Über den Hindupriester kann er sich besonders aufregen. Es war in der vergangenen Woche, gleich nach dem Urteil, mit dem Indiens Oberster Gerichtshof Homosexualität wieder strafbar gemacht hatte. Ein Gesetz aus der britischen Kolonialzeit von 1861 gegen "widernatürlichen Verkehr", das eine untere Instanz schon für obsolet erklärt hatte, wurde von den höchsten Richtern erneut in Kraft gesetzt. Ashok Row Kavi, einer der bekanntesten Schwulen-Aktivisten des Landes, wurde danach in eine Fernsehsendung eingeladen. Ihm gegenüber ein katholischer Geistlicher, von dem Row Kavi nichts anderes erwartete als das dogmatische Nein zur Männerliebe, versüßt mit der Versicherung, dass man zwar die Sünde verdamme, aber für den Sünder Mitgefühl habe. (Row Kavi: "Was für ein Quark. Ich will deren Mitgefühl nicht.") Doch dass der hinduistische Priester, der auch in der Sendung saß, mit dem Pater gemeinsame Sache machte, das hat Row Kavi wirklich empört. Dieser Priester, erklärt er, gehöre zu einem Tempel, dessen Gott laut Mythos von Vishnu und Shiva gezeugt wurde, zwei männlichen Göttern. Geboren aus einer schwulen Götterpaarung! Wie kann man da behaupten, Homosexualität sei der indischen Kultur fremd und gehöre verboten? Versteht der Mann seine eigene Religion nicht?

Ashok Row Kavi, 66 Jahre alt, war einer der ersten Inder, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekannt haben, 1986. Einer der ersten "aus einer Milliarde Menschen – was für eine Schande", sagt er und zitiert eine hiesige Redensart zum Thema fehlende Zivilcourage: "Geh du in den Ring, ich passe auf deine Kleider auf." Er hat das erste Schwulenmagazin des Landes auf den Markt gebracht, 1990, in Bombay. Als er sah, dass eine Zeitschrift die ganze Lebenshilfe nicht leisten konnte, nach der die Leser suchten, hat er 1994 eine NGO gegründet; sie arbeitet vor allem in der Aids-Prävention. An diesem Nachmittag ist Row Kavi in Delhi, der Hauptstadt, im Haus einer Freundin. Er muss nachher noch zu einem Meeting, Thema: Was man gegen das Urteil tun kann.

Ashok Row Kavi war selbst einmal ein hinduistischer Mönch. Es war sein eigener geistlicher Lehrer, der ihm Mut zum Coming-out machte: "Die fünf Finger einer Hand sind nicht gleich", war die Weisheit des Gurus zur Vielfalt sexueller Orientierungen. Doch verständnisvolle Gurus und schwule Götterpaare hin oder her – im Alltag der traditionellen indischen Gesellschaft gibt es keinen Platz für Homosexualität, generell für ein unverheiratetes, familienloses Dasein. Schon dass er es überhaupt mit dem Kloster versucht habe, meint Row Kavi, sei ein Fluchtversuch gewesen, ein "Davonlaufen vor einem Leben des Stigmas und der Schande". Bis zum Tod seiner Mutter war sie es, die alle Einladungen zu Hochzeiten oder Familienfesten bekam – als würde ein Single sozial gar nicht existieren. Es ist das bürgerliche Indien, in dem die Grenzen besonders eng sind, die Kontrollen besonders scharf. "Die Reichen", sagt Row Kavi, "brauchen keine Moral, die Armen können sie sich nicht leisten. Aber die Mittelschicht ist davon besessen."

Wird Indien nach dem Urteil den Weg Russlands gehen, hin zur Schwulenhatz als staatlichem Markenzeichen? Die rechte Oppositionspartei BJP, die Favoritin für die Wahlen im kommenden Frühjahr, hat sich nach einigen Tagen des Schweigens tatsächlich für das Homosexualitätsverbot ausgesprochen. Aber in der modernen, englischsprachigen Öffentlichkeit war das Echo auf den Richterspruch verheerend. Die sonst immer vorsichtige Sonia Gandhi, die Vorsitzende der regierenden Kongresspartei, hat sich mit sensationeller Deutlichkeit von der Entscheidung distanziert. Entweder vor Gericht selbst oder im Parlament wird die Sache neu aufgerollt werden. Die fortschrittliche indische Verfassung, die Interessen der internationalen Firmen und der Tourismusindustrie sprechen dagegen, dass die offizielle Homophobie siegen wird. Die kulturelle Gemengelage ist voller Ironie: Die Schwulenfeinde attackieren die Homosexualität als Ausdruck neumodischer Unmoral, importiert aus dem Westen. Doch das Gesetz, das sie sich dabei auf ihre Fahnen schreiben, haben die britischen Kolonialherren gemacht, während in den Jahrhunderten zuvor gleichgeschlechtlicher Sex in Indien zwar nicht so unproblematisch wie für die Götter Vishnu und Shiva, aber jedenfalls nie verboten war. Das ist ein recht holpriges Aufmarschgelände für die Truppen der Intoleranz.

Für Ashok Row Kavi ist dies der entscheidende Kampf: zu zeigen, dass man dazugehört, nicht fremd ist, nicht unindisch. Er will keine Parallel- oder Gegenwelt, er will seinen Platz im Mainstream: "Ich war entsetzt über die Schwulen-Ghettos in den USA." Von Anfang an habe seine NGO daher nichts angeboten, was im staatlichen Sozial- oder Gesundheitswesen auch zu haben war; es sollte keine Vollversorgung eines Milieus entstehen, das sich vom Rest der Gesellschaft abkapselt. Ihr Büro in Bombay haben Row Kavi und seine Freunde nicht irgendwo am Stadtrand aufgemacht, sondern mitten in einem großen Basar. "Ich habe meinen Ort genau im Zentrum meiner Kultur", sagt Row Kavi. Er weiß, dass auch der Hinduismus inzwischen einen militanten, fanatischen, minderheitenfeindlichen Zug entwickelt hat. Doch für ihn ist gerade das ein Akt der Selbstentfremdung. Es ist in seinen Augen der Versuch, sich an Christentum und Islam ein Vorbild zu nehmen: ihrer ideologischen Geschlossenheit nachzueifern, um in der Konkurrenz mit ihnen bestehen zu können. Diese massive, kompakte Art von Religion kann Row Kavi nicht leiden. Er berichtet von seinen Besuchen in Notre-Dame und im Kölner Dom – mit Bewunderung für die künstlerische Größe der Kathedralen, aber mit Schauder vor ihrer einschüchternden Wirkung.

Ashok Row Kavi muss jetzt los zu seinem Meeting. Das Aktivistentreffen findet im regionalen Hauptquartier der UN-Entwicklungsorganisation statt. Ein internationaler Ort – werden auch ausländische Teilnehmer dabei sein? O nein, auf keinen Fall, antwortet Row Kavi. Sonst heiße es am Ende noch, die CIA stecke hinter allem. Sagt’s und lacht.