Unbeirrt treibt Andreas Maier sein Großprojekt Ortsumgehung voran, den auf etliche Bände angelegten Zyklus über seine hessische Heimat, der er in leidenschaftlicher Ambivalenz verbunden ist. Der dritte Band Die Straße, folgend auf Das Zimmer und Das Haus, widmet sich jetzt einem so interessanten wie heiklen Thema: dem Sexus, seiner Entdeckung genauso wie seiner radikalen Abgründigkeit.

Wir befinden uns am Ende der 1970er Jahre in einem Neubaugebiet in Westdeutschland, in Friedberg in der Wetterau. Im nahe gelegenen Bad Nauheim ist der Autor 1967 zur Welt gekommen. Im ruhigen Mühlweg wohnt die uns bereits bekannte Familie des Erzählers, der niemand anderes als Andreas Maier selbst ist: das Nesthäkchen, der Sonderling – jener, der die Masken der Normalität herunterreißt, wenn er "ficken" rufend durch die Straße radelt, ohne zu wissen, was das Wort bedeutet. Auf dem Familienplaneten, bestehend aus Vater, Mutter, Schwester und zwei Brüdern, landet eines Tages ein amerikanischer Austauschschüler namens John Boardman, ein dicker, unglücklicher Junge, zu dem unser Erzähler eine besondere Beziehung entwickelt. Die Schwester hingegen, befallen vom "Amerikavirus", ist enttäuscht vom neuen Mitbewohner. Sie hatte sich unter einem Amerikaner etwas Umwerfendes, Fantastisches vorgestellt, wie sie überhaupt für alles "made in U. S. A." schwärmt. Die massive Präsenz amerikanischer Besatzungssoldaten in Friedberg hat daran erheblichen Anteil.John Boardman aber ist ein Mensch mit "Traurigkeitshintergrund". Er stößt zur Familie, weil ihm bei seinem ersten Gastvater etwas Schreckliches passiert sein muss; niemand spricht darüber, und doch scheinen es alle zu ahnen. Für den Erzähler wird dieser John Jahrzehnte später zum "weißen Kaninchen", das ihm, der als Kind Alice im Wunderland liebte, das "eigentliche Loch" zeigen wird. Das aber, anders als in Lewis Carrolls Kinderbuch, nicht schillernd, sondern schwarz ist. Das eigentliche Loch ist "die Schwärze" schlechthin und John "das Urbild des Schmerzes".

Ein merkwürdiges Phänomen in Andreas Maiers Texten: Wahrheitssuche schlägt um ins Läppische, das Läppische wiederum ins Komisch-Slapstickhafte. Mit Die Straße aber hat der Autor darüber hinaus einen Schritt unternommen, der ans Theoretische rührt. Es geht um das Verhältnis der Sprache zum Vergessen, aber auch um das Verhältnis von Nichtsprachlichem und Triebleben. Die eigenwillige Begrifflichkeit, erstaunlich für einen literarischen Text der Gegenwart, bewegt sich zwischen Existenzialismus und Freudianismus, wobei der entscheidende Terminus "Verdrängung" nicht fällt. Doch darum geht es: um Erinnerungsarbeit am schwarzen Loch. Der Mühlweg in Friedberg in der Wetterau wäre so gesehen die Straße der Erinnerung.

Die Straße des Titels meint aber auch, ganz schlicht, die Verkehrsadern der gesamten Ortschaft, ja der Republik, durch die die "Grundversorgung" der Bevölkerung mit "Heften" organisiert wird. Ob es sich um die Bravo handelt, mit der die Schwester und deren Freundinnen sich zurückziehen, um "Worte als Abenteuer" zu erleben, um die rührende Praline für den einsamen Mann oder um echte Pornografie – das alles wird irgendwo ausgeheckt, gedruckt, in Lieferwagen verfrachtet und zu den Leuten gebracht, die damit ihre Sehnsucht oder Geilheit (Maier lässt wie bei einer Kippfigur offen, was jeweils zutrifft) stillen. Die Hefte füttern ein Triebleben, von dem der Autor nahelegt, es sei universal, also heimatunabhängig.

Und doch wird hier Sexualkunde als Heimatkunde betrieben. Dabei handelt es sich um die Rekonstruktion einer Sexualkunde, die nie stattgefunden hat: "So war die sprachliche Welt meiner Eltern ein ganzes Leben lang eine Welt ohne Beischlaf, und ich spürte, wie durch die totale Abwesenheit dieses Wortes (oder seiner Umschreibungen) dieses Wort totale Allmacht über sie hatte." Das ist einer der Grundgedanken des Buchs: Sprachlosigkeit führe zu einer extremen Fixierung auf das nicht zur Sprache Gebrachte. Konkret heißt das, dass die Väter fast durchdrehen beim Anblick der sprießenden Weiblichkeit ihrer Töchter; dass die Mädchen sich mit glühenden Gesichtern ihren "Doktorspielen" hingeben, mit dem kleinen Bruder als Handlanger und "Opfer"; oder dass die Mutter sich den Sohn mittags ins Bett holt zum Rückenstreicheln. Als schaurige Hintergrundmelodie vernimmt man das Kinderspiel Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? , das in der Schule so arglos wie eh und je gespielt wird.

Die Stärke des Buchs zeigt sich in seiner bösen, archaischen Härte. Etwa, als die Mädchen der Nachbarschaft eines Exhibitionisten ansichtig werden und die Väter eine "Bürgerwehr" bilden und die Gegend durchstreifen auf der Suche nach dem "bösen Mann". Aber den erwachsenen "Perversen" finden sie nicht. Stattdessen sieht der Erzähler einen Jungen nackt am Fenster, deutlich erregt der Dunkelheit zugewandt. Eine zauberhafte Szene, an der zwei Einsame beteiligt sind, ein Schauender und einer, der den Schauenden meint, aber nicht erkennen kann. Hier erfasst man jenen "Traurigkeitshintergrund" ganz konkret, den Andreas Maier auch für sich beansprucht; die "Normalen", die, "die funktionieren", stoßen ihn tief ab. Und dafür rächt er sich.

War der Erzähler bisher vor allem ein scharfer Beobachter, so ändert sich dies mit dem Auftauchen einer Spezies, die in Friedberg offenbar im Plural existierte: der sogenannten Hexenhausmänner. Sie sind klein, tragen widerliche Stoffhosen und riechen. Sie gaffen. Sie stehen vor den geduckten Häusern und locken, unter den Augen eingeweihter Ehefrauen, zarte Jungen hinein, deren Schulweg durch die Altstadt führt. Auch der Erzähler war einmal ein solcher Junge, zwischen neun und elf, aber die Erinnerung daran: ein schwarzes Loch. Das "eigentliche Loch", kann man sagen. Jenes, das ihm, ausgelöst durch das Nachdenken über John Boardman, nach langer Zeit plötzlich bewusst wird. Es dämmert einem, dass John Boardman, der dicke amerikanische Austauschschüler, das weiße Kaninchen, der Märtyrer des Schmerzes, nicht nur John ist, sondern auch der Erzähler. Das "Urbild des Schmerzes" strahlt ab auf den, der mit dem schwärzesten Teil seiner Heimat ringt, mit dem Loch, das so metaphysisch wie erzähltechnisch zu verstehen ist. Wie es weitergehen wird nach der Wiederaneignung der schwarzen Erinnerung, darauf muss man gespannt sein. Mit Sicherheit ist dies der bisher schwierigste, gewagteste Band der Ortsumgehung.