Auch in den Logen der Wolfsburger Fußballarena wird die Liebe zum Auto sichtbar gepflegt. Filigrane Siebdrucke der VW-Flotte zieren die Wände, Testberichte liegen aus zum Schmökern in der Halbzeitpause. Besonders eindrücklich signalisieren zwei grüne, hochglanzpolierte Ölfässer vorne an der Scheibe die Nähe zu Getriebe und Motor. Von hier aus hat man einen einmaligen Blick auf den Rasen der Arena. Auch für Ivica Olić ist es eine interessante Perspektive, gut geeignet zum Studium der langen Strecken, die er in einem Spiel zurücklegt. Denn Olić rennt wie kaum einer sonst in der Bundesliga, seit Jahren schon. Er ist vorne, er ist hinten, kein Ball ist verloren, er grätscht und kämpft, ein Mann, der sich in die Herzen der Fans hineingerackert hat.

Seine linke Hand ruht auf einem der Ölfässer, mit der rechten zeigt er in Richtung der sogenannten "Wölfi-Kurve". Hier schießt Olić besonders gerne Tore. Wenn der Ball drin ist, "das Spiel gegen Bremen fällt mir ein", schaut er hoch zu seiner Frau und den Kindern, Luca und Toni heißen die Söhne, die ganz nah am Anfang der Wölfi-Kurve sitzen. "Olić, Olić, Olić!" In den Jubel hinein denkt sich der Schütze: Ich kann es noch! Ein besonderes Gefühl. Denn Ivica Olić ist bereits 34 Jahre alt.

Von sich aus erwähnt er die Statistik, die er führt, Laufdaten, Ausdauer, Schnelligkeit, steht alles drin. "Was die Fitness angeht, gehöre ich zu den Top drei von 30 Spielern. Also bin ich noch nicht alt!" 86 Kilo wiegt er, wenn es mehr sind, merkt er das auch ohne Waage, dann geht er ein paar Abende hintereinander hungrig ins Bett, "nur ein Glas Wasser, einen Apfel". Im Sommer gelegentlich ein Bier, an die zwei Cola im Jahr – seit er die dreißig überschritten hat, achtet er darauf, was er auf seinem Dauerlauf über den Platz jeden Samstag so alles mitschleppt. "Bloß nicht breiter werden zum Karriereende!" Das hat er sich geschworen. Breiter heißt auch langsamer.

Es gibt Talente und es gibt solche wie Olić

Olić schenkt sich nichts, hat er noch nie gemacht. Er ist 16, als in seinem kroatischen Heimatdorf Davor, 2.500 Einwohner, zum ersten Mal der Manager eines Profivereins auftaucht. Dinamo Zagreb, ZSKA Moskau – er wechselt sich nach oben, er lernt Russisch, sein Gehalt steigt von 1.000 auf 30.000 Euro im Monat. Aber es ist auch die Zeit, in der er sich dieses Kämpferherz zulegt, das heute bei jedem neuen Medizin-Check die Ärzte verwundert. "Auch meine Lunge hat eine besondere Kapazität", hat Olić gehört.

Es gibt die großen Talente, und es gibt solche wie Ivica, die Fußball arbeiten. Oder, schlimmer noch, jene, die wie Olić früher nur mit dem linken Fuß gegen den Ball treten können. "Stolpermeister" nannten sie ihn. Also hat Olić trainiert, mit dem rechten Fuß Flanken geschlagen und aufs Tor geschossen. "Es war so viel Luft nach oben", erinnert er sich, 2001 engagiert er einen eigenen Coach.

Mehrarbeit, weniger Freizeit, Nachsitzen, noch mehr Training! Olićs Betreuer ist Sportwissenschaftler und Dekan an einer Universität in Zagreb. Für ein paar Tage kommt er jeden Monat zu Besuch, egal, ob in Hamburg, München oder jetzt in Wolfsburg.

Olić blickt für einige Augenblicke hinunter auf das Grün der Wolfsburger Arena. Zwei Männer mit schwerem Vertikutiergerät haben soeben damit begonnen, den Rasen bis an seine Wurzeln zu beatmen. Zwölf Kilometer legt Olić in jedem Match zurück, die meisten im Renntempo. Oft ist er nicht allein unterwegs. Ein Gegenspieler verfolgt ihn meist auf Schritt und Tritt. "Kommst du mit mir gleich auch in die Kabine?", hat er einmal einen Verteidiger angefahren. Dabei tat der Mann nur seine Pflicht. Und das Schlimmste stand ihm noch bevor.

100 Meter in 11,5 Sekunden

Olić mag die letzten Minuten eines Matches, besonders gerne die 87. Minute, die Nachspielzeit, meinetwegen auch eine Verlängerung. Alle sind dann am Ende, unkonzentriert. Olić aber ist noch da, ackert, aktiviert die zweite Luft.

Das ist auch früher seine Art gewesen, als er die 100 Meter in 11,5 Sekunden lief. Beim Start ließ er den Konkurrenten rechts und links den Vortritt, erst zum Schluss hin legte er richtig los und schob sich nach vorne. Unwiderstehlich. Und es geht immer noch. Mit sichtlichem Behagen erinnert sich Olić an den 30. März 2010, Champions-League-Viertelfinale, FC Bayern gegen Manchester United, Spielstand 1 : 1.

Genau 91 Minuten und 55 Sekunden ist Olić für München gerannt, als gäbe es nach diesem Tag kein Morgen. Dann ist es so weit. Er nimmt Verteidiger Patrice Evra den Ball vom Fuß und dreht mit schnellen Trippelschritten und rudernden Armen in den Strafraum. Vor sich hat er jetzt nur noch Edwin van der Sar, einen der besten Torhüter der Welt, der mit seiner Mannschaft in den Jahren zuvor alles gewonnen hat, was zu gewinnen war. Olić trifft, der FC Bayern ist im Halbfinale.