Es wird sein wie jedes Jahr. Die Geschenke werden verteilt sein, die Lieder verklungen, das Filet verschlungen, und man wird, nach dem dritten, vierten, fünften Glas, gesellig. Nach den netten werden nun die scharfen Worte fallen. Und schon bald werden wir uns inmitten jener Diskussionen wiederfinden, die wir nie gewollt hatten. Angezettelt, wie immer, vom Onkel. Nennen wir ihn Karl.

Schon fängt er an mit seinen Verbalattacken gegen Sozialschmarotzer, Scheininvaliden und Lehrer, diese Faulpelze. Und wieder werden wir innerlich zu kochen beginnen, auch wenn wir uns zu Hause, vor dem Spiegel, noch geschworen haben, dieses Jahr cool zu bleiben. Und gelassen. Tief einzuatmen statt laut auszusprechen, was uns an Widerspruch auf der Zunge liegt. Einmal im Leben mit keinem Wort zu reagieren und auch nicht mit einer Geste, wenn er seine Tiraden gegen die Schwarzen, die er "Schmutzlis" nennt, mit dem Satz beginnen wird: "Ich habe ja nichts gegen Ausländer." Dabei tätschelt er den Hintern seiner Frau, die er vor Jahren, nach einer komplizierten Scheidung, auf den Philippinen kennengelernt hat. Gut, dass wenigstens sie nicht versteht, was er sagt.

Also flüchten wir in die Küche. Aber dort wird Pia stehen. Die Gastgeberin des Abends. Eine Tante. Die Kinder ausgeflogen, der Mann schon vor Jahren gestorben. Nur kurz werden wir sie zu Gesicht bekommen, beschürzt und mit schweißverklebten Haaren zwischen den vielen Gängen, die sie uns aufträgt. Doch so kurz sie jeweils zu uns stößt, so einprägsam wird sein, was sie uns sagt. Wie immer wird sie den Abend mit dem obligaten Champagner, Bollinger Grand Année, eröffnen, 139 Franken die Flasche. Noch bevor die Gläser gefüllt sind, wird sie sagen: "Zum Wohl! Und dass ihr’s wisst: Nächstes Jahr, meine Lieben, müssen wir den Gürtel enger schnallen." So wie sie es seit 20 Jahren sagt, bevor sie beim Hinausgehen ein Stück Lachs vom Silbertableau nascht und – husch! – in der Küche verschwindet.

Später, beim Dessert, wird sie uns, erschöpft und ermattet, wie wir bis dahin sein werden, noch einmal zu innerer Weißglut bringen. Dann, wenn sie von der karitativen Nachbarin erzählen wird und deren Hilfsprojekt im Kongo, für das die gute Pia auch dieses Jahr wieder tief ins Portemonnaie und in den Kleiderschrank zu greifen bereit war. Ihren Sermon wird sie abschließen mit den Sätzen: "Aber, seien wir ehrlich, sind uns diese Leute unten in Afrika nicht im Grunde überlegen? Diese Leute in ihren schlichten Strohhütten? So naturverbunden und so bescheiden. Die wissen noch, wofür sie leben. Und diese vielen Kinder! So natürlich, wie sie füdliblutt vor ihren Hütten sitzen. Herzig, oder?"

Alle kennen wir sie, die Karls und Pias und wie sie alle heißen.

Doch dieses Jahr wird alles anders. Wir werden sie überraschen. Nicht nur mit den Fotokalendern unserer Sprösslinge und den handgezogenen Kerzen. Nein, dieses Jahr bringen wir Argumente mit. Mit ihnen werden wir in den Diskussionen kontern. Sachlich, fair, klug. Mit viel Geduld. Mit Witz und Charme, und wenn’s sein muss, auch mal mit dem Zaunpfahl.

Und das klingt dann so, wenn Onkel Karl, ganz zufällig, auf die Masseneinwanderungsinitiative der SVP zu sprechen kommen wird, über die am 9. Februar 2014 abgestimmt wird.

