"Der Schlüssel, der der Bürokratie vorausgeht, ist die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten." So steht es in David Foster Wallace’ nachgelassenem Roman Der bleiche König. Streng genommen gelang Wallace hier eine triftige Definition des modernen Fußballs. Das Aushalten der Langeweile ist auch der Schlüssel dazu, Fußball zu mögen. Die ewigen Spielverlagerungen, der zähe Kampf um Raum, der sich öffnet und schließt, öffnet und schließt, die Rückgaben zum Torwart, das Bauen unzähliger Dreiecke nach iberischem Vorbild, all das hat etwas Redundantes und Leerlaufendes – als würde man dabei zusehen, wie zwei wahnsinnige Verwaltungs-Spinnen einander unentwegt ihre Netze kaputt reißen. Ist das wirklich interessant? Diese Frage stellt sich nun umso mehr, wo ein von einem katalanischen Kontrollgenie geleitetes Super-Super-Team mutmaßlich für alle Zeiten unbesiegbar sein wird, sodass sich alle Spiele anfühlen wie das immergleiche, von den Bayern gewonnene Spiel.

Und nach jedem Sieg zeigt sich das zerknirschte Führungspersonal des Vereins: Pep Guardiola ist traurig und klagt, wie weit seine Mannschaft noch vom idealen Fußball entfernt sei, den er allein in seinem wohlgeformten Kopf spielt; Matthias Sammer, der knurrende Geheimwissenschaftler, ist alarmiert, weil er in den Triumphen seines Vereins eine tückische Falle erkennt, frei nach Churchill: Dieser Sieg ist zwar nicht der Anfang unseres Unglücks. Aber vielleicht ist er das Ende unseres Glücks.

Man muss es mal aussprechen: Das Bundesliga-System ist auf dem Weg, in eine Angststörung zu schliddern. 17 Mannschaften fürchten sich vor der dominierenden Mannschaft. Diese Mannschaft aber fürchtet sich davor, dass die anderen sich irgendwann nicht mehr vor ihr fürchten. Der FC Bayern der Gegenwart: berauscht von der Lähmung seiner Gegner. Der FC Bayern der Zukunft: zermürbt von der eigenen Perfektion.

Der bedeutende badische Fußballphilosoph Oliver Kahn hat kürzlich Hohn geerntet, als er vorschlug, die Bayern müssten in einer neuen, noch zu gründenden europäischen Super-Liga spielen – sie müssten raus aus den seichten Gewässern der Bundesliga. Kahn war auf dem richtigen Weg, aber er hat noch zu zaghaft gedacht. Die Bayern sind ja, in eigenen Worten, dabei, eine "Weltmarke" zu werden. Also sollten sie sich endlich von allen Bindungen und Zwängen lösen, frei vor den Küsten des internationalen Fußballs kreuzen und bei gelegentlichen Landgängen die auffälligsten Mannschaften fremder Ligen zum Kampf fordern. Das ist das wahre Potenzial dieser grandiosen Truppe: Sie hat das Zeug, die erste Offshore-Mannschaft der Welt zu werden.