Schluss mit der rot spritzenden Sauerei! Dass die Vampire dieses Films ihre Zähne nicht mehr in menschliche Hälse schlagen, dass sie ihren Beißinstinkt unterdrücken und sich den kostbaren roten Stoff auf anderen Wegen besorgen, ist hier nicht einfach nur ein Gag. Die Sublimierung des Saugtriebes gehört zum Wesen der Vampirgestalten des amerikanischen Regisseurs Jim Jarmusch (Stranger than Paradise, Down by Law, Broken Flowers). Denn seine Helden Adam und Eve haben so gut wie gar nichts mit ihren Gattungsgenossen aus der Kinogeschichte gemein. Das auf dem Schwarzmarkt oder über bestochene Krankenhausärzte beschaffte Blut nehmen sie in kleinen Kristallkelchen zu sich. Sie schlafen nicht in modrigen Särgen, sondern in bequemen Himmelbetten. Und sie führen eine Fernbeziehung mit durchaus vertrauten modernen Kommunikationsmitteln. Eve wohnt in der Altstadt von Tanger und Adam in einem verlassenen Industriegebiet von Detroit. Sie lebt in der Welt der Künste und der Bücher, er sammelt alte Instrumente und ist ein Meister des Gitarrenrock. Tilda Swinton und Tom Hiddleston verleihen diesen beiden Gestalten eine über den Zeiten schwebende, verführerische Gelassenheit. Als Eve zu Beginn des Films aufbricht, um über eine interkontinentale Nachtflugverbindung zu ihrem Mann zu reisen (im Gepäck ist ein ganzer Bücherkoffer, unter anderem mit David Foster Wallace’ Roman Unendlicher Spaß), wissen wir nicht, wie lange sich die beiden Liebenden nicht gesehen haben. Ein paar Monate, mehrere Jahre, ein Jahrzehnt? Für die im Angesicht der Ewigkeit lebenden Vampire mag das etwa einem Wochenende der Menschenzeit entsprechen.

In Jarmuschs Film geht es weniger um eine Geschichte (die gibt es auch), sondern um die liebevoll ausgemalte Lebensform dieses Paares. Ihre Wohnungen und die darin angehäuften Dingwelten tragen die Patina eines gelebten Lebens. Stylish und sexy wirken Adam und Eve in ihren leicht abgewetzten Bademänteln und Gewändern. Sie tragen Vintage-Sonnenbrillen und -Klamotten, hören Songs von Charlie Feathers und Wanda Jackson oder die Fuzz-Rock-Band White Hills.

Nicht nur LPs, Instrumente und Bücher, auch unermessliches Wissen haben Eve und Adam dank der schieren Dauer ihrer Existenz angesammelt. Sie sind wandelnde Bildungsspeicher, bewandert in Sprachen, Philosophie, Botanik, Physik, den Künsten. Da sie weder dem blinden Fortschrittsglauben noch den Moden und Capricen einer begrenzten Lebenszeit unterworfen sind, leben sie zugleich und in aller Selbstverständlichkeit mit den Techniken von einst und heute. Eve benutzt ein Smartphone und blättert zärtlich in ihren bibliophilen Kostbarkeiten. Adam spielt E-Gitarre und speichert seine Musik auf analogen Tonbändern. Eve ist ein paar Jahrhunderte älter als ihr Mann und eher pragmatisch. Adam ist melancholisch mit einem Hang zum Grübeln und zur Depression, der offenbar auf den schlechten Einfluss seiner früheren Kumpels Byron und Baudelaire zurückzuführen ist.

Natürlich ist es kein Zufall, dass Jarmusch das Wiedersehen seiner leidenschaftlich verbundenen Eheleute in Detroit angesiedelt hat, der alten Metropole des fordistischen Kapitalismus, einer Stadt, die ihre Kunstschätze verhökert und die bis heute eine nicht unterzukriegende Musikszene besitzt. Denn Jarmuschs Film ist selbst wie Musik. Sein cooler Schnittrhythmus und die Choreographie seiner Helden übernehmen den Groove der Songs, in der Einsamkeit der Vampire klingt die Melancholie der Refrains nach. Einmal fährt das Paar durch die nächtlichen Straßen. Es ist ein elegisch gefilmter Cruising-Ausflug der Lichtscheuen, ein Ausflug durch eine menschen- und autoleere Stadt. Halb versonnen, halb mitleidig spekulieren Adam und Eve über die apokalyptische Zukunft des Ortes. Werden die Menschen in das wasserreiche Detroit zurückkehren, wenn dereinst der amerikanische Süden brennt?

Das Bewusstsein, alles, was man sieht, zu überleben, verleiht diesen beiden Helden eine somnambule Losgelöstheit. Dennoch sind sie alles andere als unbeteiligte Zeugen. Only Lovers Left Alive ist eine melancholische Betrachtung der Menschheit, ihrer Errungenschaften und Verfehlungen. In Adams Augen sehen wir plötzlich den mörderischen Schlamassel, den unsere Gattung seit Jahrtausenden anrichtet. Und in Eves fürsorglichem Blick auf eine Handvoll jahreszeitlich verirrte Fliegenpilze ("Amanita muscaria!"), die den Asphalt von Detroit durchdringen, wird ganz beiläufig und unpathetisch klar, was wir der Natur angetan haben. "Zombies" nennen Jarmuschs Vampire die Menschen in den Momenten, in denen sie sie besonders degoutant finden.

Man könnte Jarmuschs weißhäutigen Helden auch einen gewissen Snobismus unterstellen. Aber was bleibt ihnen schon anderes übrig? Wenn die Kamera zu Beginn ins Weltall schwenkt und ihr Schwung auf eine kreisende Vinylplatte übergeht, wenn dieses Bild mit den ersten Musiktakten auf die entspannt am Boden liegenden Vampire übergeht und wenn nun das ganze Bild zu kreisen beginnt – dann ist klar, was sich hier worum dreht. Wer unsterblich ist, kann nur das Zentrum der Welt sein. Es ist die condition vampirienne .

Eine lakonische Nebenfigur von Only Lovers Left Alive ist John Hurt in der Rolle des alten Vampirs Marlowe. Dass eigentlich er es war, der Hamlet geschrieben hat, ist für ihn nur ein Witz der Literaturgeschichte. Mit väterlichem Blick schaut er dem Treiben der jüngeren Vampire zu, aber dieser Zeitenwanderer ist auch müde, ermattet vom überlangen Leben. Ist die Vampirexistenz wirklich verführerisch? Das fragt man sich im gedämpften Licht dieses Films. Schwer zu sagen. Aber angesichts von Wesen, die so feinsinnig mit ihrer Unsterblichkeit umgehen, schämt man sich fast ein wenig, zu diesen kleingeistigen, garstigen, egoistischen, sterblichen Menschenwesen zu gehören.

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