DIE ZEIT: Herr Weber, stimmt es, dass Sie in der Bundesbank auf dem Höhepunkt der Finanzkrise eine Gulaschkanone aufstellen ließen?

Axel Weber: Das ist richtig. Im öffentlichen Dienst haben die Kantinen am Wochenende geschlossen. Die Bankenrettungen aber begannen immer freitags nach Börsenschluss und mussten bis Montagmorgen abgeschlossen sein.

ZEIT: Sie waren als Präsident der Bundesbank eine der Schlüsselfiguren bei diesen Bankenrettungen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Weber: Am 27. Juli 2007 kam ich aus einem Urlaub in den USA zurück. Mein Büro sagte mir: Sie müssen in die Bundesbank, wir haben ein Problem mit der IKB ...

ZEIT: ... der Bank, die als erstes deutsches Institut vor der Pleite gerettet werden musste.

Weber: Es folgten dann noch weitere Rettungsaktionen, bei der Sachsen LB, bei der WestLB, bei der Hypo Real Estate (HRE) und bei der Commerzbank. Ich habe damals auf dem Gelände der Bundesbank gelebt, wir waren im Dauereinsatz, für viele Wochen.

ZEIT: Was ging Ihnen am Abend des 28. September 2008 durch den Kopf, als die Rettung der HRE vor dem Scheitern stand? Die Chefs der Deutschen Bank und der Commerzbank gaben ihren Mitarbeitern Anweisungen, sich auf den Zusammenbruch des Finanzsystems vorzubereiten. Der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat später geschrieben, er habe in den Abgrund geschaut.

Weber: Ich habe mir, ehrlich gesagt, nicht so große Sorgen gemacht, dass die Gespräche scheitern. Es war ein Verhandlungsmarathon. Der Bund wollte die Kosten für die Rettung der HRE so weit wie möglich auf die Banken abwälzen – und die Banken wollten ihren Beitrag möglichst gering halten. Allen Beteiligten waren aber die dramatischen Folgen eines Scheiterns bewusst, und ich war überzeugt, dass alle ihrer Verantwortung gerecht werden würden. Und so kam es dann ja auch.

ZEIT: Was war Ihre Rolle in diesem Poker?

Weber: Als Präsident der Bundesbank war ich Vermittler zwischen Banken und Politik, die naturgemäß unterschiedliche Interessen hatten. Unsere Aufgabe war es, auch das Gemeinwohl im Auge zu haben. Wir haben einige der Lösungsansätze entwickelt – etwa den Bankenrettungsfonds Soffin –, die dann dazu beigetragen haben, dass Deutschland die Krise relativ gut überwunden hat.

ZEIT: Waren Sie auf solche Extremsituation vorbereitet?

Weber: Mein Rüstzeug war das Verständnis der Finanzmärkte, das ich mir zuvor an der Universität angeeignet hatte. Ansonsten habe ich das getan, was ich aus meinem Amtsverständnis heraus für richtig gehalten habe. Es ist in solchen Verhandlungen sehr wichtig, zielstrebig zu agieren. Ob sie mit einem guten oder schlechten Ergebnis enden, hängt sehr von den Erwartungen der Beteiligten ab. Man darf nie einseitig Partei ergreifen oder Zweifel am Erfolg der Verhandlungen aufkommen lassen.

ZEIT: Sie haben aus nächster Nähe erlebt, wie viel Unheil Banken anrichten können. Warum haben Sie dann Ihr Amt bei der Bundesbank niedergelegt und sind Banker geworden?

Weber: Ich bin kein Banker im klassischen Sinne geworden, denn ich bin nicht für das operative Geschäft zuständig.

ZEIT: Sie sind Präsident des Verwaltungsrats der UBS, der größten Bank der Schweiz!

Weber: Meine Rolle bei der UBS ist unter anderem die des obersten internen Aufsehers. Meine Aufgabe besteht darin, die Bank auf die neuen regulatorischen Anforderungen auszurichten und zusammen mit Vorstandschef Sergio Ermotti die Strategie voranzutreiben. Ich halte dabei an meinen Grundsätzen fest.

ZEIT: Kann jemand, der so oft die Seiten gewechselt hat wie Sie, sich treu bleiben?

Weber: Ich würde nicht von Seitenwechseln sprechen. Ich habe schon während meiner wissenschaftlichen Tätigkeit Interesse an Wirtschaft und Politikberatung entwickelt und bin dann in den Sachverständigenrat berufen worden. Als ich später die Chance hatte, bei der Bundesbank selbst politische Verantwortung zu übernehmen, habe ich diese Chance ergriffen. Und jetzt sorge ich bei der UBS dafür, dass die neuen Regeln für das Finanzsystem in der Praxis umgesetzt werden. Das ist das, was mich heute vor allem interessiert.

