Wenn Gregor Gysi die Mangelwirtschaft der DDR erklärt, dann macht er das gern bei Burgunderschnecken in Knoblauch-Petersilien-Butter, gefolgt von Knurrhahn-Filet mit Schmorgurken sowie einem französischen Käseteller und sagt dann: "Ich mag Schmorgurken."

Wenn Gerhard Schröder beweisen wollte, dass unter den edlen italienischen Anzügen des Bundeskanzlers immer noch ein sozialdemokratisches Herz schlägt, ging er in die erstbeste Frittenbude und verschlang eine Currywurst.

Wenn Sigmar Gabriel sich zu einem Hintergrundgespräch mit Journalisten in einem Berliner Restaurant trifft, isst er nichts und trinkt Wasser.

Wenn Angela Merkel gefragt wird, was sie denn denke, wenn sie bei sich zu Hause am Herd stehe, dann sagt sie: "Wenn ich da im Kochtopf rühre, denke ich nicht: Die Kanzlerin rührt im Kochtopf."

Das Essen ist politisch, das Nichtessen auch – und das Reden darüber erst recht. Der kleine Mann will als großer Kenner gelten, der Mächtige als milieuverbunden, der Dicke nicht verfressen wirken, die über allem Schwebende als geerdet.

Politiker werden beim Essen weder gefilmt noch fotografiert. Dies gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen, die das Zusammenleben im politisch-medialen Komplex in Berlin-Mitte regeln. Ein Mensch, der isst, ist ein anderer, als wenn er nicht isst. Der essende Politiker ist deshalb immer wieder von öffentlichem Interesse. Was er zu sich nimmt, wo er wen zum Essen trifft, ob er Messer und Gabel halbwegs im Griff hat: All das trägt dazu bei, eine Botschaft zu senden, ein Image zu prägen – oder es zu zerstören. Du bist, was du isst. Der Bratling ist grün, der Stramme Max sozialdemokratisch, das Steak vom Angusrind schwarz-gelb. Nur Gysi, dem linken Feinschmecker, wird verziehen, dauerhaft am verkehrten Ende der politischen Skala zu speisen. Menschen, die ein Knurrhahn-Filet wegen der Schmorgurken bestellen, besitzen im politischen Berlin Narrenfreiheit.

Die Vorstellung, das Leben des Politikers spiele sich zwischen gebratenen Riesengarnelen auf Rucola und Rinderfilet an Pommes Pont Neuf mit Sauce béarnaise ab, verkennt die allgegenwärtige Präsenz von Bockwurst und Backfisch in der deutschen Alltagspolitik – und die Dominanz der Kartoffelsuppe im Zentrum der Macht. Doch bevor wir zu dieser magenbitteren Realität kommen, wollen wir erst einmal ein wenig durch das Regierungsviertel schlendern. Schließlich weiß fast jedes Restaurant zwischen der Kanzleramtskantine am Spreeufer und den Besseresser-Lokalen am Gendarmenmarkt eine kleine Geschichte über Essen und Politik zu erzählen.

In der Traube in der Reinhardtstraße hat sich Joschka Fischer, ein welterfahrener, aber zuweilen recht gieriger Sechs-Gänge-Menü-Verdrücker, einst so ernsthaft an einem Wiener Schnitzel verschluckt, dass anwesende Agentur-Journalisten schon eine Eilmeldung absetzen wollten; das Wort "tragisch" hätte im Vorspann gestanden. Im Ganymed am Schiffbauerdamm, gleich neben dem Berliner Ensemble, ließen die Spitzenliberalen Wahlabende stets mit reichlich Steak tartare, Trinksprüchen wie "Auf die Freiheit!" und einem deutlichen Mangel an FDP-Frauen ausklingen – damals, als es noch Spitzenliberale gab und Wahlabende, an denen sie was zu feiern hatten. Im Aigner am Gendarmenmarkt hat Wladimir Putin mal eine Brandenburger Bauernente verspeist. Schräg gegenüber, im Borchardt, der Kantine der Berlinale-Stars, treffen sich in den elfeinhalb Nicht-Berlinale-Monaten all jene, die auch gern Berlinale-Stars wären, es aber leider nur zum Politiker, Lobbyisten oder Journalisten gebracht haben. Tischreservierung ist ratsam, wegen des Andrangs.

Im Tucher am Brandenburger Tor hat George W. Bush einst eine Schrödersche Currywurst verschmäht und stattdessen einen Apfelstrudel geordert, was Schröder an seine dritte Ehe erinnert haben dürfte, eine Art kulinarisches Umerziehungslager. Im Il Punto in der Neustädtischen Kirchstraße begrüßt Claudia Roth den Wirt Pepe heute noch jedes Mal so hemmungslos überschwänglich, als sei er ihr seit der Geburt vermisster Zwillingsbruder – und sie selbst noch Grünen-Chefin. In ihrem Speisezimmer in der Chausseestraße versucht derweil die Kochbuch-Köchin Sarah Wiener die neue grüne Führungscrew mit Schwarzwurzelsüppchen mit geräucherter Wachtelbrust und gebratenem Steinköhler mit Steckrübenpüree und geschmortem Wirsing wenigstens speisetechnisch auf Jürgen-Trittin-Niveau zu heben. Und im Café Einstein Unter den Linden, der Hauptbühne der Essen-und-Politik-Show im Speisesaal Berlin-Mitte, schauen Touristen jeden Tag aufs Neue dabei zu, wie sich Politiker und Journalisten jeden Tag dabei zuschauen lassen, wie sie zwei Eier im Glas oder ein Saftgulasch verspeisen. Wir empfehlen allerdings den Joghurt mit Früchten, das Backhendl und einen Tisch in der touristenfreien Zone, dem hintersten Raum.

Selbst beim Blick auf die Hamburgische Landesvertretung in der Jägerstraße muss der politische Insider ans Essen denken. Hierher laden die Mitglieder des Hintergrundkreises "Gelbe Karte", alles Journalisten, Spitzenpolitiker regelmäßig zu Hintergrundgesprächen und einem Mittagessen ein. Bei Vorspeise, Hauptgericht und dem Kaffee danach wird stets zuverlässig jener Punkt erreicht, an dem die Gesprächsleitung um eine möglichst ausführliche Frage bittet – damit der Gast auch mal etwas essen kann. Vor allem Sozialdemokraten kommen gern vorbei. Wer das Willy-Brandt-Haus von innen kennt, weiß auch, warum: Noch öfter als schlechte Laune gibt es dort das entsprechende Essen: das Schnittchen, gebuttert, belegt, durchgeweicht. Dem Vorsitzenden Kurt Beck weinen in der SPD-Zentrale nur wenige nach – die Journalisten dem warmen Buffet und dem Spätburgunder von Knipser, die Beck dort bei Abendterminen servieren ließ, aber umso heftiger.