DIE ZEIT: Mr. Kieran, im Winter küren ja etliche Magazine und Websites die Must-see-Orte des neuen Jahres. Auch Titel wie 1000 Places to See Before You Die, sogenannte bucket lists, sind enorm beliebt. Was meinen Sie als erfolgreicher Reisebuchautor? Was müssen wir 2014 gesehen haben?

Dan Kieran: Ehrlich gesagt sind Listen dieser Art für mich das Gegenteil von Reisen. Wo immer man sich gerade aufhält: Das Reisen findet doch vor allem im Kopf statt. Ich möchte unterwegs Entdeckungen machen, die irgendetwas in mir in Schwingung versetzen. Das geht aber schlecht, wenn ich den Routen anderer folge und ihrer Definition dessen, was ich tun oder lassen soll.

ZEIT: Warum arbeiten Menschen selbst in ihrer Freizeit trotzdem so gerne Listen ab?

Kieran: Ich denke, dass es viele Leute als entlastend empfinden, wenn man ihnen klare Strukturen vorgibt – nicht nur was das Reiseziel betrifft, sondern auch vor Ort: Wer aus Paris zurückkommt, ohne den Eiffelturm gesehen zu haben, wird zu Hause zu hören kriegen: Mein Gott, was für eine Zeitverschwendung! Wir wollen beweisen, dass wir einen tollen Urlaub hatten, uns selbst und anderen. Deshalb tun wir Dinge, bei denen sich alle einig sind, dass sie irgendwie sinnvoll sind.

ZEIT: In Ihrem Buch Slow Travel – Die Kunst des Reisens propagieren Sie das komplette Gegenteil. Sie ermutigen Menschen dazu, sich auf Reisen weitgehend planlos treiben zu lassen. Waren Sie schon immer so unterwegs?

Kieran: Es fing eigentlich damit an, dass ich nicht gerne fliege. Auf Partys musste ich mich dafür oft rechtfertigen, dabei haben ja die meisten von uns vor irgendetwas Angst: den Job aufzugeben, den sie hassen, die Beziehung zu beenden, in der sie unglücklich sind. Solche Ängste werden allerdings nie zum Gegenstand von Smalltalk, weil das als zudringlich gilt. Über Flugangst dagegen spricht jeder, ich meine: JEDER! Was? Du fliegst nicht? Wieso das denn? Das fühlt sich an, als würde dauernd jemand auf einem blauen Fleck herumdrücken.

ZEIT: Und dann haben Sie den Zug als Fortbewegungsmittel für sich entdeckt?

Kieran: Mir blieb nicht viel anderes übrig, denn reisen wollte ich ja durchaus. Schon wegen meiner Großmutter, die ich sehr geliebt habe – sie war eine furchtlose Entdeckerin! Also fing ich an, mit dem Zug zu fahren, langsam zu reisen. Und irgendwann stellte ich fest, dass es mir gar nicht mehr so sehr darum ging, meinen Ängsten zu entkommen. Vielmehr hatte ich dabei etwas Wunderbares entdeckt!

ZEIT: Nämlich?

Kieran: Es macht einen riesigen Unterschied, ob man reist oder sich nur fortbewegt. Und die meisten Menschen reisen einfach nicht mehr. Es geht ihnen nur um das Ziel, nicht um den Weg dorthin. Leute wie Paul Theroux oder Bruce Chatwin dagegen, die sind auch langsam gereist und haben dabei jede Menge Entdeckungen gemacht – auch wenn sie nicht immer spektakulär wirken: Mal ist es ein Blick aus dem Zugfenster, mal die Fünf-Sekunden-Unterhaltung mit einem Fahrkartenschaffner in Mexiko.

ZEIT: Und wer die Abkürzung durch die Luft nimmt, verpasst in Ihren Augen etwas?

Kieran: Absolut! Ich bin sicher, dass man in ein paar Jahrhunderten auf unser Zeitalter zurückblicken und sich fragen wird: Warum zum Teufel hatten die es eigentlich so eilig? Es ist schwer, aus diesem System auszubrechen. Aber man kann es schaffen, in kleinen Schritten. Seine Zeit zurückstehlen! Wenn ich langsam reise, fühle ich mich, als würde ich die Schule schwänzen, großartig.

ZEIT: Sie plädieren dafür, auch nach der Ankunft langsam weiterzureisen. Statt mit Stadtplan und Reiseführer bewaffnet, sollte man sich am Ziel eher dem Zufall überlassen. Warum?

Kieran: Weil ich denke, dass das mentale Spazierstöcke sind, auf die man sich stützt – ohne dass man sie braucht.