, seit sie jedem Haushalt 17,98 Euro Rundfunkbeitrag abknöpfen, egal, ob Nur-Radio-Hörer, Blinde oder Gehörlose darin wohnen. Befreit werden bloß noch die Armen. Eine Gebühr unabhängig vom Gerät ergibt Sinn – aber nur, wenn sich eine Diskussion an ihre Einführung anschließt: Was genau bietet der öffentlich-rechtliche Rundfunk jenen, die ihn finanzieren, also: allen? Was macht er anders, was macht er besser, was macht ihn aus? Die Anstalten haben sich nie die Mühe gemacht, das zu (er)klären.

Die Funktionsträger sollten die nun entflammende Einnahmendebatte als Anlass nehmen, dies nachzuholen. Und ihre Antworten müssen in die Tiefe gehen: zu den Wurzeln des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, seinem Programmauftrag. Er soll es den Menschen ja ermöglichen, sich eine Meinung zu bilden, soll verlässliche und glaubwürdige Information liefern. Und Zuschauer unabhängig bilden und unterhalten soll er auch. Große Worte! So würde er die Demokratie in Deutschland ein wenig stützen helfen – anders eben als all die Filme, Serien und Nachrichten, die auf den Laptops so laufen.

So weit jedenfalls die Idee. Man vergisst das gelegentlich, beispielsweise, wenn man vor dem Abendessen einen der beiden Sender herbeizappt: Die Seifenoper Verbotene Liebe läuft da gefühlt im zwanzigsten Jahr, außerdem ein paar Krimiserien, die verschiedene Namen tragen, sonst aber ziemlich gleichförmig sind. Es ist halt das sogenannte Werberahmenprogramm: Am Vorabend dürfen die öffentlich-rechtlichen es den privaten Sendern gleichtun und Werbespots ausstrahlen.

Und natürlich geben die Unternehmen ARD und ZDF am liebsten dann viel Geld für wenige Minuten, wenn sie wissen, dass sie damit eine Menge Menschen erreichen können. Mit verstörenden Dokumentationen oder komplexen Bildungssendungen erreicht man aber keine hohen Einschaltquoten. Mit simpel gestrickten Herz-Schmerz-Hände-hoch-Geschichten schon eher. Mit Seichtem eben, mit Programmen, die genauso gut auf Privatsendern laufen könnten, oder auch gar nicht. Mit Sendungen, die das Profil des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verwässern.

Schon im Jahr 1956 zeigte der Bayerische Rundfunk den allerersten Werbespot der deutschen Fernsehgeschichte, nach der Abendschau und in Schwarz-Weiß. Ein Ehepaar im Wirtshaus, eine versaute Tischdecke, die richtige Waschmittelmarke, darum ging es. Andere Unternehmen machten es begeistert nach. Manche Produkte waren damals glatt ausverkauft, nachdem die Spots gelaufen waren.

Nachkriegsdeutschland, eine Welt, in der Unternehmen unbedingt bekannter werden wollten, aber das Privatfernsehen noch nicht geboren war. Das war ein Umfeld, in dem Werbung in ARD und ZDF vielleicht so etwas wie Sinn hatte, vorübergehend jedenfalls. Aber würden die öffentlich-rechtlichen heute erschaffen – niemand zöge diese sonderliche Mischfinanzierung auch nur in Erwägung.

Statt Konsequenz zu beweisen und sie in den achtziger Jahren abzuschaffen, mit dem Entstehen von RTL und ProSieben nämlich, kam es danach sogar noch schlimmer: Die Anstalten ließen sich Sportereignisse von Biermarken sponsern und erlaubten Gewinnspiele in Unterhaltungssendungen. Der Schleichwerbeskandal rund um Thomas Gottschalks Wetten, dass..?, eines Aushängeschildes des ZDF, ist nur eines von zahlreichen Beispielen für die Folgen dieser Kommerzialisierung. Dort war offenbar vereinbart, wie die Autos, die es zu gewinnen gab, am besten in Szene zu setzen seien.

Seichtes Programm, Abhängigkeit und Unglaubwürdigkeit, zudem ein verwässertes Profil: Ist das nicht ein verdammt hoher Preis für 250 Millionen Euro im Jahr, die Werbung und Sponsoring einbringen? Es ist ein Bruchteil aller Einnahmen.

Und ob der Preis zu hoch ist! ARD und ZDF müssen unterscheidbar sein, wenn sie überleben wollen; sind sie es nicht, wird irgendwann niemand mehr Lust haben, für ihr Programm zu zahlen, man bekäme das Gleiche anderswo umsonst! Die größte Bedrohung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist also: er selbst, wenn er sich nicht auf die heutige Zeit einstellt, die ein Überangebot an Videos und ein Unterangebot an Tiefe kennzeichnet. Politiker und Intendanten müssen dafür sorgen, dass Werbung und Sponsoring aus ARD und ZDF verbannt werden.

Das müsste nicht einmal das Ende der Mainzelmännchen bedeuten, die seit je den Charakter des ZDF mitprägen. Sie könnten ihren Unfug auch im normalen Programm treiben, statt bloß die Pausenclowns der Werbeblöcke zu spielen.

Die höheren Einnahmen, die dank des neuen Rundfunkbeitrags auf die Konten der beiden Sender fließen, gleichen die finanziellen Einbußen nach den KEF-Berechnungen aus. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre: Es schadete den Intendanten keineswegs, wenn sie genau hinsähen, wo sie sparen könnten. Die KEF widmet den öffentlich-rechtlichen Kostenfressern in jedem Bericht ein ganzes Kapitel. Wenn die Anstalten beweisen, dass sie wissen, wofür sie stehen, und besonnen mit dem Geld der Beitragszahler umgehen, könnten sie sich deren Wohlwollen dauerhafter sichern als mit flüchtigen Geschenken.

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