"Schaun Sie", sagt Urs Widmer und lehnt sich im Korbsessel ein wenig nach vorn, "manche Dinge hören eben auf, ohne dass man es so richtig merkt." Er meint das Skifahren. Jahrelang waren Widmer und seine Frau, die Psychoanalytikerin May, passionierte Skifahrer. Bis sie irgendwann, fast selbst erstaunt, feststellten, dass sich der Spaß am Skifahren verloren hatte. "Das war kein Entschluss. Wir haben nicht gesagt: So, ab heute ist Schluss mit Skifahren! Es war uns ganz allmählich zu anstrengend geworden."

Er meint noch etwas anderes. Den Vergleich mit dem undramatischen Ende einer sportlichen Leidenschaft bringt Widmer vermutlich ins Gespräch, um dieses andere Thema auf schnellem Weg zu entdramatisieren: das Ende seines literarischen Schreibens. Der Poet, dessen poetische Quelle versiegt! Solche Töne sind nichts für den Schweizer Schriftsteller mit den legendären Kraushaarbüscheln um den Kopf, der für Posen nicht geschaffen ist und nicht für Pathos im Dienst der eigenen Person. Urs Widmer schenkt der Besucherin höllisch starken Kaffee aus einer roten Thermoskanne nach und sagt, er habe nun mal das Gefühl, seinen Vorrat an Geschichten aufgebraucht zu haben. Auf der elektrischen Schreibmaschine, einer voluminösen Triumph Adler, die auf dem Tisch im Zentrum von Widmers Züricher Arbeitsstube steht, werde wohl kein Roman, keine fiktionale Prosa mehr entstehen.

Bei Philip Roth wurde aus derselben Mitteilung im vergangenen Jahr eine weltweit kommentierte Agenturmeldung. Bei Martin Walser vollzöge sich ebenfalls ein gewisser Rummel, sollte er je auf die Idee kommen, ein Buch als sein letztes zu bezeichnen. Urs Widmer fährt mit den Fingerspitzen die Rippen seiner Cordhose entlang, als taste er die natürliche Strecke eines Künstlerlebens ab, und lehnt sich wieder zurück. Vielleicht ist er innerlich nicht ganz so gelassen. Vielleicht vermeidet er bedeutungsschwere Sätze auch aus Respekt vor der eigenen Erfolgs- und Glücksgeschichte. Und als geglückt darf man seine Laufbahn bezeichnen. Widmers Werk wird von der Intelligenzija so geschätzt wie vom Lesepublikum geliebt. Indianersommer, Kongo, Liebesnacht, Der blaue Siphon, Das Paradies des Vergessens, Der Geliebte der Mutter, Ein Leben als Zwerg – all diese Titel sind auch Synonyme für jene Quadratur des Kreises, mit der sich die deutschsprachige Literatur etwas schwer tut: anspruchsvoll und dabei vergnüglich, intelligent und gleichermaßen unterhaltsam zu sein. Widmer ist ein Fabulierer vor dem Herrn, ein Dialektiker des ins Leichte gewendeten Schreckens, ein Erfinder fantastischer Gegenwelten mit Hang zu Irrwitz und Übermut. Er kann den zarten Humor, den kalauernden Witz und den diskret melancholischen Unterton.

Den Vergleich mit Woody Allen, der sich auf die künstlerische Handschrift wie auf die Struktur des Haupthaars bezieht, hat er schon öfter gehört. Er selbst empfindet eine Verwandtschaft mit dem New Yorker Filmemacher allerdings eher in der Ausdauer ihrer psychoanalytischen Behandlungen. Zwei lange Psychoanalysen habe er hinter sich gebracht, sagt Widmer fröhlich, die erste in Frankfurt, die zweite in Zürich. Er sagt nicht "lang", er sagt "vollfett" und lacht. Ganz offensichtlich hat die freudianische Methode angeschlagen.

Im vergangenen Frühjahr wurde Urs Widmer 75 Jahre alt. Im Spätsommer erschien Reise an den Rand des Universums, eine Autobiografie. Sie umfasst allerdings nur die ersten drei Lebensjahrzehnte. Urs Widmer, der heute über das Ende des Schreibens nachdenkt, beugt sich in diesem Buch über den Beginn des Schreibens. Er blättert nicht die Geschichte des verheirateten, im Literaturbetrieb etablierten Schriftstellers auf, sondern dessen Vorgeschichte: die jähe Entfesselung von Sexualität und Kreativität als biografisches Parallelereignis. Er erzählt von der Jugend in Basel, von albtraumhaften Ängsten, vom diffusen Wissen um die Disharmonie der Eltern, die der Junge glaubte, keine Stunde aus den Augen lassen zu dürfen, weil sie sich sonst augenblicklich gegenseitig ermordeten. Er erzählt vom reisewütigen Studenten Widmer, der in Südfrankreich das Meer und in Paris die Metropole entdeckt, diese beiden, wie der Literaturwissenschaftler Peter von Matt sie nennt, großen Sehnsuchtstopoi der Schweiz. Die Autobiografie mündet ins Jahr 1967. Denn da fing es an.

Die richtige Frau, May, hatte er bereits gefunden, als sich 1967 jener "Urknall" ereignete, aus dem die andere entscheidende Konstante seines Lebens hervorging: die Schriftstellerei. Die Umstände, in die der Knall fiel, waren ein wenig bizarr. Aber vielleicht eben deshalb günstig für die Eruption einer Begabung. Widmer hatte 1965 eine Stelle als Lektor beim Walter Verlag in Olten angetreten, die er zwei Jahre später hinschmiss. Was der dortige Chef unter verkäuflicher Literatur verstand, war nicht das, was er sich unter interessanter Literatur vorstellte. Die Nachricht von seiner Kündigung drang nach Frankfurt am Main, ein paar Tage später war Siegfried Unseld am Telefon. Er offerierte dem jungen Schweizer eine Lektoratsstelle, 1200 Mark netto im Monat und die Zusammenarbeit mit den "Titanen der Branche". Also mit Suhrkamp-Kollegen wie Walter Boehlich, Karlheinz Braun, Klaus Reichart. May blieb zunächst noch in der Schweiz. Widmer bepackte seinen R4 bis übers Dach mit Hab und Gut, darunter eine Luftmatratze und seine damalige Olivetti, und steuerte einer im Frankfurter Westend angemieteten, als "schlüsselfertig und besenrein" angekündigten Wohnung entgegen. Er betrat eine Baustelle.