In der heiß geföhnten Schleuse hängen zu beiden Seiten Infokästen, die etwas über den speziellen Charakter und Humor dieser Karstadt-Filiale sagen und viel über die Kundschaft, die hier in Neukölln einkauft: Werbung für das Restaurant und – groß geschrieben – die Raucherlounge im vierten Obergeschoss. Am heutigen Donnerstag gibt es im Restaurant Spinat-Ricotta-Cannelloni mit Cranberry-Soße für 4,95 Euro oder die Entenbrust, knusprig gebraten, mit Rotkohl und Zangenkroketten. Der Morgen beginnt im Karstadt-Restaurant um 8, der Abend um 16.30 Uhr, dann gibt es "zwei Steaks, Geflügel und Schwein, mit zwei Beilagen und zwei Soßen" zu 5,95 Euro.

Was gibt es in Erdgeschossen von Kaufhäusern zu kaufen? Ein Gemisch aus den Dingen, die der Mensch nicht braucht, die folglich etwas Besonderes sind, die der Kunde sich also gönnen kann – Schmuck, Parfüm, Damenhandtaschen, hochpreisige Schreibgeräte. Der überwiegende Teil der Kaufhauskundschaft ist weiblich, er muss gleich im Eingangsbereich abgeholt werden. Im Erdgeschoss des Karstadt am Hermannplatz fallen Stapel der Karstadt-Zeitschrift Style News auf, im Dezember mit der Titelgeschichte Weihnachten im Goldrausch. Auch fällt auf, dass weite Teile des Erdgeschosses an Karstadt-fremde Firmen vermietet sind, es kommen hintereinander ein Schalter der Postbank, eine Apotheke, Apollo-Optik, die Telekom, die Tierfutterfirma Futterhaus und die Buchkette Hugendubel. Das Kaufhaus hat sich also längst in seine eigene Einkaufspassage verwandelt (eine Verkäuferin wird das Prinzip, nach dem Karstadt mittlerweile ein Drittel seiner Verkaufsfläche vermietet, als "Shop im Shop" bezeichnen). Typisch für Berliner Kaufhäuser sind die Souvenirstände. Hier gibt es Berlin-Schüttelgläser, das Parfüm Eau de Berlin, Rucksäcke mit eingenähten Berlin-Bären, kurzum: sagenhaft hässliches Zeug.

Das Herz dieses Karstadt, zumindest ein neuralgischer Punkt, scheint an den Rolltreppen im Erdgeschoss, gewissermaßen in der Schwebe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock, zu liegen. Hier kommen viele, gehen viele. Hier gibt es: Weihnachtsteddybären zu 9,90 Euro und Lederschminkkoffer, einen klassischen Weihnachtshit. Das Kaufhaus zeigt hier auch, wie es sich die festliche Garderobe für den Silvesterabend vorstellt (Mann soll violettes Hemd mit violett-schwarz-gestreifter Krawatte zu grauem Anzug tragen, Frau schwarzes Paillettenkleid). Der Besucher versucht nun, die Verwirrung zu erkunden, die ihn seit Betreten des Kaufhauses ergriffen hat, indem er versteht, welche Materialien im Erdgeschoss des Karstadt zusammenkommen und wirken. Blick nach oben: Die niedrigen Decken bestehen aus weißen Resopalplatten. Blick nach unten: Über die Böden verläuft in organisch geschwungener Führung ein Gang aus Marmorplatten quer durch Holzfurnier. Der Besucher geht in die Knie und fasst die Böden an, um ihre spezifische Beschaffenheit zu begreifen. Schau an: Marmor und Holz sind aus demselben, ineinander übergehenden Kunstmaterial, PVC, Vinyl oder Laminat, der Kunststoff hat nur einmal Holz-, einmal Marmoroptik. Die zwei Rolltreppenhäuser des Karstadt sind beide, weil Vorweihnachtszeit ist, mit weißen Lichterketten geschmückt. "Besuchen Sie auch den Weihnachtsmarkt im 3. OG." Sehr gerne.

