Ein Bericht von der Bedeutung des Leipziger City-Tunnels sollte in Falkenberg/Elster, Brandenburg, beginnen. Dort ist, am Bahnhof, das Jägerschnitzel "Ostalgie" im Angebot. "Mistdreck hier! Mann, Mann, Mann ...", mault ein Mann, der beim Ticketkauf verzweifelt. Er muss sich beeilen. Denn der wichtigste Zug des Tages, ach: des Jahrzehnts fährt ein.

Sogar Stanislaw Tillich (CDU), Sachsens Ministerpräsident, befindet sich an Bord. Es ist eine Jungfernfahrt, die der neuen S-Bahn-Linie Hoyerswerda–Leipzig–Geithain. Ohne den City-Tunnel wäre diese S-Bahn-Linie nicht möglich. Und die Jungfernfahrt macht nun Station in Falkenberg. Tillich ist, nebst Gattin, schon in Hoyerswerda zugestiegen. Er schaut gütig aus dem Fenster.

Was mag die Botschaft seiner Reise sein? Vordergründig: Die Bahn kommt. Hintergründig: Der City-Tunnel, das gigantische Jahrhundertwerk, dieser Vier-Stationen-Stollen durch Leipzigs Unterbau, just eröffnet im Dezember 2013, strahlt weit über die Landesgrenze. Knapp eine Milliarde Euro haben seine zwei Röhren gekostet. Und nun ist es Tillich, der, indem er da eben sitzt und gütig aus dem Fenster schaut, beweist: Diese Milliarde hilft nicht nur Leipzig. Sondern allen, die sich helfen lassen wollen.

Steigen wir zu! Und setzen uns. Der City-Tunnel, was ist das genau? Ein Flyer erklärt es: Die Verbindung zwischen Leipzig-Hauptbahnhof und Leipzig-Bayerischer Bahnhof. Diese historischen Kopfbahnhöfe, der eine nördlich, der andere südlich der Innenstadt, sind jetzt unterirdisch verbunden. Verbunden ist damit nicht nur der Norden der Stadt mit dem Süden. Nein, es ist geradezu, endlich, ein Riss im Land überwunden: Man kann von Hoyerswerda nach Geithain durchrauschen, von Halle nach Zwickau, ohne Leipzig aufwendig umkurven zu müssen.

Der City-Tunnel, das Scharnier des Ostens. Wäre er nicht gerade eröffnet worden, man müsste ihn dringend erfinden. Oder? Tillich schaut immer noch gütig aus dem Fenster. Hostessen reichen Häppchen. Dutzende Ehrengäste, Bürgermeister und Bahnvertreter, sind auch an Bord. Sie sprächen gern mit Tillich, bekommen ihn aber nicht so recht zu Gesicht. Der Sachsen-Fürst reist First Class im nagelneuen Zug. Kaum jemand wird zu ihm vorgelassen. So nähern wir uns langsam Leipzig ... Krrrz. Über die Bordlautsprecher meldet sich der Bürgermeister Falkenbergs. Hier werden tatsächlich Reden per Durchsage gehalten! Ein historischer Tag für Falkenberg/Elster und Leipzig, sagt der Bürgermeister. Krrrz. Wünsche allzeit saubere und pünktliche Fahrt. Krrrz. Was tut Tillich? Schaut aus dem Fenster.

Aber plötzlich wird es schwarz um ihn. Oh, das muss Leipzig sein. Ja! Einfahrt in den Schacht. Und schon: Ankunft. Die Türen öffnen sich.

Stanislaw Tillich lobt die Vorteile der Bahn: Man kann Glühwein trinken!

Wir sehen die Untergrundstation Leipzig-Hauptbahnhof: Welch Kathedrale! Weltstadt! Weltstadt! Draußen holen wir Tillich ein: Gefällt Ihnen der Tunnel? Da schaut der Premier, als würde er gerade gütig aus einem Fenster schauen. "Er gefällt mir sehr", sagt er. "Gerade jetzt zur Weihnachtszeit kann man Glühwein trinken, man muss keinen Parkplatz suchen." Und das ist ja schon eine ganze Menge. Was bedeutet es aber wirklich für eine Stadt, wenn sie eine U-Bahn bekommt? Tillich würde das vielleicht nicht so sagen, aber es bedeutet, sie wird Metropole. Unter der Erde sind wir Berlin, Paris, Tokio! Für kurze Zeit jedenfalls.

Vier Minuten (handgestoppt) dauert die Reise von einem Tunnelende zum andern. Dann ist der Spaß schon vorbei. Man kann trotzdem City-Tunnel fahren, bis einem schwindelig ist; dafür muss man nur immer wieder umsteigen, mindestens zwölf Mal pro Stunde hin und zurück, hin und zurück, hin und zurück, hin und zurück ... Und während wir so fahren, hören wir Bürger, stolze Bürger, schwatzen: "Für die näschstn Jahre is das infrastrugdurdechnisch nadierlich enn Meisterwerk." Wir hören auch Kritik: "Mit dor Strossnbohn gings dor ooch. Muss mor da jetz en Vermöschn dafür ausgehbn, dossmor so eenen Dunnel baut?" Aber da haben wir uns ablenken lassen, kurz, doch zu lange: denn auf einmal wird es hell. Wir sind zu weit gefahren. Wir haben den Tunnel verlassen. Umsteigen! Zurück! Bayerischer Bahnhof. Wilhelm-Leuschner-Platz. Markt. Hauptbahnhof. Umsteigen. Nächste Bahn. Zurück bis Bayerischer Bahnhof. Zurück bis Hauptbahnhof. Zurück bis Bayerischer Bahnhof. Übelkeit!

Wir fahren, fahren, fahren. City-Tunnel, Sonntagabend: Ein strammer Bursche mit Tunnelblick, Mitte 50, stürzt im Zug. Er braucht zwei Stationen, um sich wieder aufzurichten. "Wenn se scheen saubor und pünktlich is, fahr ich gerne Bahn."

Ein anderer Fahrgast erzählt seiner Frau, dass der Tillich extra aus Hoyerswerda angereist sei.

Was stimmt, wie wir wissen. Im Hauptbahnhof hat Tillich eine Tunnel-Eröffnungsrede gehalten. Der Bahnchef hörte zu. Tillich scherzte, es sei großer Bahnhof in Leipzig. Der Bahnchef spielte auf Stuttgart 21 an, weil er froh ist, dass wenigstens hier die Gleise schon unter der Erde liegen. Tillich sagte, so seien die Sachsen. Eine alte Bergbaunation ... Unter Tage sind wir die Größten!