Viel Mühe hat sich der Präsident nicht gegeben, um seine Absage für Sotschi zu begründen. Offenbar schien es ihm allzu selbstverständlich, mit einem schwulenfeindlichen, korrupten Autokraten als Gastgeber nicht feiern zu wollen. In der Öffentlichkeit fand der Verzicht des Staatsoberhauptes auf einen Besuch der Olympischen Winterspiele kaum Beachtung, von Kritik zu schweigen. Es herrschte ein achselzuckendes: Na klar!

Der Präsident, um den es hier geht, heißt natürlich nicht Joachim Gauck, sondern François Hollande. Frankreich ist eben anders, dort hat man vor den Russen keine Angst, man hat auch kein schlechtes Gewissen, man folgt einfach den eigenen Interessen.

Die Absage des deutschen Bundespräsidenten hingegen wurde in Politik und Medien zumeist mit Erstaunen quittiert, die Kanzlerin ließ ihre Missbilligung wissen. Vor allem wurde moniert, dass Joachim Gauck keine ordentliche Begründung gegeben habe. Hätte er es jedoch getan, so wären gewiss alle über ihn hergefallen, denn dann hätte der Bundespräsident explizit sagen müssen, was sich ohnehin jeder denken kann: Dieser Mann weiß eben, wie es ist, als schikanierter Oppositioneller in einer Diktatur zu hocken und dann von denen, auf die man hofft, kein Wort zu hören und keine Geste zu sehen.

Ein Schwuler, der Angst haben muss vor Verfolgung, oder ein kritischer Journalist, der jederzeit zusammengeschlagen werden kann, sieht es mit anderen Augen, wenn demokratische Politiker zusammen mit Wladimir Putin jungen Menschen beim Skilaufen zuschauen.

Gaucks wortlose, aber leicht verständliche Absage kam zum richtigen Zeitpunkt. Nicht nur, weil Putin gerade dabei ist, die Ukraine mit erpresserischen Methoden von der EU wegzureißen, sondern auch, weil Deutschland gerade eine neue Regierung bildet – einschließlich eines neuen, alten Außenministers.

Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Zeit als Oppositionsführer im Bundestag mit für seine Verhältnisse scharfen Worten die Russlandpolitik der Kanzlerin attackiert. Angela Merkel hat sich in den vergangenen Jahren allerdings nur ein- oder zweimal etwas brüsk gegenüber Putin verhalten, als der seine Machtspielchen zu weit trieb; ansonsten aber agierte Merkel, vorsichtig gesprochen, moderat.

Mit Gaucks Geste und Steinmeiers Amtsantritt ist nun deutlich: Es gibt in Deutschland keinen Konsens über die richtige Russlandpolitik, ja es gibt erhebliche Differenzen über die Außenpolitik allgemein. Wollte man es auf einer Links-rechts-Skala darstellen, so stünde ganz links Joachim Gauck, dann käme in der Mitte (wo sonst?!) die Bundeskanzlerin, rechts Frank-Walter Steinmeier. Die interessante neue Frage lautet seit dieser Woche: Wo auf dieser zugegebenermaßen stark vereinfachenden Skala befindet sich die vierte maßgebende Außenpolitikerin, was denkt in diesen Dingen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen?