Der Papst und die Wirtschaft – Seite 1

Hat er das wirklich geschrieben? Dass unser Wirtschaftssystem "an der Wurzel ungerecht" ist? So stand es in vielen Zeitungen. Papst Franziskus verdamme den Kapitalismus. Ein System, das immerhin Milliarden Menschen aus der Armut befreit und vielen großen Wohlstand gebracht hat.

Nahrungsmittel, Wohnungen, Medikamente, Kommunikationsgeräte – all das wird fast überall auf Märkten geschaffen und in Ländern, in denen die Produktionsmittel in Privatbesitz sind und das Eigentum vom Staat garantiert wird. Und das soll eine unmoralische Veranstaltung sein?

In Wahrheit ist das nicht das Urteil des Papstes, er hat sich in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium differenzierter ausgedrückt. Dort schreibt er: "Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die unbeschränkt Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist."

Die Ungerechtigkeit besteht für den Papst also darin, dass das System einen Teil der Menschen, die Armen, sich selbst überlässt. Eine Ordnung, wie es sie heute in Deutschland gibt, wäre demnach nicht "an der Wurzel ungerecht".

Tatsächlich befürwortet der Papst in seinem Schreiben zentrale Elemente des Kapitalismus. Er bekennt sich zum Privateigentum. Es sei dadurch gerechtfertigt, dass die Güter so besser gehütet und gemehrt werden könnten, was dem Gemeinwohl diene. Er würdigt den Unternehmer: Dessen Tätigkeit sei eine "edle Arbeit", weil er die Güter mehre und so für alle zugänglicher mache. In einem Nebensatz vertritt der Papst sogar die Ansicht, dass ein "Wachstum an Gerechtigkeit" ein Wachstum der Wirtschaft voraussetze.

Andererseits formuliert er ein entschiedenes "Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen". Was er mit Ausschließung meint, erläutert er an einem wütend vorgebrachten Beispiel: "Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte an der Börse Schlagzeilen macht." Einleuchtend ist das nicht. Für Deutschland stimmt es auch nicht. Über Erfrierungstote wird berichtet, und ebenso täglich über die Preisentwicklungen an der Börse, weil sie für viele Menschen und Unternehmen von Bedeutung sind. Das eine hat aber mit dem anderen nichts zu tun.

Auch wenn der Papst sich dagegen wendet, "dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden", stellt er einen Zusammenhang her, den es so nicht gibt. Mit einem Ende der Verschwendung in den reichen Ländern ist den Menschen in den armen Ländern nicht zu helfen, mit einem Verzicht auf Fleischkonsum viel mehr.

Franziskus zeigt wenig Verständnis für das, was in der Wirtschaft vorgeht

Franziskus zeichnet ein Bild der Wirtschaft, die von Kampf geprägt ist. "Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichtemacht."

Wäre diese Analyse zutreffend, hätte IBM Google vernichtet, Time Warner hätte Facebook zerstört, und General Electric und die AEG hätten verhindert, dass aus Sony oder Samsung etwas werden konnte.

Wenn sich die Wirtschaft nach einem Gesetz abspielt, ist es das Gesetz des Besseren. Dabei ist evident, dass es wirtschaftliche Macht gibt. Aber sie bildet und verteilt sich immer wieder neu. Es ist ein evolutionärer Prozess (und damit ein Phänomen von der Art, mit der sich die Kirche traditionell schwertut).

Als Ursache der Finanzkrise benennt Franziskus eine "anthropologische Krise", "die Leugnung des Vorrangs des Menschen!". Ein Schlagwort, das nichts erklärt. In Wahrheit waren die lockere Geldpolitik der Fed (die den arbeitslosen Menschen Vorrang gab), das US-Programm "Häuser und Kredite für Arme" sowie der Herdentrieb und die übermäßige Vernetzung an den Finanzmärkten die Gründe der Krise. Und der ganze Schlamassel hatte auf allen Ebenen sehr menschliche Gründe.

Franziskus zeigt wenig Verständnis für das, was in der Wirtschaft vorgeht und was sie ausmacht. Er nennt es ein "Gift", wenn Arbeitsplätze abgeschafft werden, um die Ertragsfähigkeit zu steigern. In Wahrheit ist das, was den einzelnen Arbeitsplatz immer wieder bedroht, der Anstieg der Produktivität, das Bemühen also, mit weniger Mitteln mehr zu erreichen. Ein Unternehmen, das besser wird, aber seinen Absatz nicht steigern kann, braucht weniger Mitarbeiter. In den reichen Ländern kam der Reichtum nicht zuletzt dadurch zustande, dass viele Millionen Arbeitsplätze in der Landwirtschaft abgeschafft wurden.

"Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel des sozialen Übels", dekretiert der Papst. Man fragt sich: Ist die gerechte Welt für ihn die, in der jeder das Gleiche hat? Unabhängig von der Lebensweise, der Leistung, der Qualifikation, dem Nutzen für andere, die Gesellschaft? Und was soll der Maßstab sein? Die Meinung einer Kommission, die der jeweiligen politischen Mehrheit? Oder die der Kirche?

Plausibler ist die These, dass die Ungleichverteilung von Einkommen ein Antriebsmotor des wirtschaftlichen Fortschritts und der Zivilisation ist. Dass der Prozess nicht gleichmäßig vonstattengeht, dass immer einige führen und andere folgen. Was nicht ausschließt, dass Gesellschaften mit weniger großen Einkommensunterschieden friedlicher sind.

Für den Papst ist die Wirtschaft etwas Statisches

Der Papst wendet sich gegen eine "Vergötterung des Geldes" und gegen einen "vergötterten Markt". Das ist eine bei einem Kirchenoberhaupt verständliche Sorge, neben seinem Gott darf es keine anderen Götter geben. Geld müsse dienen, statt zu regieren, schreibt er und mahnt die Menschen zur "uneigennützigen Solidarität". Das ist christlich, aber wohl nicht realistisch. In der Wirklichkeit regiert das Prinzip der Reziprozität: Ich gebe, damit du gibst, damit ich gebe. Die Wissenschaft hat zahlreiche Belege dafür, dass menschliche Solidarität ein zugleich eigennütziges Verhalten ist. Menschen helfen einander, weil sie wissen, dass sie auf Hilfe angewiesen sind. Altruismus ist evolutionär vorteilhaft. Die Stärke der menschlichen Art besteht in ihrer herausragenden Kooperationsfähigkeit. Als Problem erweist sich in arbeitsteiligen Großgesellschaften, in denen typischerweise einander Fremde zusammenarbeiten müssen, das Misstrauen. Woher weiß ich, dass es der andere ehrlich meint? Auch um dieses Hindernis in der menschlichen Entwicklung zu überwinden, entstand das Geld. Es ersetzt Vertrauen in Situationen, in denen dieses nicht aufgebaut werden konnte – und macht Menschen kooperativ.

Das zentrale Thema dieses Papstes ist die Armut. "Der ganze Weg unserer Erlösung ist von den Armen geprägt", sagt er. Franziskus prangert die Gleichgültigkeit an. Wir im Norden und Westen verlören die Ruhe nur noch, "wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht gekauft haben", während uns das "Drama der anderen" in keiner Weise erschüttere.

Tatsächlich gibt es ein weltweites Bemühen, die Armut zu bekämpfen, und es ist nicht ohne Erfolg geblieben. Auf der Erde leben 1,2 Milliarden Menschen in extremer Armut. Eine schreckliche Zahl, aber es sind 700 Millionen weniger als vor 30 Jahren. Eingedämmt wurde die Armut vor allem in China, Indien und Brasilien. China ist ein Beispiel dafür, wie Armut zurückgeht, wenn die Koordination der Wirtschaft über Märkte läuft.

Für den Papst ist die Wirtschaft etwas Statisches, er nennt das griechische Wort oikonomia und spricht von der "angemessenen Verwaltung des gemeinsamen Hauses". Passt dieses Bild zur Situation auf der Erde? Ausgeblendet wird, dass wir eine historisch beispiellose Menschenvermehrung erleben, vor allem in den unterentwickelten Staaten. Heute sind es fast 7,2 Milliarden, fast dreimal so viel wie 1950. Dieses Bevölkerungswachstum muss wirtschaftlich bewältigt werden. Darin liegt die Herausforderung – aber der Papst erwähnt sie mit keinem Wort.

Eine Ursache der Überbevölkerung sind Geburten, die von den Eltern nicht gewollt sind. Und eines der größten Hindernisse dafür, dass Frauen, die keinen Kinderwunsch haben, Verhütungsmittel einsetzen, ist vielerorts die katholische Kirche. Darüber schreibt der Papst kein Wort. Wichtig ist ihm dagegen, die kirchliche "Verteidigung des Lebens der Ungeborenen" zu bekräftigen.