Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Gelegenheit, geradezu die Notwendigkeit, eines großen Werkes der Weihnachtsliteratur zu gedenken? Zum 60. Geburtstag Robert Gernhardts am 13. Dezember 1997 uraufgeführt, erschien Erna, der Baum nadelt – Ein botanisches Drama am Heiligen Abend im folgenden Jahr als Buch. Die Autoren: Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr. Der Zeichner: Volker Kriegel.

Die Situation: Die Familie Breitlinger in vorweihnachtlicher Stimmung. Schorsch ruft: "Erna!" Erna: "Schorsch?"

Eine knappere, härtere dramatische Exposition hat man selten gelesen. Und jetzt: "Erna, de Baum nadelt!" Erna: "Waas?! Ach des gibt’s doch net. De Baum nadelt?" Schorsch: "Wann isch der’s sach! Geh halt emal her und guck der’s aa." Die Kinder eilen herbei: "Guck ema da! Geil, hiä. Na so was, Papa, weißtes schon? De Baum nadelt ..." Schorsch: "Ja, des sach isch doch die ganz Zeit."

Es mag Leser geben, die des Hessischen nicht mächtig sind. Für sie die Übersetzung von Harry Rowohlt: "Erna, der Baum ist am Nadeln!" Erna: " Wie bidde? Das gibt das doch nich. Der Baum ist am Nadeln?" Schorschi: "Wenn ichas dir doch sage. Kommps eimpfach ma her und kuxas dir an." Die Kinder: "Kuckma! Goile Sogge. Na so was. Hassas schon gemerkt, Vadding? Der Baum ist am Nadeln ..." Schorschi: "Ist doch mein Sagen."

Wir wollen den Ausgang dieses bürgerlichen Trauerspiels nicht verraten, müssen jedoch hinzufügen, dass eine seiner wesentlichen Grundlagen nicht mehr gegeben ist. So wie der alte Ehrenkodex, der beispielsweise Schillers Dramen ihre Wucht verlieh, einer neuen Wurschtigkeit gewichen ist, so ist die gute alte Fichte der Nordmanntanne zum Opfer gefallen. Ältere Leser werden sich daran erinnern, dass das beliebte Weihnachtslied Leise rieselt der Schnee selten von einer winterlichen Witterung bewahrheitet wurde. Stattdessen rieselten die Nadeln, und bevor das Jahr um war, stand die Fichte kahl im Raum. Die Nordmanntanne nadelt nicht mehr, und damit fehlt das tragische Moment. Man mag das begrüßen, doch sollte man begreifen, dass das Nadeln ein Sinnbild für unser aller Dasein ist. Manchen nadelt das Haupt, anderen was anderes. Der Zeitgeist jedoch ist dem Nadeln abhold, das Memento mori, das in ihm sichtbar wird, will er nicht wahrhaben. Insofern ist Erna, der Baum nadelt ein Signum der verlorenen Zeit, mit anderen Worten: ein Klassiker.

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