ZEIT: Als Wissenschaftler und Notenbanker waren Sie der Wahrheit und der Allgemeinheit verpflichtet. Jetzt dienen Sie Ihren Aktionären.

Weber: Ich sehe da keinen Widerspruch. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sind allesamt dem Allgemeinwohl verpflichtet. Von gut geführten Banken profitiert auch die Allgemeinheit.

ZEIT: Ärgert es Sie manchmal, dass Sie sich nun mit Regeln herumschlagen müssen, die Sie als Bundesbankchef auf den Weg gebracht haben?

Weber: Nein. Ich bin davon überzeugt, dass wir eine gute und starke Regulierung für die Banken brauchen. Nur wenn wir die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass wir die Lehren aus der Krise ziehen, können wir das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen. Ich wäre nicht zu einer Bank gegangen, die die Notwendigkeit des Wandels nicht sieht.

ZEIT: Fast täglich erschüttern neue Finanzskandale die Öffentlichkeit. Im Moment entsteht eher der Eindruck, die Banken hätten nichts gelernt.

Weber: Auf die UBS trifft das nicht zu. Wir haben eine Kehrtwende vollzogen – und zwar sehr früh und sehr entschieden. Wir haben die Risiken im Investmentbanking verringert sowie die Bank neu ausgerichtet auf das Geschäft in der Schweiz und die globale Verwaltung größter Vermögen. Das ist für uns das Geschäftsmodell der Zukunft.

ZEIT: Auch bei der UBS wurden – vor Ihrer Zeit – Zinsen manipuliert.

Weber: Es lohnt sich, Altlasten konsequent abzuarbeiten. Wir sind dieses Thema früh angegangen und haben mit vielen Behörden diesen Fall bereits abgeschlossen. Unter anderem mit den Ermittlern der EU haben wir eng zusammengearbeitet. Am Ende wurde uns eine Geldbuße in Höhe von 2,5 Milliarden Euro erlassen, die ohne die Kooperation verhängt worden wäre.

ZEIT: Was ist mit dem Vorwurf, die UBS habe in der Vergangenheit Steuerhinterziehung ermöglicht?

Weber: Auch beim Thema Schwarzgeld arbeiten wir mögliches Fehlverhalten aus der Vergangenheit konsequent auf. Als ich bei der UBS angefangen habe, haben wir das Haus regelrecht durchkämmt, um eine Bestandsaufnahme zu machen und dann die Probleme konsequent abzuarbeiten. Das hat viel Zeit und Energie gekostet.

ZEIT: Gab es Widerstände gegen Ihren Kurs?

Weber: Einige haben uns vorgeworfen, zu nachgiebig gegenüber den Regulatoren zu sein. Aber ohne einen Neuanfang können Sie kein Vertrauen zurückgewinnen. Das gilt für alle Banken.

ZEIT: Auch für die Deutsche Bank, bei der Sie für den Chefposten im Gespräch waren und die gerade sehr in der öffentlichen Kritik steht wegen zahlreicher Ermittlungen?

Weber: Zu Wettbewerbern äußere ich mich nicht.

ZEIT: Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen hat der Politik "Populismus" vorgeworfen, weil sie die Bemühungen der Banken um einen Wandel hin zum Besseren nicht anerkenne. Hat er recht?

Weber: Ich glaube, dass alle Parteien, Politik und Banken, eng zusammenarbeiten müssen, um die richtigen Lehren aus der jüngsten Finanzkrise zu ziehen. Das sind wir der Bevölkerung schuldig, und sie wird durch kontroverse Diskussionen eher verunsichert. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

ZEIT: Warum sind Sie eigentlich nicht zu einer deutschen Bank gegangen?

Weber: Ich war als Bundesbankpräsident auch für die Aufsicht über die deutschen Banken zuständig. Bei allem, was ich getan hätte, wäre der Vorwurf des Interessenkonflikts laut geworden. Für mich war es daher schon wichtig – auch um glaubwürdig zu bleiben –, nicht innerhalb Deutschlands direkt einen Job im Finanzsektor zu übernehmen.

ZEIT: In Deutschland bringt man Sie heute weniger mit dem in Verbindung, was Sie getan haben, als vielmehr mit dem, was Sie nicht getan haben: Sie hätten Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) werden können, haben sich aber dagegen entschieden. Bereuen Sie das heute?

Weber: Nein. Ich bin ein sehr unabhängiger Mensch. Ich habe mein Leben lang nicht so viel Wert darauf gelegt, was andere von mir denken. Wenn ich überzeugt bin, dass ein Schritt richtig ist, dann gehe ich diesen Schritt. Ich weiß, dass einige enttäuscht waren. Ich sehe in dieser Enttäuschung jedoch auch eine gewisse Wertschätzung für meine Person.

