Der Kunde betritt den Platz, von unten kommend, aus den gelb gekachelten Gängen der U-Bahn. Der Nebel drückt an diesem Dezembermorgen auf den Hermannplatz, und doch zeigen sich die Dinge hier gleich in greller Klarheit: kaputte Szenerie. Alte Menschen, müde Menschen. Es stinkt (China Box, Curry-Eck, Laya-Falafel, die deutsche Bratwurst). In den Zeitungen mag allerhand von der Jugendlichkeit und Hipness des aufstrebenden Stadtteils Neukölln zu lesen sein, nur hat dieser Platz offenbar noch nichts davon gehört. Wie vor Kathedralen, Museen und Opernhäusern hat sich auch vor dem Kaufhaus am Hermannplatz ein Markt mit Ständen gebildet (das spricht für die gesellschaftliche Relevanz, die das Kaufhaus nach wie vor hat). Ein Stand verkauft das herrliche Gangster-Durcheinander aus Lederarmbändchen, Handyhüllen und Batterien. Die Bettelpunks mit den Hunden sind auch schon da.

Einen Moment noch – eine Weile bleiben wir noch hier draußen, zwischen den Marktständen, stehen. Der gewaltige Riegel des Kaufhauses nimmt die ganze Länge des Platzes ein. Es ist der Karstadt am Berliner Hermannplatz ja nicht irgendein Kaufhaus, sondern ein Haus mit Tradition: 1929, im Jahr der Weltwirtschaftskrise, eröffnet, war dieser Karstadt das größte Kaufhaus Kontinentaleuropas, eine Eisenbauskelettkonstruktion, die ein Stück New York nach Berlin brachte. In den letzten Kriegswochen wurde der Prachtbau von den Nazis gesprengt, 1950 neu errichtet, 2000 zuletzt renoviert. Die Neuköllner haben in ihrem Karstadt immer einen Tempel und Palast für die einfachen Leute gesehen, und so sehen sie das noch heute. Heute steht hier ein moderner Bau, bei dem die Kraft des Sachlichen die Kraft des absurd Hässlichen gerade so überwiegt (anders gesagt: Es gibt hässlichere Karstadt-Gebäude als das am Hermannplatz). Links an der Fassade hängt ein Stoffbanner mit der Aufschrift: "Haus der Geschenke. Shoppen. Immer. Überall." Die Farbe, auf die sie hier bei Karstadt zur Weihnachtszeit setzen, ist Lila (lila glänzende Schaufenster). Eine der Glastüren an der Frontseite des Hauses ist mit der Information "Eingang für frühe Genießer" beschrieben (Kunden können hier von acht Uhr früh an die Lebensmittelabteilung Perfetto Feine Kost betreten). Und gleich noch ein Detail berührt den Reporter: Auf den Fensterscheiben im dritten Stock liegt ein gelber Schmutzfilm. Hinter dem Film: abgestellte Holzbretter.

Ach, das gute alte deutsche Warenhaus. Kaum ein Geschäftskonzept kommt einem so altmodisch, müde, rührend aus der Zeit gefallen vor wie die eigentlich doch schöne Idee, dass es unter einem Dach alle Dinge dieser Welt zu erschwinglichen Preisen zu kaufen gibt. Will der Kunde noch alles kaufen? Oder stammt die Idee, möglichst viel zu kaufen, aus der Zeit der Mangelware, den goldenen fünfziger und sechziger Jahren?

Lediglich 3,3 Prozent des Einzelhandelsumsatzes werden noch in Kaufhäusern erzielt. Karstadt, so steht zu lesen, steckt, im Gegensatz zu seinem direkten Konkurrenten Kaufhof, in einem wirtschaftlichen Teufelskreis (sinkende Umsätze, fehlende Liquidität, verschleppte Investitionen). Vom als Retter gefeierten Investor Berggruen wird nach dem Verkauf des KaDeWe erwartet, dass er lediglich nach einem eleganten Absprung von seinem Engagement sucht. Der Besucher kann sich gar nicht entsinnen, wann er zuletzt in einem deutschen Warenhaus eingekauft hat: War das – ein Jahrzehnt muss das her sein – beim Kauf eines goldenen Armkettchens, das er bei Mister Minit mit dem Namen einer Frau gravieren ließ? War das – viele, viele Jahres ist es her – beim Kauf einer gusseisernen Bratpfanne?

Und doch: Irgendwas stimmt nicht beim Abgesang auf das deutsche Kaufhaus. Eine These: Es kaufen nach wie vor viele Leute gerne in Kaufhäusern ein, sie reden nur nicht darüber. Die Idee der Kaufhausgründer Rudolph Karstadt, Abraham Wertheim und Hermann Tietz, nach der der Kunde sich in einem Überangebot der Waren frei hin und her bewegen, die Waren anfassen und vergleichen kann, sie ist ja zeitlos gut. In der Krise müssen einfache Fragen neu gestellt werden: Was gibt es in Kaufhäusern? Wie sieht das aus? Welche Poesie kann das Warenhaus heute noch entwickeln, und welche Gefühle kommen im Kunden beim Umherschweifen hoch? Schöne Frage: Ist es heute möglich, ein Kaufhaus wie ein Museum zu besichtigen?

Das Kaufhaus betritt der Kunde durch einen gewaltigen Föhn, der in der Schleuse, die zwischen den ersten und den zweiten Glastüren liegt, auf den Kunden herabbläst. Etwa 25 Grad warm bläst der Föhn im Karstadt am Hermannplatz. Mit welchem Sinn? Warum ist das so? Es ist, als sollte der Kunde darauf aufmerksam gemacht werden, dass er nun ein schönes, warmes Land, die perfekte Kunstwelt, betritt.