Die Frage: Heiner und Anna waren acht Jahre lang verheiratet, Tochter Maria ging in die erste Klasse, als eine fremde Frau Anna anrief und sich als Heiners Geliebte zu erkennen gab. Anna fiel aus allen Wolken. Heiner sagte, er wolle an der Familie festhalten. Anna und Heiner leben nun getrennt, führen aber gemeinsam ihr Geschäft, einen Weinladen. Heiner will nicht, dass die Kunden Bescheid wissen. Anna sieht das ein. Heiner besteht darauf, dass Kindergeburtstage und Weihnachten zusammen gefeiert werden, über seine Freundin soll dem Kind zuliebe nicht geredet werden. Jetzt will Heiner mit Maria und Anna in Urlaub fahren. "Maria würde sich freuen", sagt er. Maria strahlt. Anna fühlt sich nicht wohl dabei, aber sie möchte ihrer Tochter die Freude nicht verderben.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Anna ist so taktvoll und vielleicht auch so aggressionsgehemmt, dass sie sich den Satz verkneifen kann: Der beste Trick, als tadelloser Ehemann zu gelten, sei doch der, es zu sein. Ich habe weniger moralische als ökonomische Einwände gegen so ein Vermeidungstheater: Es kostet Aufmerksamkeit, die besser woanders aufgewendet werden sollte. Das Ergebnis ist unsicher, das Scheitern für alle peinlicher als die gute alte Wahrheit von Anfang an. Solange Theater gespielt wird, können weder Heiner noch Anna (noch Maria) an der Auseinandersetzung mit zerbrochenen Erwartungen reifen. Das wiegt schwerer als der Verlust an Reputation. Und aus der Sicht des Kindes gesprochen: Glaubwürdige Eltern können Ängste eher mildern als Eltern, die mehr scheinen wollen, als sie sind.