ZEIT: Zu den Enttäuschten gehörte die Bundeskanzlerin, die über Ihren Rückzug nicht erfreut war. Vertragen Sie sich heute wieder?

Weber: Wir haben ein gutes Arbeitsverhältnis und tauschen uns mit großem Respekt aus. Ich war zum Beispiel im Sommer 2013 und im Herbst 2012, kurz nachdem wir unsere Beschlüsse zum Umbau der UBS bekannt gegeben hatten, im Kanzleramt und habe mit der Bundeskanzlerin darüber gesprochen. Das hat sie interessiert. Ich verfolge außerdem die Entwicklungen in der Euro-Zone sehr aufmerksam, und wenn mein Rat erwünscht ist, bringe ich mich ein.

ZEIT: Was war der eigentliche Grund für Ihre Entscheidung, nicht Chef der EZB zu werden?

Weber: Es gibt nur einen Grund. Schon damals zeichnete sich ab, dass die Geldpolitik in Europa einen Weg einschlagen würde, der für mich nicht der richtige ist. So ist es dann ja auch gekommen, wenn Sie an die zahlreichen unkonventionellen Maßnahmen – etwa den Ankauf von Staatsanleihen – denken.

ZEIT: Sie hätten den Kurs beeinflussen können.

Weber: Die Entscheidungen in der EZB werden zunehmend per Mehrheitsbeschluss gefällt, die Konsensorientierung hat in der Finanzkrise stark gelitten. Wenn die Institution in eine bestimmte Richtung neigt, ist Ihr Einfluss auch als Präsident begrenzt. Dies hätte bedeutet: Ich hätte Beschlüsse nach außen vertreten müssen, obwohl ich sie nicht für richtig halte.

ZEIT: Nach der Logik müsste Jens Weidmann, Ihr Nachfolger bei der Bundesbank, auch abtreten.

Weber: Nein. Es ist etwas vollkommen anderes, ob Sie eine Stimme im Zentralbankrat sind oder ob Sie für die EZB als Ganzes Verantwortung übernehmen. Ich hätte Entscheidungen akzeptieren und den Medien erklären müssen, die in meinen Augen nicht richtig sind – das war abzusehen. Ich habe daher für mich die Konsequenz gezogen, dass ich diese Verantwortung nicht übernehmen konnte und mochte.

ZEIT: Die Lage an den Finanzmärkten in Europa hat sich zuletzt beruhigt – nicht zuletzt wegen des beherzten Eingreifens der EZB. Hat Mario Draghi, der den Chefposten dann übernommen hat, vielleicht doch einiges richtig gemacht?

Weber: Die unorthodoxen Maßnahmen der Zentralbanken haben dazu beigetragen, die Lage kurzfristig zu stabilisieren. Das ist nicht zu leugnen, aber die langfristigen Risiken eines solchen Kurses – insbesondere für die Unabhängigkeit der Notenbanken – werden verdrängt. Die Zentralbanken sollten nicht zu einer Art Reparaturbetrieb für die Fehler der Politik werden. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit.

ZEIT: Vermissen Sie Deutschland?

Weber: Meine Frau und ich fühlen uns in der Schweiz sehr wohl, aber wir haben unseren deutschen Wohnsitz beibehalten und sind vor allem dann dort, wenn die Kinder zu Besuch kommen. Ich habe einen globalen Job und fühle mich in der Welt zu Hause.

ZEIT: Glauben Sie, dass Deutschland Sie vermisst?

Weber: Das kann ich nicht beurteilen. Ich erfahre, wenn ich in Deutschland bei Kunden bin, immer wieder sehr positiven Zuspruch.

ZEIT: Wie lange wollen Sie den Job bei der UBS noch machen?

Weber: Wenn die Bank auf die neuen regulatorischen Herausforderungen vorbereitet ist und wir erfolgreich unsere Strategie umgesetzt haben, sehe ich meine jetzige Aufgabe als beendet an. Im Moment sind wir aber noch mitten im Prozess.

ZEIT: Und wenn der abgeschlossen ist? Denken Sie an eine Rückkehr in die Politik?

Weber: Das ist nicht Teil meiner Berufsplanung, nein.

ZEIT: Sondern?

Weber: Wir werden sehen, ich habe keinen Masterplan. Ich finde es spannend, unseren Kunden in der Vermögensverwaltung mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Wir leben in einer unsicheren Welt, in der viele Entscheidungen zur Finanzanlage eher von Notenbanken als von unternehmerischen Überlegungen getrieben werden. In einem solchen Umfeld die richtigen Anlagestrategien zu entwickeln und Vermögen langfristig zu sichern, das finde ich inzwischen extrem reizvoll.