Das Kabinett Merkel III wirkt eher wie eine Regierung Gabriel I. Es sind die Sozialdemokraten, die in der Koalition die gesellschaftlich wichtigen Themen prägen werden. Da scheint es auf einmal auch gar nicht mehr so falsch, das strategisch angeblich so wichtige Finanzministerium bei der CDU und Wolfgang Schäuble gelassen zu haben. Soll er sich doch durch zähe Brüsseler Nachtsitzungen quälen! Die SPD kümmert sich derweil um die Modernisierung des Landes. Um die Energiewende. Um Zuwanderer. Um einen wirksamen Verbraucherschutz. Und so gehen die Sozialdemokraten nicht nur überraschend geschlossen in diese Große Koalition. Sie sind auch weiblicher, avantgardistischer, grüner denn je.

Wer hätte gedacht, dass eine so langwierige Regierungsbildung zu einem so spektakulären Ergebnis führt! Die Wochen zuvor waren ja eher zum Abgewöhnen: Nach der Wahl quälten sich die Koalitionäre nur mühsam zusammen, und ihr erster, vorläufiger Arbeitsnachweis – der Koalitionsvertrag – war dermaßen unambitioniert, dass die Regierung schon ausgelaugt schien, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Aber gleichzeitig ist so ein Koalitionsvertrag eben auch nur ein gebundener Packen Papier, und wie gut oder schlecht Politik am Ende wirklich ist, hängt zum Glück immer noch von den Personen ab, die sie gestalten. Man muss dabei gar kein Fan der Großen Koalition sein, um jetzt anzuerkennen, dass vor allem die SPD einige Leute an den Start gebracht hat, die das Land mehr verändern dürften, als es vor wenigen Tagen vorstellbar war.

Bleiben wir also einen Augenblick bei den Sozialdemokraten, weil sie an den möglichen Erfolgen dieser Regierung den größten Anteil haben könnten, und wenn man über die SPD spricht, dann muss man jetzt vor allem über ihren Vorsitzenden sprechen, Sigmar Gabriel. Denn er hat in den vergangenen Wochen das getan, was einen großen Politiker auszeichnet: Er hat sein politisches Schicksal mit seiner Politik verknüpft. Sigmar Gabriel ist mit dem Mitgliederentscheid zur Großen Koalition ein höheres Risiko eingegangen, als es Angela Merkel je eingegangen wäre. Vor allem aber hat er die SPD binnen weniger Tage stärker verändert als in den vielen Jahren zuvor.

Es ist die SPD, die nach vier verschenkten Jahren in der Migrationspolitik nun die erste türkischstämmige Staatsministerin ins Kabinett schickt. Deutschland ist viel offener, als seine Politik es zuletzt war, allein im vergangenen Jahr kam eine Million Zuwanderer ins Land. Jetzt bekommen sie endlich Stimme und Gesicht. Und vielleicht ist dies nicht die letzte SPD-Führungsposition, die von einer Frau mit Migrationshintergrund besetzt werden wird.

Erstmals liegen Umwelt- und Energiepolitik in der Hand einer Partei. Erstmals gibt es kein Gegeneinander von Wirtschafts- und Umweltministerium mehr. Und so könnte auch die Energiewende – das wichtigste Zukunftsprojekt dieses Landes – erstmals wirklich vorankommen. Beim Blick in den Koalitionsvertrag musste man ja noch befürchten, dass vor allem die Interessen der alten, kohleverhafteten Ruhr-SPD die nächsten Jahre bestimmen würden. Aber nun hat Gabriel gleich mehrere Grüne beziehungsweise den Grünen nahestehende Staatssekretäre in die Regierung geholt. Und das ist nicht nur inhaltlich, sondern auch strategisch interessant: Sigmar Gabriel verwirklicht rot-grüne Politik ohne die Grünen. Es ist eine Kampfansage an die einstigen Partner.

Und die CDU? Hat im September zwar viele Stimmen bei den jungen Wählern geholt, sieht nun aber plötzlich sehr alt aus. Niemand aus Merkels Partei, der im neuen Kabinett einen Ministerposten hat, ist jünger als 50 Jahre.

Was uns zur Union führt und zur Personalpolitik der Kanzlerin: Auch Angela Merkel hat ja ihren Teil zum spektakulären Start dieser Regierung beigetragen, schließlich hätte niemand im Land vorher auf Ursula von der Leyen als neue Verteidigungsministerin gewettet – übrigens auch von der Leyen nicht. Merkel gewährt Chancen (wie bei von der Leyen), sie beschützt die einen (wie Thomas de Maizière, der sich als Innenminister vom Drohnendebakel erholen darf) und bestraft die anderen (wie Alexander Dobrindt, der die blödsinnige Pkw-Maut, die seine CSU der Regierung eingebrockt hat, nun selbst begraben darf). Merkels Macht – das ist in diesen Tagen sehr klar geworden – basiert vor allem darauf, wie sie mit Personen verfährt.

Andererseits sind diese Ministerrochaden eben auch nur ein Ausdruck davon, wie blank die Union inzwischen dasteht, wenn es um Inhalte geht. Ihr erster Anspruch ist es, die Regierungschefin zu stellen. Wenn man aber danach fragt, wie dieses Land sich weiter entwickeln soll, dann werden die Ansprüche, nun ja, geringer.

Wie also wird man in vier Jahren auf diesen Dezember blicken, auf den Start der Großen Koalition? Es ist ja gut möglich, dass Angela Merkel 2017 nicht mehr regieren wird. Wir werden dann wissen, was Sigmar Gabriel aus seinen Möglichkeiten gemacht und wohin er die SPD geführt hat. Auf dem Weg ins Kanzleramt gescheitert sind viele. Aber wer Merkel letztlich nachfolgen und wie gut es dem Land am Ende dieser Wahlperiode gehen wird – all das liegt in den Entscheidungen dieses Dezembers begründet. Die vergangenen Tage sind der Schlüssel dazu.

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