Onkel Karl: Ich habe ja wirklich nichts gegen Ausländer. Wie könnte ich auch! Aber 80.000 Zuwanderer pro Jahr, das ist schon viel. 23.000 davon sind Deutsche, wie es neulich in der Zeitung hieß.

DIE ZEIT: Stimmt. Das ist viel. Und dass wir dazu übergehen, nicht mehr Bitte zu sagen, wenn uns jemand dankt, sondern "gerne", ist auch gewöhnungsbedürftig.

Onkel Karl: Zeit, dass wir dem einen Riegel vorschieben.

ZEIT: Sag, Karl, wer wird dir den Hintern putzen, wenn du im Altersheim bist? Also ich bin froh, dass die Schweiz für Ausländer attraktiv ist. Und dankbar, dass sie in unseren Spitälern und im Service arbeiten und als Ingenieure, Softwareentwickler und Putzpersonal hier ihr Geld verdienen. Manche so viel, dass sie gute Steuerzahler sind.

Onkel Karl: Immerhin können die Deutschen noch Deutsch. Ansonsten gilt: Wer sich nicht integrieren will, hat hier nichts zu suchen. All die Jugos, Albaner dazu immer mehr Schwarze, die hierherkommen und am Ende auch noch Sozialhilfe beziehen. Aber Deutsch? Kein Wort!

ZEIT: Jetzt hör mal zu, Karl! Seit wann lebt deine Samantha hier? Sind es zehn Jahre? Zwanzig? Und weißt du, wie es klingt, wenn du mit ihr sprichst? "Du, Schätzeli, you go home, I come after."

Onkel Karl: Das ist doch etwas ganz anderes! Meine Samantha kocht mir inzwischen eine Rösti, ich sag’s nicht gern, aber die ist besser als die vom Müetti, als es noch gelebt hat. Weißt du warum? Weil dort, wo sie herkommt, da lernen die Frauen noch richtig kochen. Nicht so wie hier, wo bald jede meint, sie müsse die Matur machen.

ZEIT: So wie deine Töchter. Sei doch stolz auf sie! Nochmals zu den Ausländern. Wir wissen doch alle, dass wir unseren Wohlstand zu einem großen Teil Ausländern zu verdanken haben. Nicht nur damals, als sie unsere Autobahnen und den Gotthardtunnel gebaut haben. Auch heute, wo sie dafür sorgen, dass die Pflegeheime nicht kollabieren, weil sie zu wenig Personal haben. Weißt du noch, wie glücklich Tante Frieda war, als sie im Pflegeheim von dieser Portugiesin gepflegt wurde? Und wie glücklich wir, weil wir wussten, dass sie jeden Nachmittag Karten mit Tanti spielt, obwohl ihr Arbeitsplan dies eigentlich nicht erlaubt hätte?

Onkel Karl: Ja, mit der hatten wir Glück. Haben auch genug bezahlt dafür. Aber: Das Boot ist voll.

ZEIT: Du weißt, dass die Schweiz das wettbewerbsfähigste Land der Welt ist? Und dass wir viel zu wenig eigene Fachkräfte ausbilden? Wir sind schlicht darauf angewiesen, dass ausländische Spezialisten diese Jobs übernehmen.

Onkel Karl: Ausländer, die mir den Platz in der S-Bahn streitig machen? Ihr Journalisten könnt gut reden, euer Tag beginnt ja nicht vor zehn Uhr. Aber unsereins, der stempelt, der kriegt das zu spüren. Den 7.05-Uhr-Zug, den kannst du glatt vergessen, sag ich dir! Alles nur voll, voll, voll.

ZEIT: Keine Frage, das ist ein Ärger. Das hat aber wohl weniger mit Ausländern zu tun als mit unserer Raumplanung und unseren Mobilitätsgewohnheiten. Wir arbeiten in der Stadt, pendeln in die Agglomeration, weil wir dort im Einfamilienhaus im Grünen leben wollen. Ob wir uns das leisten können, ist wirklich eine gute Frage.

Onkel Karl: Jetzt willst du noch, dass der Sprit teuerer wird, hä? Ich bleibe dabei: Die Ausländer nehmen uns die Wohnungen weg.