Er legt Wert darauf, sich im alten Café Einstein zu treffen, nicht im neuen Einstein Unter den Linden, wo heute, am ersten Tag der neuen Großen Koalition, die aufgeregten Netzwerker tagen. Ulrich Matthes, 54 – vielleicht ist das einfach der versierteste Schauspieler Deutschlands, er kann wirklich alles spielen, Könige, Manager, junge Männer, alte Männer, Goebbels (Der Untergang). In Berlin ist Matthes längst eine Art stellvertretender Kultursenator: Was Brandauer für Wien und das Burgtheater ist, das ist dieser Großschauspieler für Berlin und das Deutsche Theater.

Matthes, das Charaktergesicht (Nase, Wangenknochen). Ein Tee, ein weich gekochtes Ei, mehr nicht. Hilfe, man merkt gleich, dass er Lust hat, kluge, gut gesetzte, zum Nachdenken anregende Sätze zu sagen – es ist doch erst elf Uhr früh! Wir holen ihn mit Fragen zur Politik herunter. Eine Frau ist seit dieser Woche der erste Soldat in Deutschland: Ist das nicht herrlich, wie Merkel ihren seit Jahren anhaltenden Feldzug gegen die Männer von Sieg zu Sieg führt? Er stutzt, guckt irritiert angesichts dieser ein wenig überdrehten Frage. "Das ist interessant und originell, dass eine Frau Verteidigungsministerin ist." Geht ihm die Smartness der Ursula von der Leyen nicht auf die Nerven? Charmante Antwort: "Sie würde halt nie so einen niedlichen Satz wie Merkels ›Das Internet ist für uns alle Neuland‹ sagen." Die neue Verteidigungsministerin hat erklärt, sie müsse sich jetzt erst einmal in ihren neuen Stoff, ihre neue Rolle einarbeiten. Hat ihm, dem Schauspieler, das gefallen? "Sie hat gesagt, sie wolle sich über Weihnachten einarbeiten. Da habe ich gedacht: Da werden sich die sieben Kinder aber freuen!"

Sollen wir weiter über Politik sprechen, die mit ihm irgendwie eine leichte, lustige Sache ist? Matthes: "Ich unterhalte mich so wahnsinnig gerne mal nicht über mich. Also: Weiter!" Welchen Politiker schätzt er als begabten Darsteller? "Für mich ist Schauspielerei ja eher, einem Moment von Wahrheit nahezukommen. Also: das Gegenteil von Verstellung." An Kanzlerin Merkel schätzt Matthes den Verzicht auf jede Machtattitüde. Ist er eigentlich SPD-Mitglied? Entsetzen: "Nein! Das wäre ja furchtbar!" Soll der Gabriel jetzt, wo er sich so toll durchgesetzt hat, mal wieder ein bisschen abnehmen? Dieser kluge Matthes weiß, dass man nicht auf jede blöde Frage eine Antwort geben muss. Er guckt. Grinst durch seine Brille hindurch. Sagt noch einen Moment lang besser nichts: "Der soll mal weitermachen. Und dann wird Gabriel 2017 gegen von der Leyen Kanzler."

Das Ei ist gegessen. Der Schauspieler wirkt unruhig, weil er den brillanten Satz, der potenziell immer in ihm steckt, bei diesem Frühstück noch nicht losgeworden ist. Kann man als Schauspieler zu durchgesetzt, zu arriviert sein? Die Frage nervt ihn jetzt natürlich. Ausgeschlossen, dass er mal Kulturstaatsminister wird? "Von mir aus nicht." Kurzer Schreck, über das, was er da gerade gesagt hat. Befreiendes Gelächter. "Manchmal macht es mich wahnsinnig, immer nur für den Mikrokosmos meiner Rolle verantwortlich zu sein." Steckt in ihm ein Politiker? "Nein, aber ein politischer Mensch."

Ist er gut aufgelegt! Wir reden jetzt über die immer schöne Frage, ob das politische Theater ein Comeback haben sollte: Ja, sollte. "Theater hat total an Relevanz verloren. Die Themen werden woanders gesetzt." Das ist – von ihm – schon eine Aussage. Er hat bei diesem Frühstück nicht mal ein Zehntel seiner darstellerischen Kraft anbringen können. War 2013 das Jahr, in dem Otto Sander gestorben ist? "Ja. Und das Jahr, in dem Walter Schmidinger starb." Zum Abschluss eine dezidiert private Frage: Wie sagt er "I love you"? Stille. Natürlich: ohne Worte.