Im Wettstreit um die prächtigste Lobeshymne für Sigmar Gabriel geht das Angela-Merkel-Lager wie folgt an den Start: verlässlich bei Absprachen, fokussiert in den Ausführungen, mit einer "sehr guten Mischung" aus Ich-will-Augenhöhe und Ich-kenne-das-Wahlergebnis adäquat selbstbewusst im Auftritt, clever in der Verhandlungsführung, kurz: ein politisches Tier mit sicherem Instinkt. Außerdem bewege er sich erstaunlich leichtfüßig für einen Mann seiner Leibesfülle. Das sagt also der Widersacher, der jetzt Partner ist.

Das Frank-Walter-Steinmeier-Lager setzt noch eins drauf: klaren Kurs vorgegeben, durchgehalten und die Partei geführt, ohne Wackelei; Haltung gegenüber den SPD-Mitgliedern gezeigt, die Parteispitze stets eingebunden, kurz: ein Parteichef, der sehr positiv überrascht hat. Das sagt also der Partner, der stets auch Widersacher ist.

Sigmar Gabriel beendet den außergewöhnlichsten Regierungsfindungsprozess der Nachkriegsgeschichte als großer Sieger. Eine widerspenstige, in Selbstzweifeln gefangene SPD hat er am Ende mit breiter Zustimmung in eine Große Koalition geführt und ihr neues Selbstbewusstsein vermittelt. Überraschend gut gelaunt, blicken die Sozialdemokraten nun vier Jahren mit Angela Merkel entgegen. Gabriel wird durch dieses kleine Wunder nicht nur zur unumstrittenen Nummer eins seiner Partei – er ist damit auch haushoher Favorit auf die Kanzlerkandidatur 2017. Und so stellt sich gleich zu Beginn seines Wirkens als Wirtschafts- und Energieminister eine Frage, die auf das Ende abzielt: Kann der Kandidat auch Kanzler?

Schon beim dritten Amtseid von Angela Merkel den Blick auf den Herbst 2017 zu richten erscheint reichlich früh, manchen gar deutlich verfrüht. Doch Politik ist immer auch Machtprojektion. Deshalb richteten sich am Tag der Wiederwahl von Barack Obama als US-Präsident alle Augen auf Hillary Clinton. In Deutschland ist der Fluchtpunkt aller Machtprojektionen das Kanzleramt. Die Machtfrage stellt sich just in der Sekunde neu, in der sie entschieden ist – darin liegt die objektive Verrücktheit der Politik.

Im Spätsommer stand Gabriel noch massiv in der Kritik: illoyal gegenüber dem Kandidaten, undiszipliniert im Wahlkampf, hyperaktiv im Willy-Brandt-Haus, herrisch im Umgang – so lauteten die Vorwürfe. Seine Schwäche konnte Gabriel binnen weniger Monate in Dominanz verwandeln, weil ihm zwei Kunststücke gelangen.

Seit mehr als zehn Jahren, seit den Agenda-Gesetzen rund um Hartz IV, beschwert sich das Unten in der SPD über das Oben, die Basis über die Führung. Das Dauergenörgel des Unten hat Frust und Wut in das Oben getragen, Spitzengenossen sprachen jahrelang schlechter übereinander als über den politischen Gegner. Der Mitgliederentscheid hat dem Unten aber gleich zwei Stimmen gegeben: eine, mit dem es sich öffentlich Gehör verschaffte, und eine, mit dem es über das Schicksal der SPD entschied. Gabriel hat damit jeden einzelnen der 473 000 Genossen für den Moment so wichtig gemacht wie den Vorsitzenden selbst. Der Mitgliederentscheid hat das Unten in der SPD befriedet – das war das erste Kunststück.

Das zweite bestand darin, den Machtkampf in der Parteispitze zu entscheiden, bevor er offen ausbrechen konnte. Am Wahlabend blieb Gabriel ruhig und gab den Kurs einer schrittweisen Sondierung vor. Seine bis dato stärkste Widersacherin, die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, verlor hingegen die Nerven, schoss zunächst gegen eine Große Koalition und wollte sie dann doch. Die Kritiker verwandelten sich in brave Unterstützer. Statt verbal übereinander herzufallen, fallen Gabriel und Andrea Nahles sich jetzt öffentlich in die Arme. Der Parteichef hat die Spitze geeint. Das befriedete Unten und das geeinte Oben machen ihn nun unangreifbar.

Passt das Programm zum Kandidaten und der Kandidat zum Programm? Die Frage, die Peer Steinbrücks Kampagne irreparabel beschädigte, wird sich bei Gabriel gar nicht erst stellen. Der 54-Jährige hat schon in alle Strömungen der SPD reingeschnuppert – er pflegt Kontakte zu den konservativen Seeheimern, zur Parlamentarischen Linken und zu den Netzwerkern dazwischen. Doch heimisch hat er sich nur bei den Falken gefühlt, jener Jugendorganisation, die immer schon mehr an Ferienfahrten als an Theorie-Seminaren interessiert war. Das macht ihn politisch ähnlich ungreifbar wie die Kanzlerin.