Der erste Stock ist ganz dem Thema Fashion für die Frau und den Mann gewidmet: schön. So viele schön klingende Kleiderfirmen gibt es nur noch im Kaufhaus: "Alberto, pants we love". Adagio-Cashmere-Pullover sind "bekannt aus unserer TV-Werbung und werden vom Weihnachtsmann empfohlen". Das Gedicht der Karstadt-Damenschuh-Marken lautet: Zanon & Zoga, Ara, Jenny by Ara, Ecco, Gabor. Pierre Cardin heißt hier die feinste Marke. Gott, wie schön, es gibt sie noch, die Jeansfirma Mustang! An den reduzierten Freizeithemden von A. W. Dunmore stört nur, dass die Button-down-Kragen so groß wie beim Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff sind. Da steht der Besucher vor einem Schalter, an dem – man stelle sich das vor – Änderungsatelier, Reinigungsannahme, Verpackungsservice, Konzert- und Theaterkasse in einem untergebracht sind. Diese wilde Effizienz kriegt wirklich nur noch Karstadt hin.

Noch mal: Der Besucher fragt sich, woher der starke Eindruck der Verirrung rührt. Ganz einfach: Es gibt im Kaufhaus ja keine Fenster. Und so eine Etage von 250 mal 80 Metern ist groß. Über die Regale hinweg, die die Normhöhe von 1,45 Metern nur in Ausnahmefällen überschreiten, lässt sich das Ende der Etage nicht erblicken. So entsteht im Blick durch die Etagen der kaufhaustypische Eindruck der Gleichzeitigkeit aller Waren: Verwirrung, Zauber, Flimmern, Rausch.

Beobachtung der Menschen, die im Kaufhaus unterwegs sind: Die sind schon alt, die meisten über sechzig. Männliche Verkäufer bei Karstadt tragen kein Jackett, sondern Hemd, Namensschild und Krawatte. Die unfreundliche Bedienung ist ein Relikt aus den achtziger Jahren, es gibt sie kaum noch. Kriegen die Verkäuferinnen zu Beginn jedes Verkaufstages in der anstrengenden Vorweihnachtszeit Pillen vom Filialleiter verteilt, die sie zu langmutigen und einfühlsamen Menschen machen? Unter den Verkäuferinnen im Karstadt am Hermannplatz sind einige ganz großartige Modelle dabei, die wie aus den siebziger Jahren herbeigereist zu sein scheinen: riesige Föhnfrisuren, lila Lesebrillen, die auf schwarzen Glitzeroberteilen liegen. Herzlichen Dank für die freundliche Beratung. In diesem Karstadt sind außerdem viele Frauen mit Kopftüchern unterwegs.

Treffen mit der Filialleiterin, einer eleganten Dame. Sie preist die hohe Junge-Designer-Dichte in Neukölln, von einer vielversprechenden Kooperation mit der Berliner Fashion Week ist die Rede. Überhaupt kommt im Gespräch mit der Karstadt-Chefin heraus, dass sie ihr Haus durchaus als feine Adresse sieht: "Wir sind der einzige Anbieter hier am Standort, der etablierte Mitte und aufwärts verkaufen kann. Wer 1-Euro-Shops sucht, der wird genügend in der Nachbarschaft finden."

Die wirklich schöne und reiche Lebensmittelabteilung im Untergeschoss: Da liegen ganze Fische. Der Weihnachtsmarkt: Er ist dort untergebracht, wo einst die Multimedia-Abteilung war (den Verkauf von Fernsehgeräten wie aller Unterhaltungselektronik hat Karstadt zur Mitte des Jahres wegen der Konkurrenz der Mediamärkte eingestellt). Hier stehen der große rote Sessel vom Weihnachtsmann und ein Briefkasten, in den Kinder ihre Weihnachtswünsche einwerfen können. Hier sind außerdem wunderbar abstrakte Arrangements zu besichtigen, wie es sie außerhalb von Kaufhäusern sicherlich nirgends mehr gibt (ein weißer Türrahmen, von Tannenzweigen bedeckt). Eine Oboe spielt Stille Nacht .