"Wir haben für die Projekte sogar eine Frauenquote"

Die Ingenieurin Sandra Timmermann berechnet die Statik von deutschen Großbauten – und plant in ihrer Freizeit Brückenprojekte in Ruanda

An einem grauen, windigen Dezembermittag steht Sandra Timmermann auf einem Aussichtsturm und blickt auf die riesige Baustelle unter sich: zehn Baukräne, Dutzende Arbeiter in Leuchtwesten, Maschinenlärm. Sandra Timmermann, 36, ist Statikerin und Bauingenieurin bei der Ingenieursgesellschaft SSF Ingenieure in Berlin. Sie begleitet schon über drei Jahre lang die Planung für Teile dieses Großprojekts: des Lückenschlusses der U-Bahn-Linie 5 zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor. Über 430 Millionen Euro kosten die 2,2 Kilometer Tunnel und die drei neuen U-Bahnhöfe. Was diese vielen Millionen Euro in Ländern wie Ruanda verändern könnten. Dieser Gedanke komme ihr manchmal, sagt sie. In Ruanda koste eine für die Bevölkerung überlebenswichtige Fußgängerbrücke nicht einmal 15.000 Euro. Innerhalb von nur drei Monaten errichtete Timmermann 2002 zusammen mit über 40 Freiwilligen vor Ort einen 40 Meter langen Übergang.

Seit zehn Jahren engagiert sie sich neben ihrem Beruf für den Verein Ingenieure ohne Grenzen (IOG). Sie leitet dort die Kompetenzgruppe Brücken- und Hochbau. Die Hilfsorganisation mit 1.900 Fördermitgliedern und ehrenamtlichen Mitarbeitern errichtet Wasserzisternen in Tansania, versorgt Schulen in Sierra Leone mit Solarstrom oder baut Brücken in Ruanda.

Für ihre Brückenprojekte rekrutiere sie stets die Bevölkerung der umliegenden Dörfer, sagt Sandra Timmermann, das schaffe Akzeptanz. "Oftmals sind das Bauern, die bei dem Projekt etwas dazuverdienen. Wir haben für die Bauarbeiter sogar eine Frauenquote."

Seit sieben Jahren kooperiert IOG dabei mit dem Kigali Institute of Science, Technology and Management (Kist), Ruandas erster technischer Hochschule in der Hauptstadt Kigali. Nicht immer läuft alles rund: Die Bürokratie Ruandas sei grausam, Liefertermine würden nicht eingehalten, strenge Hierarchien verhinderten eigenständiges Denken, sagt Sandra Timmermann. "Mit der Zeit entwickelt man eine gesunde Gelassenheit und beginnt zu improvisieren."

Sie wärmt sich in einem äthiopischen Restaurant auf, "mein Lieblings-Afrikaner in Berlin". Sie isst mit bloßen Händen eine gemischte Fleischplatte mit Fladenbrot. Was bedeutet die Arbeit in Afrika für die Ingenieurin? "Ich nehme diese Projekte sehr ernst und verfolge sie mit Hartnäckigkeit", sagt sie. "Das ist vermutlich schon sehr deutsch."

Ihre erste Brücke in Ruanda baute sie als Studentin, da gab es IOG noch nicht. Für ihre Diplomarbeit an der Fachhochschule Münster baute sie 2002 zusammen mit ruandischen Studenten eine Fußgängerbrücke in Nyabukono, einer abgelegenen ländlichen Region. Es wurde die erste Hängebrücke Ruandas. Starke Regenfälle hatten den alten Übergang weggespült. Besonders in der Regenzeit ertrinken wegen fehlender Brücken in Ruanda viele Menschen beim Versuch, einen Fluss zu überqueren.

Eine Mischung aus Abenteuerlust und der Überzeugung, etwas Sinnvolles zu leisten, lockte sie damals für ein halbes Jahr in das Land. Ihr Professor, der das Kist mit aufgebaut hatte, hatte vom Land der tausend Hügel geschwärmt. 2002 waren die Wunden des Bürgerkriegs noch frisch. "Jeder Student am Kist hat mindestens einen Angehörigen, wenn nicht gar die ganze Familie verloren."

Das Land voller Kontraste und seine Menschen haben sie seither nicht mehr losgelassen. Rund zehn Stunden pro Woche arbeitet Sandra Timmermann in ihrer Freizeit für IOG, die meiste Zeit still im Hintergrund: Projekte planen, koordinieren, Spenden sammeln. "Ich möchte, dass auch andere so motivierende Erfahrungen sammeln können wie ich in meiner Zeit in Ruanda. Da braucht es jemand, der zu Hause alles organisiert." Dreimal war sie selbst vor Ort, zuletzt 2010: Da leitete sie am Kist einen Workshop über Brückenbau in ländlichen Regionen. Der Kurs wird nächstes Jahr offizieller Teil des Lehrplans der Uni. Sandra Timmermann möchte ihr Wissen an ruandische Studenten weitergeben. In ihrem Büro hängt ein Bild von vier ruandischen Frauen, lachend vor Freude über eine neu gebaute Brücke in ihrem Dorf. "Das ist meine Motivation."

Adrian Meyer