In der Nacht zum vergangenen Sonntag, auf dem Höhepunkt der wöchentlichen Hamburger Kiezsause, ging ein Stück St. Pauli unwiederbringlich verloren. Im Keller des Musik-Clubs Molotow rockte die wendländische Band Madsen, als durch das Haus ein Ruck ging. Putz bröckelte, Lampen schwankten. Wenig später begann die Polizei mit der Evakuierung des gesamten 1960er-Jahre-Komplexes, der unter dem Namen Esso-Häuser bekannt ist, mittlerweile schon über die Stadtgrenzen hinaus.

Manche sehen in den zwei gelblichen Wohnriegeln, die durch eine Ladenzeile verbunden und von der einzigen Tankstelle auf der Reeperbahn, der Kiez-Tanke, ergänzt werden, lediglich einen Schandfleck. 2009 erwarb die Bayerische Hausbau das Gebäude, offenkundig mit der Absicht, es möglichst bald abzureißen. Womit das Immobilien-Unternehmen nicht gerechnet hatte: dass sich eine Bürgerinitiative gründen würde, um für die Instandsetzung zu kämpfen. Und dass ausgerechnet der Kampf um diese Häuser einen großen symbolischen Wert annehmen würde. Hier geht es nicht nur um 110 Wohnungen, hier geht es um das Wohnen an sich. Darum, dass viele die paar Quadratmeter, die sie fürs Leben brauchen, kaum mehr bezahlen können – in St. Pauli nicht und auch nicht in vielen anderen Stadtquartieren.

Einen offiziell bescheinigten Denkmalwert besitzen die Esso-Häuser nicht. Ihr Wert erschließt sich, wenn man in die Geschichte schaut, auf die lange Liebe des Stadtteils St. Pauli zum Verworfenen, zum charmanten Schmuddel. Der aber ist heute dabei, selbst verworfen zu werden: In den Seitenstraßen glänzen kalte Glasfassaden, in die Tiefgaragen rollen Porsche Cayenne, und die kleinen Läden werden verdrängt durch Ketten und Bierhallen für Massenabfertigung. Diese Gentrifizierung St. Paulis, diese Kommerzialisierung, vorangetrieben von einer seltsamen Koalition aus Pauschaltouristen und hippen Pärchen mit gehobenen Wohnansprüchen, ist es, was die Esso-Häuser so kostbar macht: Ihr Wert besteht in der Tatsache, keinen Wert zu haben.

Gekoppelt daran ist der politische Gehalt der Esso-Häuser. Die Initiative sperrt sich mit ihrem Plädoyer für den Erhalt gegen eine Stadtentwicklung, in der aus alter paternalistisch-sozialhygienischer Tradition heraus noch immer "von oben" abgesegnet wird, was weg soll und was bleiben darf. Die Esso-Häuser sind im ökonomisch-politischen Einverständnis von Behörden und Eigentümern verrottet, bis sie abbruchreif waren. Das Einverständnis der Bewohner hat man nicht eingeholt.

Nun ist es für die Rettung der Häuser zu spät. Eine Demonstration ist trotzdem für den Samstag angesetzt. Vielleicht wird der Fall der Häuser noch ein anderes Beben zur Folge haben, eines, das es erforderlich macht, die Stadtentwicklung auf ein neues Fundament zu stellen.