Einmal quer durch Europa gefahren, in sieben Opernhäusern gesessen, fast 18 Stunden Musik gehört, frühen Verdi, späten Verdi, Verdi mit Stars und ohne, Verdi in der sogenannten Provinz, Verdi-Premieren, Verdi im Repertoire, Verdi nördlich wie südlich der Alpen, Verdi und ver.di (Streik in Hamburg), "Viva Verdi!" oder "Viva V.E.R.D.I.!" zur Saisoneröffnung an der Mailänder Scala (der alte Schlachtruf des Risorgimento, der italienischen Einheitsbewegung), Verdi kulinarisch, Verdi veralbert, Verdi vertan, Verdi grandios gesungen und dirigiert: Mir kann niemand mehr etwas erzählen über diesen Jubelherbst.

Ich habe (fast) alles gesehen und gehört, was seit Giuseppe Verdis 200. Geburtstag Anfang Oktober zu hören und zu sehen war – immer auf der Suche nach ... ja, wonach? Nach seiner Hand auf meiner Schulter, nach einem Blick aus bitter-verschmitzten Augen, nach dem eigenen Durchlässigwerden für die Welt, wie sie ist und wie sie sein sollte. Denn das kann nur Oper: Erkenntnis spürbar machen, physisch, im Augenblick. Wenn die Musik noch dazu von einem Wahrheitsfanatiker wie Verdi stammt, dann erschaudert man. Und zwar weniger vor der siechen Traviata oder den bösen Hexen in Macbeth als davor, dass es einen nicht tagtäglich schaudert, draußen auf der Straße, im Leben, ganz konkret. Das ist Verdi. Das kann Verdi.

Was ich gelernt habe: Verdi-Aufführungen brauchen einen politischen Eros, sie müssen größer denken als in schöner Musik, stimmigen Bildern und unverfänglichen Abläufen. Das heißt nicht, dass die Verdi-Bühne den Majdan-Platz in Kiew zeigen soll, nur weil es in La battaglia di Legnano um die Schreckensherrschaft Friedrich Barbarossas bei den Lombarden geht. Gleichsetzungen wie diese enden immer unter Niveau. Aber politischer Eros hieße schon, dass die Institution Oper sich über sich selbst klar wird: über die Pfunde, mit denen sie zu wuchern hätte, die leibgeistige Ansprache, die sie zu bieten hat. Und über das Subversive als Chance, das Kritische, das dem Musiktheater innewohnt, eben weil es die Menschen so unmittelbar berührt. Bei Verdi werden Kunst und Leben immer eng geführt. Er baute keine Festspielhäuser, sondern finanzierte Krankenhäuser und Altersheime. Darin liegt auch eine ästhetische Verpflichtung.

Wenn dieser politische Eros allerdings fehlt, macht Verdi sich dünn. Dann bleibt wenig übrig von herzerwärmenden Melodien und explosiven Figurenkonstellationen, von seinem ganzen gnadenlosen Umgang mit der Konvention. Dann nervt das Gassenhauerische der Traviata, dann bedient der Trovatore doch nur das Klischee, dass Opern alt, laut, lang und unverständlich sind. Bei Wagner mag es so etwas geben wie den Klang an sich, den Rausch der orchestralen Farben und Harmonien, den Kick des hochdramatischen Gesangs. Bei Verdi steht man ohne die Frage nach dem Warum schnell vor dem Nichts, wird vieles schal, banal, trivial. Schönheit, lautet sein Credo, hat immer eine Funktion, sonst verdient sie es nicht, so genannt zu werden.


Was aber ist das Politische im Verdi-Jahr 2013, wie und wo findet es sich? Ist es politisch gemeint, wenn der Patria oppressa-Chor im Essener Macbeth (Regie David Hermann) weit oben im Rang ertönt und der Wald von Birnam aus der Mitte des Parketts auf die Bühne wankt? Sollen wir das sein, diese düsteren zotteligen Gestalten, die hier Partei ergreifen und die Macht gleich mit? Eine nette Idee, die im Aalto-Theater erstens durch die Prinz-Eisenherz-Ästhetik der Kostüme konterkariert wird und zweitens durch die riesige, mindestens 200-jährige Baumwurzel, die das Bild beherrscht und unter der Götz Friedrich in den achtziger Jahren sicher gerne Wagners Ring gespielt hätte. Und was die Hexen in Macbeth betrifft: Die hocken unter der Wurzel in einem Krater und sind, während über ihnen Dolch um Dolch im Schattenriss erzittert, den lieben langen Abend nicht zu sehen.

Das Publikum mittun zu lassen scheint allerdings angesagt zu sein, und sei es, um Teilhabe zu suggerieren, wo keine Teilhabe ist. Etwa in Hamburg, bei David Alden, der gleich drei frühe Verdi-Opern hintereinander am Schopfe packt (La battaglia di Legnano, I due Foscari, I Lombardi) und den Chor in eine Art Schiffsschaukel setzt, die auf Knopfdruck aus dem Schnürboden schwebt. Das hat Wirkung, zweifellos. Trotzdem muten die drei Abende über weite Strecken wie Les Misérables an, das Musical, und so fühlt man sich erneut getäuscht und um Verdi gebracht. Das Gesellschaftliche in seiner Kunst ist niemals nur Kulisse für das Private, für einschlägige Liebes- und Dreiecksgeschichten. Warum braucht es dann solchen Mummenschanz? Ist das Vakuum in unseren Köpfen und Herzen so groß, dass wir einen wie Verdi nur mehr "Platz!" machen lassen, husch, ab ins Museumskörbchen?