Ein stummer Diener

Der eine war zuletzt im Amt fast unsichtbar gewesen. Der andere ist im Laufe der letzten Jahre unübersehbar geworden. Im schwarz-gelben Kabinett waren sie die einzigen Arbeiterkinder, sie kennen einander seit den Anfangstagen ihrer politischen Karrieren und könnten doch verschiedener nicht sein: Ronald Pofalla und Peter Altmaier. Pfeiler im System Merkel waren sie beide. Nun geht der eine, und der andere rückt ins Zentrum. Am vergangenen Dienstag nahm Peter Altmaier als Kanzleramtsminister im Bundestag direkt hinter Merkel auf dem Stuhl von Pofalla Platz, während der sich zum ersten Mal seit vielen Jahren in der dritten Reihe wiederfand. Pofalla will ein normaler Abgeordneter sein, fürs Erste. Vor allem aber will er wieder mehr Privatmensch sein, nicht nur Amtsträger.

Als Kanzleramtsminister gehört man zu den wichtigsten Politikern der Republik. Die Probleme des Kanzlers oder der Kanzlerin sind die eigenen Probleme, die eigenen Erfolge werden zu den Erfolgen des Kanzlers. Man lebt das Leben eines anderen, anders geht es nicht. Die CDU, Merkel, die Regierung, mit der Zeit ist das alles scheinbar eins geworden, und Ronald Pofalla hat daran buchstäblich rund um die Uhr mitgewirkt. Der persönliche Preis war hoch: Zwei Ehen scheiterten kinderlos, Beziehungen gingen kaputt. Nun will Pofalla wieder auftauchen, aber nicht in der Politik, wie es alle erwartet hatten. Er will seine Freundin heiraten, eine Familie gründen, sich selbst gehören. Und auch ein bisschen Geld verdienen, nach einer von ihm bestimmten Karenzzeit.

Im Amt folgt Pofalla nun einer, der Merkel so lange kennt wie er selbst. Wie Pofalla hat Altmaier dazu beigetragen, dass sie groß wurde, und ist dabei mit ihr groß geworden. Das Kanzleramt ist für ihn Chance und Zumutung zugleich, wenn auch ganz anders als für Roland Pofalla.

Als Peter Altmaier 1994 in den Bundestag kam, war Ronald Pofalla schon da. Bei der legendären schwarz-grünen Pizza-Connection saß Pofalla zwar ab und zu mit am Tisch, mit den Jungen Wilden stritt er für eine moderne Gesellschaftspolitik und ein liberaleres Ausländerrecht. Doch seine wildesten Jahre, inklusive heftiger Gefechte mit dem damaligen Kanzler Helmut Kohl, hatte er schon hinter sich. Als die anderen Jungen um Altmaier in der Spendenaffäre auf Distanz zu Kohl gingen, hielt Ronald Pofalla dem Alten die Treue. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb machte Merkel den Juristen zu ihrem Mann: Als Bezirksvorsitzender der CDU Niederrhein war er für die Frau ohne Hausmacht ein wichtiges Bindeglied zum größten Landesverband der Partei. Zudem wusste Merkel, dass nicht alle in der CDU von ihrem Bruch mit Kohl begeistert waren. 2005 wurde Pofalla Generalsekretär – und für die Kabarettisten des Landes alsbald ein dankbares Objekt. Er erfand die Strategie, die zum Muster von Merkels Regentschaft wurde: den Gegnern die Themen klauen und die eigene Partei modernisieren, nicht mit großer Ankündigung, sondern eher beiläufig.

Der quirlige Reformer Altmaier tauchte derweil erst mal ab, als Staatssekretär im Innenministerium bestellte er Schäuble das Haus und hielt sich öffentlich zurück. Vier Jahre später verkehrten sich die Rollen wieder: Pofalla wurde Kanzleramtsminister und suchte sein Heil darin, sich für die Öffentlichkeit unsichtbar zu machen. Altmaier stieg zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer hinter Fraktionschef Volker Kauder auf. Beim "hinter" blieb es allerdings nicht lange. Bald stellte sich der Eindruck ein, der weltoffene und strategisch begabte Altmaier, der als einer von wenigen in der Regierung auf Französisch und Englisch Interviews geben kann, sei womöglich ein bisschen zu groß für den Posten. Vor allem aber: größer als sein Chef, Volker Kauder.

Nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen rückte Altmaier anstelle seines Freundes Norbert Röttgen zum Umweltminister auf. Er war nun nicht mehr der Mann hinter einem anderen wichtigen Politiker, er stand selbst im Vordergrund. Und er genoss es. Altmaier bekochte Gegner, Zweifler und die Opposition in seiner großen Altbauwohnung, unterhielt seine wachsende Fangemeinde auf Twitter und verfolgte selbst mit einer Mischung aus Stolz und Staunen seinen Aufstieg zum Medienstar.

Wenn dagegen Ronald Pofalla auftauchte, dann als Unfall. Zu den größten Herausforderungen in Merkels Kanzlerschaft gehörte die Euro-Krise, zu den gefährlichsten Momenten die NSA-Affäre. Während des Tauziehens um eine Mehrheit zum Euro-Rettungsschirm blaffte Pofalla seinen Parteifreund Wolfgang Bosbach an: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen." Die NSA-Affäre erklärte er für "beendet", als das Fragen erst begann. Hilfreich war beides nicht, aber vielleicht unvermeidlich, es machte den Überdruck deutlich, dem der Mann ausgesetzt war. Auf pofallabeendetdinge.de (zum Beispiel Schuberts Achte) ergossen sich im Netz neue Spottwellen über den Minister.

Sein Leben, das ist die Politik

Der liebe Gott habe es so gewollt, dass er allein durchs Leben gehe, hat Altmaier einer Zeitung auf die Frage gesagt, warum er keine Frau habe. Sein Leben, das ist die Politik. Altmaier hat sich ihr verschrieben, wie das heute kaum noch ein Politiker tut. Seinem neuen Amt kommt das entgegen.

Eigentlich wollte er dieses Amt gar nicht, es kam ihm wie ein Rückschritt vor. Organisieren, koordinieren, anderer Leute Inhalte umsetzen, das hat er ja schon gemacht. Doch sein Ministerposten ging an SPD-Chef Sigmar Gabriel. Also hat Altmaier dann doch gleich Ja gesagt, als Merkel ihn gefragt hat. Und binnen 72 Stunden hat Altmaier sich, wie noch jedes Mal, selbst in die nötige Begeisterung für den neuen Job gequatscht, gedacht und getwittert. Als ehemaliger Geschäftsführer kennt er sich mit Politik als Organisation aus, als früherer Umweltminister versteht er etwas vom wichtigsten und am schwierigsten zu koordinierenden Feld der Regierung, der Energiewende.

Doch Altmaiers politischer Ehrgeiz richtet sich nicht nur darauf, den jeweiligen Job gut zu machen und reibungslose Abläufe zu bewerkstelligen. Er war immer einer, der gestalten, Dinge verändern wollte. Da muss er sich nun zurücknehmen, das schreckt ihn vermutlich mehr als die Arbeitsbelastung. Sie wisse, wie schwer es sei, die Freiheit eines Ministers wieder abzugeben und ins Kanzleramt zu gehen, hat Merkel am Dienstag in der Fraktionssitzung zu ihm gesagt.

Wie viel Twitter das Kanzleramt verträgt, wie viel Öffentlichkeit sein darf und wie viel Unsichtbarkeit sein muss, all das muss Altmaier nun herausfinden. Das Wichtigste für die nächsten Jahre, sagt er, stehe jedoch fest: "Mein Programm heißt Angela Merkel, aus Loyalität und aus Überzeugung." Gab es da nicht, bei aller Freundschaft, mal Meinungsverschiedenheiten, zum Beispiel beim Thema Europa? I wo. Ab sofort gilt: Altmaier beendet Dinge. Für Angela Merkel.

Und Pofalla beginnt ein neues Leben.