Wer jetzt nicht singen oder summen mag, ist ganz arm dran. Weihnachtszeit ist Singezeit, Liederzeit. Überall – auf den Weihnachtsmärkten, in den Kaufhäusern und im Radio – erklingen die vertrauten Melodien, seien es schlichte Volkslieder oder anspruchsvolle Kantaten. Die Botschaft, die sie verkünden, mag ungehört bleiben, und vielleicht wissen viele, die leise mitsummen und sich an Kindertage erinnern, kaum noch, worum es eigentlich geht. In den alten Bräuchen und Bildern, Texten und Klängen jedoch, als wären sie Denkmäler einer entschwundenen Zeit, lebt die christliche Kultur noch immer fort, und an Weihnachten taucht sie wieder auf.

Vorm Kitschigen oder Sentimentalen hatte diese Kultur niemals Scheu. Man darf den Text des bekanntesten Weihnachtsliedes der Welt (es wurde zum Unesco-Kulturerbe erklärt) nicht allzu streng betrachten: "Stille Nacht! Heilige Nacht! / Alles schläft. Einsam wacht / Nur das traute heilige Paar. / Holder Knab’ im lockigten Haar, / Schlafe in himmlischer Ruh!"

Wenn wir den Evangelisten vertrauen, so herrschte damals keineswegs Ruhe, sondern die Hirten (so Lukas) und die Weisen aus dem Morgenland (so Matthäus) machten ihre Aufwartung, ganz zu schweigen von den "himmlischen Heerscharen", die machtvoll "Ehre sei Gott in der Höhe!" sangen. Die dichterische Freiheit, die der österreichische Pfarrer Joseph Mohr 1816 in Anspruch nahm, hat den Erfolg des Liedes mitbegründet, und der holde Knabe mit seinen Locken, der doch wohl ein Baby war, gehört unabänderlich zum weihnachtlichen Inventar.

Das Wunder, von dem Lukas und Matthäus berichten, hat aber auch wahrhaft große Texte inspiriert: "Es kommt ein Schiff, geladen / bis an sein’ höchsten Bord, / trägt Gottes Sohn voll Gnaden, / des Vaters ewigs Wort. / Das Schiff geht still im Triebe, / es trägt ein teure Last; / das Segel ist die Liebe, / der Heilig Geist der Mast.

Selten gab es eine so schöne, diskrete Metapher für Schwangerschaft. Auch wer sie nicht versteht, weil er zu jung oder schamhaft ist, wird das Bild von diesem Schiff nicht vergessen, erst recht nicht die scheinbar schlichte, jedoch raffiniert gebaute Melodie. Sie stammt aus dem Jahr 1608, der Text aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.

Auch der religiös Desinteressierte kann, wenn er ein literarisches Sensorium hat, leicht erkennen, welcher Schatz in den Kirchenliedern verborgen ist. Maria durch ein Dornwald ging oder Es ist ein Ros entsprungen oder Macht hoch die Tür zählen zu den großen Texten der deutschen Lyrik. Das Kirchenlied ist eine ihrer wenig beachteten Eigentümlichkeiten. Die von Philipp Wackernagel 1870 herausgegebene Sammlung deutscher Kirchenlieder verzeichnet 450 katholische sowie 3.700 evangelische Lieder. Die Kollektion von Albert Fischer aus dem Jahr 1904 fügt ihnen weitere 3.000 hinzu.

Diese Blüte verdankt sich der Reformation, genauer gesagt: Martin Luther. Er nämlich wollte, dass die Gläubigen in ihrer eigenen Sprache eigene Lieder sängen, um sich so der Gemeinschaft und der Botschaft zu versichern. Von ihm stammen nicht wenige der bis heute auch von Katholiken gesungenen Lieder, etwa Vom Himmel hoch, da komm ich her oder Nun bitten wir den Heiligen Geist. Im Kirchenlied erblickte Luther "Medizin gegen das Böse" und "Labsal gegen den Verdruss".

Johannes Calvin und Ulrich Zwingli sahen das anders. Die puristischen Reformatoren verbannten alle Musik und alle Bilder aus den Kirchen. Nur das biblische Wort sollte zählen. Erst später erlaubte Calvin unter strengen Auflagen gewisse Texte und Melodien.

In der katholischen Liturgie hatte das Kirchenlied, wie wir es heute kennen, ursprünglich gar keinen Ort. Latein war die Lingua franca des Abendlandes, und nachdem Papst Gregor der Große zu Beginn des 7. Jahrhunderts die unterschiedlichen Liturgien und Messgesänge vereinheitlicht hatte, begann die große Zeit der gregorianischen Gesänge, deren strenge und bestrickende Schönheit bis in die Konzertsäle vorgedrungen ist, während sie in den katholischen Kirchen heute nur mehr eine bescheidene Rolle spielt.

Dass auch die Katholiken anfingen, Lieder in deutscher Sprache zu singen, war eine Folge der Gegenreformation. Angeleitet von der Streitmacht der Jesuiten, wurde der Kampf der Konfessionen auch auf dem Feld des Liedes ausgefochten. Der Jesuit Friedrich Spee (1591 bis 1635) machte sich nicht bloß als Kritiker der Hexenprozesse einen Namen, sondern vor allem als Verfasser von geistlichen Liedern, die bis heute von beiden Konfessionen gesungen werden: "O Heiland, reiß die Himmel auf, / herab, herab vom Himmel lauf. / Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, / reiß ab, wo Schloß und Riegel für." Die Lutheraner mussten erleben, wie sie auf ihrem ureigensten Gebiet vom Feind zurückgedrängt wurden.

Ein schönes Beispiel für die Übergangszeit zwischen Latein und Volkssprache ist dieses Lied: "In dulci jubilo, / Nun singet und seid froh: / Unsers Herzens Wonne / liegt in praesepio / und leuchtet wie die Sonne / matris in gremio / Alpha es et O." Die neuen Gesangbücher übersetzen das für uns: Mit süßem Jubel – in der Krippe – auf dem Schoß der Mutter – du bist das Alpha und Omega. Aber eigentlich will man gar nicht wissen, was das auf Deutsch heißt, die lateinischen Worte klingen viel schöner und geheimnisvoller.

Am Kirchenlied erkennt man, wie sehr sich das religiöse Sprechen im Lauf unserer Geschichte verändert hat. Die lateinischen Messgesänge waren beides: Bitte um Beistand und Lobpreis Gottes. Ihre Sprache und Metaphorik bezogen sie fast ausschließlich aus der Bibel. Vor allem die Psalmen und die Texte der Propheten befruchteten bis in die Neuzeit hinein das Kirchenlied. Der berühmte Kanon "Lobet und preiset, ihr Völker, den Herrn / freuet euch seiner und dienet ihm gern" zitiert die Psalmen 100 und 117.