Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Triumph zur Ouvertüre einer Niederlage gerät. Vor drei Monaten feierte die CDU einen historischen Wahlsieg. Doch in den längsten Koalitionsverhandlungen, die es je gab, hat die Union nichts von ihrem grandiosen Erfolg in die Große Koalition gerettet. Außer der Kanzlerin natürlich und ihrem Finanzminister. Ansonsten gilt längst das Bonmot: Die Union hat die Wahl gewonnen, aber die Koalitionsverhandlungen verloren, personell wie inhaltlich.

Man kann das der Führungsstärke und dem Verhandlungsgeschick des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel zuschreiben. Aber das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Denn gerade im Kontrast zu ihrem Wahlerfolg ist in den Wochen danach sichtbar geworden, worunter die Union schon länger leidet: unter ihrer eigenen Ambitionslosigkeit. Die CDU wird immer populärer, aber sie verliert zugleich ihre politische Prägekraft. Weiterregieren ist die Hauptsache, doch dass die Partei mehr will, zeigt sie nicht. Deshalb hat sie gegen die vom Wähler gebeutelte, aber programmbegeisterte Konkurrenz von der SPD so wenig erreicht.

Die Mütterrente ist das markanteste Projekt, das die CDU im Koalitionsvertrag unterbringen konnte. Ansonsten verlegte sich Deutschlands dominierende politische Kraft aufs Verhindern. Sie torpediert das sozialdemokratische Herzensthema Verteilungsgerechtigkeit, sie verhinderte eine generelle doppelte Staatsbürgerschaft, sie verzögerte die Einführung des Mindestlohns. So wenig Gestaltungswille – das führte auch in den eigenen Reihen zu leisen Verzweiflungsattacken. Auf dem Kleinen CDU-Parteitag, der den Koalitionsvertrag absegnete, versuchte ein Redner das dreimonatige Defensivspiel seiner Partei doch noch umzudeuten: "Hinter jedem Nein steckt doch immer auch ein Ja!" Wirklich?

Natürlich kann die Union gegen den Verdacht politischer Erosion erst einmal ihren strahlenden Wahlsieg ins Feld führen. Dass eine Partei am Beginn ihrer dritten Regierungsperiode derart triumphiert, hat es zuvor nur unter Konrad Adenauer gegeben. Und in der Demokratie gilt schließlich der Wahlerfolg als ultimativer Nachweis politischer Vitalität. Doch die demokratischen Erfolgsbedingungen ändern sich. Für die Wähler geben inhaltliche Leidenschaft, programmatische Kreativität und politische Energie vielleicht nicht mehr den Ausschlag. Angela Merkel jedenfalls hat bereits im Wahlkampf den Gestus kultiviert, die Menschen nicht mit Politik zu behelligen. Es genügte der Eindruck, das Land sei bei ihr irgendwie in guten Händen. Die Suggestion des "Wann wenn nicht jetzt können wir so weitermachen wie bisher" verfing. Die Hoffnung, dass es den Deutschen "in vier Jahren noch ein bisschen besser geht", reicht, um hierzulande Bundestagswahlen zu gewinnen. Für eine erfolgreiche Koalition mit den projektbeseelten Genossen reicht es nicht, das jedenfalls haben bereits die Verhandlungen gezeigt.

In der Union regt sich bislang kaum Unmut über die Anspruchslosigkeit, mit der Merkel in die Große Koalition startet. Selbst als die SPD ihre symbolischen Trophäen bei den Koalitionsverhandlungen nach Hause brachte – den noch ein bisschen hinausgezögerten Mindestlohn, die doppelte Staatsbürgerschaft, wenigstens für die hier Geborenen, die Lebensleistungsrente –, hielt die Union still. Während die SPD zwei Monate lang über Sinn und Unsinn einer Regierungsbeteiligung stritt und am Ende die Mitglieder darüber entscheiden ließ, reichten der CDU, routiniert wie immer, drei Stunden Kleiner Parteitag. Bei der Abstimmung über den Koalitionsvertrag gipfelte die innerparteiliche Skepsis in zwei Enthaltungen. Doch die Kritiklosigkeit, mit der die CDU ihrer Führung folgt, ist inzwischen nicht mehr ein Zeichen inhaltlicher Geschlossenheit, sondern wirkt eher wie ein Indiz politischer Abstumpfung. Die SPD darf sich nach ihrer erfolgreichen Urabstimmung als "Mitmachpartei" feiern, die Union nur als Partei, die alles mitmacht.

Während sich bei der SPD noch jede Regierung irgendwann unter dem Druck der eigenen Basis aufgerieben hat, darf die Unionsspitze mit der Duldsamkeit der Partei rechnen – solange die Macht selbst nicht gefährdet scheint. Der machterhaltende Pragmatismus ist für die CDU essenzieller als jede programmatische Festlegung. Das ging lange gut. Doch in den vergangenen zehn Jahren sind die inhaltlichen Kernbestände der CDU unter Dauerstress geraten. Die Partei hat sich seither radikaler gewandelt als in der 25-jährigen Ära Helmut Kohls. Einwanderung, Familie, Frauen, Minderheitenrechte, Schule, Bundeswehr, Atom und Energie – auf keinem dieser politischen Themenfelder erinnert die Union heute noch an den Beginn der Ära Merkel.

Diese programmatische Runderneuerung ist durchaus eindrucksvoll. Doch nicht nur die politischen Inhalte der Partei haben sich dramatisch verändert, sondern das Verhältnis der Union zu ihren Inhalten selbst. Und das ist weniger bestechend. Denn die permanente Revision ihrer politischen Vorstellungen hat in der Partei zu einer Gleichgültigkeit gegenüber dem jeweiligen Stand ihrer Programmatik geführt. Das Gros der Partei hat die Modernisierung eher erduldet als mitvollzogen. In der Konfrontation mit dem künftigen Koalitionspartner wird diese Überzeugungsschwäche zum Problem.