Achthundert Seiten. "Ein ärztliches Nachschlagebuch der Gesundheitspflege und Heilkunde in der Familie" versprach der Untertitel, als 1901 Die Frau als Hausärztin im Süddeutschen Verlagsinstitut, Stuttgart, erstmals erschien. Es sollte ein Jahrhundertbuch werden. 1913 bereits war die erste Million erreicht. Und so ging es stetig über zwei Weltkriege hinweg: 1969 meldete der Verlag eine Gesamtauflage von 3.365.000 Exemplaren. Erst 1993 war es zu Ende, da gab es die allerletzte Neuausgabe. Die Frau als Hausärztin ist das deutschsprachige Medizin-Hausbuch des 20. Jahrhunderts.

Dabei hatte zunächst nichts auf diesen Riesenerfolg hingedeutet. Das Buch kostete im Jahr seines Erscheinens 16 Mark. Das war ziemlich teuer, verfügten doch zwei Drittel der Haushalte im Deutschen Reich damals über weniger als 900 Mark jährlich. Auch hatte in den Jahrzehnten vor 1900 die moderne Medizin spektakuläre Erfolge errungen, gegen die Hausmittel kaum noch konkurrieren konnten. Und schließlich orientierte sich die Hausärztin an der Lebensreformbewegung, die aufs Ganze gesehen zunächst noch ein eher bürgerliches Minderheitenprogramm blieb. Wie lässt sich der Massenerfolg dennoch erklären?

Das mag zuerst mit der Person der Autorin zusammenhängen. Dr. med. Anna Fischer-Dückelmann war keine Unbekannte. Geboren 1856 als Tochter eines k. u. k. Oberstabsarztes in Galizien und in Brünn groß geworden, schrieb sie bereits als Heranwachsende einen "hygienischen Artikel gegen das Corset". Nach ihrer Eheschließung mit dem Publizisten Arnold Fischer gab sie eine sozialreformerische Zeitschrift in Frankfurt am Main heraus. Erst 1889, da war sie immerhin schon 33 Jahre alt, nahm sie ein Medizinstudium auf – in der Schweiz, da dergleichen den Frauen in Deutschland noch verwehrt war; Mann und Kinder kamen mit. Sieben Jahre später ließ sich die Familie bei Dresden nieder, wo Fischer-Dückelmann eine Praxis für Frauen- und Kinderheilkunde eröffnete. In viel beachteten Aufsätzen kritisierte sie die rabiaten Methoden ihrer männlichen Kollegen, prangerte die hygienischen und sozialen Zustände in den Kliniken an, forderte die medizinische Ausbildung von Frauen und setzte sich für deren soziale und sexuelle Emanzipation ein.

Die wachsende Bekanntheit der Autorin war indes kaum der einzige Grund für den Erfolg . Hinzu kam die üppige Ausstattung des Buches mit 448 Textillustrationen, mit 22 Tafeln und Beilagen. Und vor allem: die einfühlsame Darstellungsweise. Zwar kritisierte Fischer-Dückelmann jede Art der zivilisatorischen Dekadenz und empfahl stattdessen Natürlichkeit, hatte aber dennoch Verständnis auch für Bedürfnisse und Wünsche ihrer Leserinnen, die der Gesundheit nicht unbedingt förderlich waren – "von Frau zu Frau".

Wichtig für den Erfolg war schließlich der Vertrieb über speziell geschulte Vertreter. So konnte die weibliche Zielgruppe direkt im eigenen Haushalt erreicht und überzeugt werden. Auch gab es Ratenkauf.

Die unmittelbare Ansprache der künftigen Leserinnen dürfte aber auch deswegen notwendig gewesen sein, da der Inhalt des Buches kaum gängigen Moralvorstellungen entsprach. Denn Die Frau als Hausärztin ist mitnichten ein bloßer Ratgeber in Krankheitsfällen. Vielmehr lehnt die Autorin die schulmedizinische Symptombehandlung rundweg ab. Der Arzt ziehe "aus dem Elend seiner kranken Mitmenschen Nutzen". Die von ihm verabreichten Arzneien schädigten recht eigentlich die Gesundheit und zögen weitere – kostspielige – Behandlungen nach sich. Die Folge sei ein "Arzneisiechtum". Namentlich der Pflichtimpfung gegen Pocken solle man sich rundweg entziehen.

Fischer-Dückelmann setzt auf ganzheitliche Rezepte, auf vegetarische Ernährung und Luftbäder – allerdings auch auf die Berufstätigkeit von Frauen und ein erfülltes "Geschlechtsleben", das mit größter Offenheit geschildert wird: vom weiblichen Orgasmus bis zum Gebrauch von Verhütungsmitteln. Mit solch gesunder Lebensführung und Vorsorge ließen sich alle Zivilisationskrankheiten verhindern. Im Falle akuter Beschwerden sollten Umschläge, Heilkräuter und Bäder Linderung verschaffen.