Die Verwirrung ist groß: Bis vor Kurzem förderte die bayerische Staatsregierung eine kritische wissenschaftliche Ausgabe von Hitlers Hetzschrift Mein Kampf mit einer halben Million Euro. 2015 soll sie erscheinen – wenn das Buch rechtefrei wird, 70 Jahre nach dem Tod seines Verfassers. Nun sagt die Landesregierung plötzlich: Damit wollen wir nichts mehr zu tun haben! Und: Der Freistaat Bayern werde auch nach Ablauf der Schutzfrist alles tun, um gegen die Verbreitung des Machwerks vorzugehen. Klingt widersprüchlich? Ist es auch. Teilweise jedenfalls.

Derzeit liegen die Rechte an dem "verbotenen Buch" noch beim Finanzministerium des Landes, dem Rechtsnachfolger des Eher-Verlags, der die beiden insgesamt 800 Seiten starken Bände ab Mitte der 1920er Jahre publiziert hatte. Von 2015 an könnte es – jedenfalls rein urheberrechtlich betrachtet – jedermann nachdrucken.

Wäre das wirklich schlimm? Wozu die Aufregung, möchte man fragen. Jeder, der unbedingt Mein Kampf lesen will, wird ohnehin nach zwei Klicks im Internet fündig. Und wäre es nicht geradezu widersinnig, wenn dem verständlichen Wunsch, volksverhetzende Schriften zu verbieten, ausgerechnet die Arbeit des renommierten Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München zum Opfer fiele? Seit 2012 wird dort unter der Leitung des Historikers Christian Hartmann Hitlers Text mit Fußnoten versehen – um Aufklärung zu leisten, nicht um dem Pamphlet eine Bühne zu bereiten.

Der Grund dafür, dass die bayerische Staatsregierung umschwenkt, ist tatsächlich ein anderer: Wie, fragt man sich dort zu Recht, müsste es auf Kinder und Enkel der Holocaust-Opfer wirken, wenn sich Mein Kampf demnächst in den Auslagen deutscher Buchhandlungen wiederfände? Bliebe die Landesregierung nach 2015 tatenlos, müsste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, der Verbreitung und der geschmacklosen Kommerzialisierung von NS-Propaganda freien Lauf zu lassen. Andererseits: Geht sie gegen Neuauflagen des Buches vor, wird man ihr vorhalten, das deutsche Lesepublikum bevormunden zu wollen. Die Bayern haben sich trotzdem für diese zweite Variante entschieden.

Was heißt das nun für das Historiker-Projekt am IfZ? Das Team von Christian Hartmann zeigt sich gelassen. Es werde weitergehen. Die 500.000 Euro Förderung wolle der Freistaat offenbar nicht zurückhaben – was das Kultusministerium bestätigt. Die Landesregierung möchte ab sofort lediglich nichts mehr mit der Publikation zu tun haben. Die Freiheit der Wissenschaft sei nicht in Gefahr, sagt Kultusminister Ludwig Spaenle. Und der Entschluss, "aus Respekt vor den Gefühlen der Opfer" gegen Nachdrucke "mit den Mitteln des Strafrechts vorzugehen", betreffe lediglich unkommentierte Fassungen. Gleichwohl, so heißt es im Ministerium, werde sich auch die Edition des IfZ einer Prüfung unterziehen müssen, ob sie den Straftatbestand der Volksverhetzung erfülle.

Das ist ein bizarrer Vorgang. So wenig wahrscheinlich ein Verbot auch sein mag, die Ängstlichkeit der Bayern zeigt, wie unsouverän die viel gelobte "Aufarbeitung" der NS-Zeit hierzulande bisweilen abläuft. Aus Rücksicht auf das Leid der Opfer, sagte Spaenle, "will ich nicht, dass eine wissenschaftliche Edition dieser Schandschrift im Auftrag des Freistaats Bayern gedruckt wird". Auch wenn die Betonung hier auf "im Auftrag des Freistaats Bayern" liegt und nicht auf "gedruckt wird" – der Satz bleibt irritierend. Wieso sollte ausgerechnet eine kritische Edition, die zur Aufklärung beitragen will, volksverhetzend wirken und Opfergefühle verletzen?

Offensichtlich ist hier immer noch derselbe Mechanismus der Dämonisierung am Werk, der den Umgang mit der NS-Zeit insgesamt so schwierig macht. Hitler erscheint uns abwechselnd als Monster und als Witzfigur. Mein Kampf wird mal mit dem Hinweis abgetan, es sei vor allem schrecklich langweilig, mal zum Überträger eines immer noch gefährlichen Nazi-Virus erklärt. Beide Extreme sind letztlich Strategien, sich die Geschichte vom Leib zu halten – ein Bedürfnis, von dem auch die Entscheidung des Freistaats Bayern kündet. Wer aber Hitler und den Nationalsozialismus verstehen will, der muss ad fontes gehen, an die Quellen.

Holocaust-Opfer oder ihre Angehörigen sollten deswegen nicht fürchten müssen, dass aus Mein Kampf ein Bestseller wird. Die Entscheidung, nur gegen unkommentierte Ausgaben vorzugehen, ist völlig richtig – zumal das bisherige Verbot eine Kehrseite besitzt: Es hat Mein Kampf überhaupt erst zu jenem finsteren Faszinosum gemacht, das es bis heute ist.