Eine schwarze Wolkenwand schiebt sich am Tag der Einweihung über den blauen Himmel. Während der Feier kommt Wind auf, so stark, dass mehr als ein Dutzend Männer das eigens aufgestellte Festzelt festhalten müssen. Gut 50 Menschen drängen sich schutzsuchend in der neuen Franziskus-Kapelle.

Roland Fitzner, 71 Jahre alt und seit 26 Jahren Bürgermeister von Muhr am See in Mittelfranken, erinnert sich gern an diesen stürmischen Tag Ende Oktober. Der Posaunenchor spielte, fast 300 Menschen waren zusammengekommen, als der evangelische Regionalbischof und der katholische Domvikar die Kapelle weihten. Seine Kapelle. Denn Bauherr war weder die katholische noch die evangelische Kirche, sondern er, der Bürgermeister. Gebaut in zweieinhalb Jahren, geplant und hartnäckig vorangetrieben über 17 Jahre hinweg. Es ist ein besonderes Gotteshaus: gebaut außerhalb des Ortes, auf einem Feld, sehr schlicht, offen für alle.

Eine wunderliche Geschichte ist das: Da baut sich in Zeiten, in denen viel vom Kirchensterben die Rede ist, ein Bürgermeister eine Kirche ins Dorf. Auf eigene Faust, mit gespendetem Geld. Was treibt diesen Mann an?

An einem Montagnachmittag lässt sich Roland Fitzner im Rathaus in seinen Bürostuhl fallen. Es zwickt im linken Bein seit der langen Rückfahrt am Samstag von der ungarischen Partnergemeinde. Ein Nerv klemmt, aber auf so etwas nimmt Fitzner keine Rücksicht. Die Gründungsfeier der evangelischen Landjugend am Sonntag ließ er deshalb auch nicht ausfallen. Es gibt nicht viele Anlässe im Ort, die ohne ihn auskommen. Den Beruf des Bürgermeisters fasst Roland Fitzner weit, sehr weit. Er sieht sich nicht nur als oberster Vertreter der Gemeinde, als Verwaltungsleiter oder Vollzieher von Ratsbeschlüssen. Er ist hier so etwas wie der weltliche Seelsorger der Gemeinde.

Muhr ist ein beschaulicher Ort am Altmühlsee mit 2200 Einwohnern, viele Touristen kommen und sind gern gesehen, einmal im Jahr gibt es die Seefestspiele. Und wer Schillers Räuber liest, kann darin das eine oder andere Muhrer Schloss erkennen. In Muhr stehen auch die evangelische St. Johanniskirche und die katholische Kirche St. Walburga. Beide Gotteshäuser sind sonntags zwar gut besucht, aber keinesfalls voll.

Warum also, um Gottes willen, noch eine Kirche, Herr Bürgermeister?

Fitzner lehnt sich im Stuhl zurück, die Hand am zwickenden Bein, und sagt nur: "Sehnsucht." Um dann doch noch etwas auszuholen. Nach dem Krieg zieht der katholische Fitzner mit seinen Eltern von Wien ins evangelische Muhr. Er wird Automechaniker und versieht seinen Wehrdienst in Berchtesgaden. Wenn er am Wochenende zurückkehrt und aus der Ferne den Zwiebelturm der evangelischen St. Johanniskirche sieht, spürt er das Gefühl von Heimat. Die Zweiteilung des Glaubens in Konfessionen kommt ihm komisch vor. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind. Nur dort, wo man es ganz nah hat, wo wir nur einen Herrgott haben, da teilen wir uns auf." Er schüttelt darüber den Kopf.

"Meine Vision war eine Jedermannskirche, in der sich jeder ohne Zwang finden kann." Auch bei einigen seiner Gemeindemitglieder glaubte er, eine ähnliche Sehnsucht nach gemeinschaftlicher Sinnstiftung zu spüren.

Horst Seehofer schickte einen Brief – und der Papst seinen Segen

Die Vision ließ ihn nicht mehr los. Fitzner hievt von einer Ablage zu seiner Linken einen Ordner auf den Schreibtisch. Seinen Kapellenordner. Er hat an Horst Seehofer geschrieben und um finanzielle Hilfe gebeten, er hat an Seehofers Innenminister geschrieben. Er hat an Papst Benedikt und an den Wiener Erzbischof Christoph Schönborn geschrieben und von der Kapelle erzählt, die er da bauen will. Die Politiker schickten ihm Briefe, aus denen er nur ein Schulterzucken herauslesen konnte. Aber der Papst schickte seinen Segen und der Erzbischof eine Ikone, die heute in der Kapelle hängt.

Roland Fitzner schiebt eine Lesebrille auf seine Nase und blättert in seinem Ordner zu einer Liste mit Namen und Summen. Als kleinste Spende sind 5 Euro verzeichnet, als höchste Summe 10 000 Euro. Die Evangelische Landeskirche hat 7.000 Euro gegeben, das Bistum Eichstätt 5.000 Euro. Als Fitzner zu seinem 70. Geburtstag um Spenden bat, kamen 14.000 Euro zusammen. Die Menschen haben offenbar Freude am Kirchenbau, jedenfalls unterstützen sie ihn. Doch selbst wenn man die Arbeitsleistung der freiwilligen Helfer, die Materialspenden und die Arbeitszeit des Bauherrn in Rechnung bringt – es bleibt eine Lücke zu den Baukosten von 100.000 Euro, wie Fitzner sie angibt. Was hat er selbst gespendet? "Das will ich nicht sagen", sagt er mit rauer Stimme in fränkischem Dialekt. "Es ist in Ordnung so."

Die Franziskuskapelle steht nun 500 Meter vom Dorfrand entfernt. Die Grundfläche misst 20 Quadratmeter, der Glockenturm ragt fast 10 Meter in die Höhe. Wer auf einer der zwei Bänke Platz nimmt, sieht einen Altar aus gelbem Juramarmor und links daneben, im Eck, eine hölzerne Madonna. Das Fenster überrascht: mundgeblasenes Glas auf drei mal drei Metern, gestaltet von Johannes Schreiter, einem der bedeutendsten Glasbildner der Gegenwart, Wert 35 000 Euro.

Ein sehr ausführlicher Brief des Bürgermeisters konnte Schreiter davon überzeugen, dass es eine gute Idee ist, ein prächtiges Glasfenster neben einen Acker zu stellen.

Am Anfang war eine Glocke. Vor 17 Jahren bestellte sie Roland Fitzner in einer Gießerei für 5.000 Mark, zwei Zentner schwer. Als er im Rahmen der Flurbereinigung zum ersten Mal den Bau einer Feldkapelle vorschlägt, erntet er aber nur Stirnrunzeln. Die Glocke landet auf einem Holzgestell und läutet lediglich bei Dorffesten und Feldgottesdiensten.