Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Sie haben an dieser Stelle wahrscheinlich den ehemaligen Premierminister von Singapur, Lee Kuan Yew, den Historiker Fritz Stern, vielleicht auch den früheren US-Außenminister Henry Kissinger oder unseren Editor-at-Large Theo Sommer erwartet. Zu Ihrem 95. Geburtstag wird Ihnen diesmal aber nicht einer Ihrer langjährigen Wegbegleiter gratulieren, sondern eine junge Frau, die Ihnen ab und an in der Freitagskonferenz der ZEIT über den Weg läuft.

Vielleicht wissen Sie auf Anhieb gar nicht, wer ich bin, jedenfalls vergessen Sie immer meinen Namen. Vielleicht erscheint er Ihnen ungewohnt. Ich bin jedenfalls eine der Politikredakteurinnen, die Ihnen oft gegenübersitzen. Und ich hoffe, dass die Gerüchte zutreffen, dass Sie extra für uns manchmal die "Schmidt-Show" abziehen – so nennen wir es, wenn Sie ganz lässig mit Ihrem Gehstock die Kaffeekanne oder den Teller mit den Keksen zu sich heranziehen. So was könnten Sie ruhig öfter machen. Wir finden es bezaubernd.

Sie werden jetzt 95 Jahre alt und sind damit 59 Jahre älter als ich. Ein Denkmal, das spricht. Es gibt praktisch nichts, was wir teilen, nur diese eine Konferenz in der Woche.

Und natürlich sind da noch die zwei Besuche, die ich Ihnen in Ihrem Büro im sechsten Stock abstatten durfte. Beide Male habe ich mich selbst eingeladen. Als ich vor vier Jahren bei der ZEIT anfing, hieß es: Du musst einen Antrittsbesuch bei Helmut Schmidt machen, das gehört sich so. Das trug ich erst mal vier Wochen lang mit mir herum. In der fünften rief ich bei Ihrer Sekretärin an, die erklärte, wie man bei Ihnen einen Termin erbittet. Nicht per Telefon, schon gar nicht per E-Mail, sondern per Hausmitteilung. Also verfasste ich eine und erhielt schon nach einigen Wochen eine Audienz.

Ich betrat Ihr Büro, Sie saßen am Schreibtisch und baten mich, Ihnen gegenüber Platz zu nehmen. Sie hatten nicht lange zuvor im Fernsehen gesagt, es sei ein "großer Fehler" gewesen, "Gastarbeiter aus fremden Kulturen" ins Land geholt zu haben. Sie waren auch immer gegen eine Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Muslime sind zu fremd, fanden Sie, und Sie hatten Sorge, dass sich Europa und Deutschland mit der Einwanderung übernehmen könnten. "Sieben Millionen Ausländer sind eine fehlerhafte Entwicklung", sagten Sie einmal.

Und nun saß ich Ihnen gegenüber. Mit dunklen Haaren und türkischem Namen. Und Sie machten nicht den Eindruck, als fänden Sie es schlimm. Immer wenn es in der Konferenz um die Türken oder die Türkei geht, bilde ich mir ein, Sie blickten zu mir herüber. Aber Sie sagen dann nie die Dinge, die Sie im Fernsehen sagen.

Bei meinem Vorstellungsgespräch boten Sie mir natürlich eine Zigarette an, wir saßen da und qualmten. Ich weiß nicht, was in Ihnen vorging – mir jedenfalls ging durch den Kopf: Du sitzt jetzt nicht wirklich da und rauchst eine mit Helmut Schmidt! Die halbe Republik würde sonst was dafür geben. Sie erzählten mir, wie Sie als 36-jähriger Bundestagsabgeordneter zum ersten Mal in der Türkei waren, mit dem Auto durchs Land fuhren und sich fragten, was dieses Ihnen unbekannte allgegenwärtige Wort zu bedeuten habe: Inşallah. Es heißt "so Gott will" und ist nur ein Allerweltsausdruck. Sie wollten von mir wissen, ob Atatürk in der Türkei immer noch große Bedeutung habe. Ich sagte: "Ja, aber der Held hat Blessuren und wird langsam zum Menschen, und vielleicht ist das ganz gesund so." Das fanden Sie dann auch.

Wenn unsere Freitagskonferenz vorbei ist, fährt Sie immer einer unserer Kollegen im Rollstuhl zurück in Ihr Büro. Nie ist es eine der Kolleginnen. Eines Freitags fragte ich Sie: "Herr Schmidt, hätten Sie was dagegen, wenn ich Sie heute fahre?" Sie antworteten: "Das wäre ganz wunderbar!" Also fuhr ich Sie in Ihr Büro. Das war mein zweiter Besuch bei Ihnen. Sie wollten – wie es Ihre Art ist – bei der Gelegenheit noch einiges über die militärische Taktik der Osmanen wissen. Diesbezüglich konnte ich Ihnen leider nur sehr eingeschränkt Auskunft geben.