Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

In der Weihnachtszeit denken wir an Menschen, die uns nahestehen. Vor einigen Wochen bin ich krank gewesen. Es trafen Genesungswünsche ein, darunter ein Brief mit einem kurzen, besonders freundlichen Text. Der Absender oder die Absenderin hatte, als Sinnbild der Heilung, ein Pflaster auf den Brief geklebt. Das war ein nachweislich netter Mensch. Gezeichnet war der Brief allerdings nur mit zwei Buchstaben, offenbar den Initialen des Absenders. Beide Buchstaben waren unleserlich.

Ein "J" oder ein "Z" konnte ich ausschließen, auch ein "S". Sigmar Gabriel, Javier Bardem oder Catherine Zeta-Jones waren es jedenfalls nicht. Ach so, noch was: Im Briefkopf stand die Adresse der ZEIT. Dies wertete ich als Indiz dafür, dass die absendende Person im Personaltableau der ZEIT zu finden war. Die Tatsache, dass da nur zwei Buchstaben standen und nicht drei, sprach außerdem gegen einen Absender adeliger Abkunft, Menschen mit Doppelnamen oder einen Besitzer von Mittelinitialen.

Aus den möglichen Buchstabenkombinationen erschlossen sich die Namen von einem halben Dutzend Kolleginnen oder Kollegen mit unaristokratischem Background und Doppelnamenphobie, die ich im weitesten Sinne persönlich kenne. Einige hatte ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Bei zweien glaube ich, dass sie, warum auch immer, einen Groll gegen mich hegen, nun, das könnte ein Irrtum sein. Vielleicht war der Brief sogar ein Versöhnungsangebot?

Es ist vollkommen klar, dass man sich für einen solchen Brief bedanken sollte. Wer sich für so einen Brief nicht bedankt, ist ein gefühlloses, egozentrisches Individuum, ein Mensch ohne Stil, ohne Respekt und ohne Manieren. Unter den möglichen Absendern des Briefes gab es für mich zwei oder drei Favoriten, erwiesenermaßen besonders nette Menschen, denen ich so etwas Freundliches folglich in besonderem Maß zutraue. Wenn ich mich jetzt aber bei jemandem, der mir gar nicht geschrieben hat, für seine freundlichen Wünsche bedanke, beschäme ich diesen Menschen. Der Mensch denkt, dass ich ihm mit meinem durch die Tatsachen nicht gedeckten Dank für etwas, was er vielleicht hätte tun sollen, in letzter Konsequenz aber nicht getan hat, meine Missbilligung auf eine vermeintlich subtile, in Wahrheit aber passiv-aggressive Weise hineindrücke. Das geht nicht.

Der Brief lag wochenlang auf meinem Schreibtisch, immer wieder habe ich ihn mir angeschaut und dabei nachgedacht. Ich habe mich gefragt, wie ich jemals wieder einem geselligen Beisammensein der Redaktion beiwohnen soll, etwa einer Weihnachtsfeier. Auf Schritt und Tritt muss ich dort damit rechnen, dem unbekannten Absender jenes freundlichen Briefes zu begegnen, für den ich mich nicht nur nicht bedankt habe, sondern den ich auch bei der persönlichen Begegnung mit keinem einzigen Wort würdigen werde. Wenn ich aber jahrelang nirgendwo mehr hingehe, ist das auch falsch. Das würde mich in die soziale Isolation treiben. Vielleicht will der Absender das ja? Die Möglichkeit, dass es sich bei dem Brief um einen raffinierten Anschlag auf mein Sozialgefüge handeln könnte, eine Art geistige Briefbombe, durfte ich nicht von vornherein ausschließen. Man muss immer in alle Richtungen ermitteln. Ich suchte nach dem Kuvert. Womöglich stand da ein Absender drauf. Das Kuvert hatte ich aus Gedankenlosigkeit entsorgt. So etwas passiert mir oft, ich räume auf, danach sind wichtige Dokumente für immer verschwunden. An Weihnachten sollten wir an Menschen denken, zu denen wir den Kontakt verloren haben, ohne es zu wollen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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