Es war ein Fehlstart mit verteilten Rollen. An sich wäre das Regierungsprogramm nicht besser oder schlechter als das, was die Öffentlichkeit gewohnt war und was allgemein erwartet wurde. Doch statt nun dafür gelobt zu werden, die Vorgaben des Bundespräsidenten eingehalten zu haben, ernten die beiden Regierungsparteien nur Spott und Hohn. Zwar ist die pauschale Ablehnung durch die Oppositionsparteien ein althergebrachter politischer Brauch mit wenig Aussagekraft. Schwer wiegt hingegen die Kritik aus den beiden Koalitionsparteien selbst. Sie ist von ungewöhnlicher Schärfe. Noch nie hatte eine Regierung schon zu Beginn mit einem derartigen Verlust innerparteilicher Autorität zu kämpfen. Es brodelt sowohl bei den Roten als auch bei den Schwarzen.

In der Reaktion des Tirolers Günther Platter ist vor allem die Verbitterung eines ÖVP-Landesfürsten zu erkennen, der sich übergangen und in seiner Ehre gekränkt fühlt. Die Schärfe der Kritik aus der Steiermark hingegen ist neu und unmissverständlich: Der SPÖ-Landeshauptmann Franz Voves und sein Stellvertreter Hermann Schützenhöfer von der ÖVP verbinden mit dieser Bundesregierung nichts Gutes für die nächsten fünf Jahre. Das ist für Werner Faymann und Michael Spindelegger der gefährlichste Aspekt der insgesamt so negativen Resonanz. Dieser Regierung wird selbst in den eigenen Reihen die Zukunft abgesprochen.

Faymann und Spindelegger haben sich vorgenommen, zu demonstrieren, dass die Neuauflage der Koalition nicht more of the same sein wird. Michael Spindelegger setzt dazu auf die Dramaturgie der Personalauswahl. Dass er mit den drei Quereinsteigern Sophie Karmasin, Andrä Rupprechter und Wolfgang Brandstetter tatsächlich alle überraschen konnte, war natürlich geplant. Dass die Überraschungen fast durchwegs schlecht ankommen, zerstörte allerdings die vorbereitete Inszenierung. Werner Faymann wiederum setzt auf staatsmännisch vorgetragene Kontinuität. Doch eben das schien nur zu bestätigen, dass von dieser Regierung nichts Neues zu erwarten ist.

Faymann hat natürlich recht: Die Sozialdemokratie kann in einer Koalition mit der von Existenzängsten geplagten Volkspartei nicht das eigene Wahlprogramm zum Regierungsprogramm erheben. Und recht hat er darüber hinaus, dass diejenigen, die den Kompromisscharakter der Koalitionsvereinbarung kritisieren, realistische Alternativen aufzeigen sollen: den Gang in die Opposition – aber gegenüber welcher Regierung? Oder eine Minderheitsregierung, die aber die Duldung einer Parlamentsmehrheit braucht – was zu denselben Kompromissen zwingt wie ein Koalitionsvertrag?

Die Klammer, die diese Regierung zusammenhält, ist gleichzeitig der Vorbote ihres Untergangs: der Mangel an Alternativen. Rot und Schwarz regieren weiter, weil weder die Freiheitlichen noch die Grünen oder die Neos als Mehrheitsbeschaffer stark genug sind. Deshalb ist die Fortsetzung der Regierung Faymann-Spindelegger eine logische Konsequenz des Wahlergebnisses vom 29. September; aber auch nicht mehr.

Doch sie hätte mehr sein müssen. Die Signale sind deutlich: Diese Form des Regierens wird es bald nicht mehr geben. Das klassische Parteiensystem zerflattert. SPÖ und ÖVP sind seit drei Jahrzehnten im Abstieg, der 1995 und 2002 nur kurzfristig unterbrochen wurde. Das nächste Mal wird es wohl keine rot-schwarze Mehrheit mehr geben. Und dass es wohl auch keine Mehrheit für eine andere Zweierkoalition geben wird, sollte kein Trost, sondern ein besonderer Ansporn sein, über die Zukunft des österreichischen Regierungssystems grundsätzliche Überlegungen anzustellen.

Solche findet man im Regierungsprogramm allerdings nicht. Das wiegt schwerer als das Hinausschieben klarer Reformvorhaben etwa im Bildungsbereich oder im Pensionssystem. Denn wenn 2018 oder schon früher die relative Stabilität und Berechenbarkeit österreichischer Politik verloren geht, dann wird der Umgang mit den anstehenden dringenden Problemen noch viel schwieriger sein. Wenn jetzt nicht die Weichen für politische Strukturen gestellt werden, die den vorhersehbaren Absturz in die Unberechenbarkeit aufzufangen in der Lage sind, etwa in Form einer Verschweizerung des Regierungssystems, dann wird der Ruf nach dem starken Mann mächtig erschallen. Und die, die sich dann anbieten, werden nicht Milliardäre aus Übersee sein, die selbstzerstörerisch ihre Substanz- und damit Harmlosigkeit zur Schau stellen.

Niemand kann Faymann, Spindelegger und Co. unterstellen, dass sie einer solchen Entwicklung Vorschub leisten wollen. Was sie getan haben, zeugt von braver politischer Professionalität, die für politische Normalzeiten ausreichen mag. Aber auch wenn Österreich – im europäischen Kontext – noch immer ein Land der Normalität ist: Die Zeichen stehen auf den radikalen Bruch mit dem Gewohnten.

Dafür hätte die Koalition das Land vorzubereiten. Doch was da rechtzeitig vor Weihnachten vorgelegt wurde, ist von allgemeiner Bravheit. Und die wird nicht reichen, um die Entwicklung in Richtung Absturz zu stoppen – oder gar umzudrehen.

Die Lemminge ziehen weiter. Das sind zwar recht nette und durchaus possierliche Tiere. Nur besondere Klugheit, die wird man ihnen nicht bescheinigen können.